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Am Anfang ist das Bild

Wie Kinder Leser werden – und bleiben

Susanne Helene Becker

Lesen ist ein Weg, sich die Welt zu erschließen, sie zu verstehen – und den eigenen Platz darin zu finden. Darum kann die Begegnung mit dem Buch gar nicht früh genug beginnen

Bücher begleiten das Kind beim Entdecken seiner selbst, der Welt, der Sprache, der Schrift, der Fantasie und der Welt der Geschichten. Schritt für Schritt – von Anfang an, selbst wenn es noch gar nicht lesen kann. Bilderbücher sind die ersten Türen in die literarische Welt; in jedem Lebensmonat, in jedem Lebensjahr des Kindes hat das Bilderbuch eine wichtige Bedeutung. Und weil Kinder von heute auch heute aufwachsen, brauchen sie neben „Klassikern“ und uns aus der eigenen Kindheit bekannten Büchern auch ganz neue und aktuelle Bücher, die die Welt aus der Sicht und in der Ästhetik der Gegenwart darstellen.

„Aber ein Säugling versteht doch überhaupt nichts, wenn ich ihm ein Buch zeige oder gar vorlese“, mag nun mancher einwenden. Das stimmt – und stimmt auch wieder nicht, denn er lernt diese kommunikative Situation als solche kennen. So können Leporellos aus Stoff oder abwaschbarem Material zu den ersten Buchbegleitern des Kindes gehören. Auf jeder Seite ist ein Gegenstand aus dem Alltag abgebildet und lädt zum Schauen ein – jedenfalls wenn das Kind das zur Geschmackprobe in den Mund gewanderte Buch einmal wieder freigeben mag. Denn Bücher werden in dieser ersten Zeit vor allem be-griffen, geschmeckt und gefühlt. Und sie werden auch schon von Säuglingen wiedererkannt – sie fördern also die Wahrnehmung und die Sinne. Deswegen darf es ruhig ein Lieblingsbuch sein, das das Kind stets begleitet und Anregung und „Kuscheltier“ zugleich ist. So lernt das Kind, dass Bücher Teil seines Alltags, seines Lebens sind. Denn die Präsenz von Büchern von Beginn an sind eine wichtige Voraussetzung dafür, dass das Kind an Büchern auch später Gefallen findet.

„Da!“ – Erkennen und Benennen

Die Bedeutung von Büchern ist eng gekoppelt an die Bedeutung der Menschen, die das Kind umgeben und mit ihm gemeinsam die Welt der Bücher und Geschichten entdecken. Das beginnt mit kleinen Erzählmonologen der Erwachsenen, ob bei der Beschäftigung mit dem Säugling („Hier ist dein Nabel“ oder „Das ist deine Nase“), beim Schildern von Abläufen („Jetzt bekommst du eine neue Windel, ... so, fertig angezogen.“) oder beim Blick aus dem Fenster („Schau, da fliegt ein Vogel. Jetzt setzt er sich auf den Baum.“). Alle diese kleinen „Erzählungen“ sind bereits Vorbereitungen des Leserwerdens.

Noch bevor das Kind Sprechen lernt, kann es Dinge auf Bildern wiedererkennen – und das verschafft ihm Erfolgserlebnisse. Beim Erkennen und Benennen entdeckt das Kind beglückt Wesen und Gegenstände aus seiner Welt, für die es bereits einen Namen gefunden hat. Übrigens: Erkennen kann ein Kind Gegenstände schon, wenn es noch gar keine Bezeichnung dafür hat. Also sind Papp-Bilderbücher mit Alltagsgegenständen schon für nur wenige Monate alte Kinder interessant. Das Erkennen und Benennen ist sozusagen das erste „Lesemuster“ des heranwachsenden Kindes.

Das Wichtige an diesem Miteinander beim Erzählen und ersten „Betrachten“ von Bilderbüchern: Das Kind lernt das Geschichtenerzählen und das Bilderbuchlesen als Formen der Zuwendung kennen und verbindet fortan Geborgenheit und Intimität mit solchen literarischen Kommunikationssituationen.

