bildung+ Startseite Branchenbuch Mediadaten Impressum Links Newsletter

Journal der Leipziger Buchmesse Referendare reisen Lernen science bildungSPEZIAL medien

Spezial

Die Mär vom bildschirmfreien Paradies

Oder: Warum moderne Pädagogik ohne digitale Medien nicht mehr auskommt

Prof. Dr. Norbert Neuß

Die Verächter digitaler Medien wurden erst kürzlich wieder von Manfred Spitzer darin bestätigt, PC und Internet seien schädlich für Kinder. Eine rückschrittige Haltung, denn sie verkennt den edukativen Wert kreativer Mediennutzung

„Wir trinken alle Wein und das gehört zu unserer Kultur. Aber kein Mensch würde sagen, wir müssen im Kindergarten Alkoholkompetenztraining machen.“ So verkündete es kürzlich Manfred Spitzer in einer Talkshow und warnte vor der aufkommenden „digitalen Demenz“. Mit diesem Gauklervergleich wendete sich Prof. Spitzer u. a. gegen die pädagogische Forderung, Kindern schon früh eine Medienkompetenz zu vermitteln.

Bei genauer Betrachtung hinkt aber der Vergleich von Alkohol und Medien erheblich. Kinder trinken nämlich im Grundschul- und Kindergartenalter keinen Alkohol und benötigen daher keine Alkoholkompetenz. Aber sie kommen in Familien und ihrem Lebensalltag mit Medien in Kontakt und nutzen diese. Daher ist auch für Kinder eine früh beginnende Medienerziehung notwendig und sinnvoll.

Fragwürdiger Vergleich

Digitale Medien wurden von Spitzer als „Drogen“ bezeichnet und die Pädagogen, die mit Kindern einen sinnvollen Medienumgang üben, würden sie „anfixen“. Diese missionarisch vorgetragenen Verteufelungen helfen leider gar nicht beim Umgang mit den alltäglichen pädagogischen Fragen und Herausforderungen. Sie sind aber auch deshalb so eifrig angenommen worden, weil „Medien“ als Sündenbock für gesellschaftliche Herausforderungen herhalten und so auch andere „Beteiligte“ entlasten.

Beim zweiten Blick wird jedoch klar, dass ein medienfreies Paradies kein anzustrebendes Ideal ist, weil Medien allgegenwärtig sind, bestimmte Bedürfnisse erfüllen und hervorragende Lernhelfer darstellen können. Digitale Medien nehmen heute in fast allen Lebensbereichen von Kindern eine bedeutende Stellung ein. Ob im Rahmen von Familie, Freizeit, Schule oder im öffentlichen Raum, überall nutzen Kinder diese digitalen Medien (Smartphones, Handys, Tablet-PCs, Handheld-Konsolen, Apps, MP3-Player). Dieses Verwobensein von Medien in der Lebensrealität wird auch als Medienökologie bezeichnet. Vielfach können Erwachsene kaum noch verstehen, welche Bedeutung diese Medien für Heranwachsende haben.

Ob Medien für sie schädlich sind, hängt vom Inhalt und der Dauer der Medien-nutzung ab. Daher müssen Eltern und Pädagogen Kinder vor entwicklungsbeeinträchtigenden Medieneinflüssen (z. B. Gewalt, Pornografie) schützen. Notwendig ist hier eine verantwortungsvolle Medienerziehung, die das Nachdenken über den eigene Medienumgang ein-schließt. Dazu gehört es auch, Kindern ein möglichst vielfältiges Angebot an Freizeitaktivitäten (Sport, Musik usw.) anzubieten. Erst wenn Medien im Alltag monoton und aus Langeweile genutzt werden, werden sie problematisch. Dies ist in Deutschland aber nur bei einer kleinen Problemgruppe von Vielsehern der Fall. Im Durchschnitt schauen Kinder im Grund- und Vorschulalter 80 Minuten pro Tag fern.

Verkannte Chancen

Die Einschätzung der „Wirkungen“ von Medien auf Entwicklung und Sozialisation von Kindern ist weiterhin nur im Zusammenhang mit den Bedingungen des Aufwachsens von Kindern verbunden. Die Lebenswelt der Kinder hat die Kindheit stark verändert. Durch Autoverkehr, Straßen und Parkflächen sind gefahrenlose Spiele auf der Straße kaum mehr möglich. Die Spielwelten von Kindern bilden daher oftmals Spielplätze mit normierten Spielgeräten. So gibt es für Kinder insgesamt weniger erwachsenenfreie, erlebnisintensive Spielnischen in der direkten Umwelt. Medien üben auch deshalb eine so große Faszination aus, weil die Lebenswelt der Kinder reduzierte Möglichkeiten unmittelbarer sinnhafter Erfahrungen, Bewegung sowie Abenteuer mit Tieren und Natur-elementen bietet.

Das bildschirmfreie Paradies ist eine rückschrittige Forderung. Chancen digitaler Medien bestehen in der aktiven und kreativen Nutzung dieser Medien zur Kommunikation, Gestaltung und Informationsgewinnung. Heute ist es selbstverständlich, dass auch die Grundschule bereits Medien für den Erwerb und das Training von Basiskompetenzen nutzt. Mit www.mathepirat.de oder www.antolin.de werden Kulturtechniken spielerisch geübt, mit Skype pflegen Kinder die Kontakte zu ihren Großeltern und Freunden, per Handy vergleichen Schüler ihre Hausaufgaben und am Nachmittag verabreden sich dann Kinder zum Geocaching. Wie die Erwachsenen nutzen auch Kinder Medien, um sich zu unterhalten, zu informieren, Spaß zu haben oder gemeinsame Familienerlebnisse zu organisieren.

Kompetent durch den „Dschungel“

Umgang mit digitalen Medien ist die vierte Kulturtechnik. Es kommt auf die kritische, selbstbestimmte Nutzung der Medien durch Erwachsene und Kinder an. Daher ist es eher gefährlich, wenn Pädagogen aufgrund von extremen Medienwirkungsbehauptungen, wie sie von Prof. Spitzer einseitig vorgetragen werden, in ihrer bewahrpädagogischen Haltung bestärkt werden und auf diese Weise eine angemessene Auseinandersetzung mit den Medien in Kindergärten und Schulen unterlassen bleibt. Dies führt eher zu einer Abwendung von konstruktiven medienpädagogischen Konzepten und lässt die Kinder allein im „Mediendschungel“ stehen. Daher ist die Förderung von Medienkompetenz in Kindergarten, Schule, Elternhaus und Jugendarbeit unerlässlich.

Prof. Dr. Norbert Neuß

Der Autor ist Medienpädagoge, Erziehungswissenschaftler und Hochschullehrer an der Universität Gießen. Zahlreiche medienpädagogische Forschungsprojekte und Publikationen; aktuelle Arbeitsschwerpunkte: „Bildung in der Frühen Kindheit“ sowie „Web 2.0“.

Kontakt und weitere Informationen: www.dr-neuss.de

Spezial

Von der KiTa in die Schule

Übergänge (auch „Transitionen“) sind Lebensphasen, in denen Kinder besonders schnell und intensiv lernen. Die Anpassung an eine neue Situation oder Institution muss in relativ kurzer Zeit bewältigt werden … mehr

Spezial

Am Anfang ist das Bild

Lesen ist ein Weg, sich die Welt zu erschließen, sie zu verstehen – und den eigenen Platz darin zu finden. Darum kann die Begegnun … mehr

Spezial

Mathe ist überall – auch zuhause

Rechenkompetenz festigt sich am besten, wenn sie auch zuhause gefördert wird. Doch viele Eltern wissen nicht so recht, wie sie das anstellen sollen … mehr