Sprechen lernen mit Büchern

Und damit sind wir bei einer weiteren wichtigen Funktion von Bilderbüchern für die Entwicklung des Kindes. Denn Bilderbücher fördern die Sprachentwicklung– immer vorausgesetzt, das Kind hat einen Partner an seiner Seite, der es begleitet. Neben den schon erwähnten Bilderbüchern, die Tiere, Menschen und Gegenstände des Alltags abbilden und zum Erkennen auffordern, sind in dieser Phase auch textlose Bildgeschichten spannende Begleiter, etwa die sogenannten Wimmelbilderbücher, die zumeist auf Doppelseiten je eine komplexe Situation darstellen – mit vielen verschiedenen Akteuren, Gegenständen und Umgebungen –, in denen sich zahlreiche Geschichten verstecken.

So lernt das Kind wieder etwas über das „Lesen“ von Büchern dazu. Es kann sich die erzählte Welt immer besser vorstellen, sich in die Hauptfiguren der Bilderbücher hineinversetzen und ganz verschiedenen Wendungen vorhersehen oder zumindest vermuten. Mit etwa dreieinhalb bis vier Jahren dann will das Kind deshalb „richtige“ Geschichten vorgelesen bekommen, Geschichten mit Hauptfiguren und mit einer Handlung. Ein ganz typisches Wort für diese Phase der Leseentwicklung ist „Nochmal!“. Das ist die Zeit, in der der Erwachsene ein Buch sehr weise auswählen sollte, denn er wird es unter Umständen viele Male vorlesen müssen. Und Eltern oder Erzieher machen die Erfahrung, dass sich Kinder diesen Alters die vorgelesenen Texte sehr gut merken können: Kleine Versprecher oder gar „Abkürzungen“ der Geschichte beim Vorlesen werden sehr ungnädig aufgenommen und sofort korrigiert.

Welt der Geschichten und Zeichen

Mit Bilderbüchern, die Geschichten erzählen, wird das Kind mehr und mehr zum Literaturkenner. Mit passenden Bilderbuchgeschichten lernt das etwa fünfjährige Kind wichtige neue literarische Genussmöglichkeiten kennen, wie beispielweise Witz und Ironie. Es bereitet viel Vergnügen, wenn Bild und Text ganz unterschiedliche Aussagen treffen und genau dazwischen das Vergnügen liegt. Um ein richtiger Geschichtenkenner zu werden, wird es jetzt auch wichtig, im Buch vor- und zurückzublättern: „Wie war das noch? Was geschah, als diese Figur jener begegnete?“ Der Erwachsene regt Bilderbuchgespräche an, die das Kind ermuntern, seine Erwartungen an den Fortgang der Geschichte zu formulieren und am Bild oder mit der bisherigen Geschichte zu begründen. Und auch dazu mitzufühlen, wenn dem Held der Geschichte Ungemach geschieht und mitzufiebern, wenn es spannend wird. Nach und nach lernt das Kind in Büchern ganz verschiedene Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse kennen und diese auch auszudrücken. In dieser Hinsicht tragen Bilderbücher viel zur Persönlichkeitsentwicklung bei.

Und eines Tages wird aus dem kleinen Kind ein echtes Vorschulkind und es wächst in die Phase der Entdeckung der Schriftlichkeit hinein. Zu wissen, dass Buchstaben Wörter und Wörter Sätze bilden und dass diese kleinen schwarzen Zeichen für jeden Leser den gleichen Sinn ergeben, nennt man in der Forschung die „Einsicht in die Symbolfunktion von Schrift“. Jedes Kind, das von Anfang von in die Welt der Bücher und Geschichten eintauchen darf, hat die besten Voraussetzungen, in die Welt der Schriftsprache einzusteigen – also selbst schreiben und lesen zu lernen.

Und welche Bücher sind es, die die Kinder am besten begleiten? Neben „Klassikern“ sind es vor allem auch neuere Bücher, die die Welt aus der Sicht und in der Ästhetik der Gegenwart darstellen. Der in Kürze erscheinende Band „55 neue Lesetipps, Bücher für Kita-Kinder“ stellt Bücher zusammen, die helfen, dass Kleinkinder zu Lesern werden – und vorbereitet sind, 99 weitere Bücher zu entdecken, wie sie für Grundschulkinder in „99 neue Lesetipps“ vorgeschlagen werden.

Susanne Helene Becker

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