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Spezial

Von der KiTa in die Schule

Übergänge sind Phasen beschleunigten Lernens

Margit Franz

Übergänge (auch „Transitionen“) sind Lebensphasen, in denen Kinder besonders schnell und intensiv lernen. Die Anpassung an eine neue Situation oder Institution muss in relativ kurzer Zeit bewältigt werden. Hierfür nutzen Kinder bereits vorhandene Basiskompetenzen wie Kommunikations-, Problemlöse- und Stressbewältigungsfähigkeiten

Was können Kinder in Übergangsphasen (vertiefend) lernen und welche neuen Kompetenzen können sie erwerben?

• Lernen, mit Veränderungen und Belastungssituationen umzugehen.

• Neue Verhaltensweisen und Strategien entwickeln.

• Sich in eine andere Rolle einfinden: Ich als Schulkind!

• Ein neues Identitätsgefühl entwickeln: Ich bin Schulkind!

• Sich Hilfe und Unterstützung zu holen.

• Sich auf neue Erwachsene (Lehrer) und Kinder einstellen.

• Die eigene Meinung sowie Bedürfnisse und Kritik äußern.

• Stolz darauf sein, ein Schulkind zu sein.

Akteure beim Übergang

Während des Übergangs von der KiTa in die Schule vollzieht das Kind einen Rollen- und Statuswechsel: Vom Kindergartenkind zum Schulkind! Eltern, Erzieher/-innen und Lehrer/-innen sind maßgeblich an der Gestaltung des Übergangs beteiligt und haben Einfluss darauf, wie erfolgreich ein Kind diesen bewältigt. Vertrauen Eltern darauf, dass ihr Kind diesen neuen (Entwicklungs-)Schritt gut bewältigen wird, so wirkt sich diese Haltung positiv auf das kindliche Selbstvertrauen aus. Arbeiten KiTas und Grundschulen – also abgebende und aufnehmende Institutionen - konstruktiv zusammen, wird eine tendenziell zunehmende Anschlussfähigkeit zwischen den unterschiedlichen Systemen hergestellt. Haben sich die Institutionen auf gemeinsame Werte, Bildungs-und Erziehungsziele verständigt, können diese in der KiTa angestrebt und in der Schule konsistent fortgeführt werden.

Positives Selbstkonzept

Die Vorbereitung auf die Schule beginnt nicht erst im letzten Jahr vor der Einschulung. Wenn dies so wäre, würden vermutlich die meisten Kinder in der Schule scheitern! Im gesamten Entwicklungsverlauf erlebt ein Kind immer wieder neue Situationen und besondere Herausforderungen, für die es Strategien und Verhaltensweisen entwickeln muss, um sie bewältigen zu können. Grundlegende Voraussetzung, um mit Veränderungen kompetent umzugehen, ist, ein positives Bild von sich selbst zu haben. Das Selbstkonzept entwickelt sich in sozialen Erfahrungen und somit von Geburt an. Ein positives Selbstkonzept hilft Kindern mit neuen, zunächst verunsichernden Situationen klarzukommen, weil sie sich nicht klein und hilflos, sondern groß und stark und als Autoren ihres Lebens fühlen:

• Selbstwertgefühl: „Ich bin eine Person und wertvoll.“

• Selbstvertrauen: „Ich bin Akteur und habe Vertrauen in mich selbst.“

• Selbstwirksamkeitsgefühl: „Ich bin Subjekt und kann etwas bewirken!“

• Selbstbild: „So wie ich bin, bin ich gut.“

Basiskompetenzen für die Einschulung

Wichtige Basiskompetenzen und Vor-aussetzungen für lebenslanges Lernen (und folglich für die Schule) finden wir in dem neuseeländischen Konzept der „Learning stories“ von Margret Carr, das Erwachsene (Fachkräfte, Eltern) für kindliche Lernprozesse und Lernmöglichkeiten sensibilisieren möchte. Nach diesem Konzept bilden fünf Lerndispositionen die Basis von Lern- und Bildungsprozessen. Nach Carr kommt in den Lerndispositionen „die Motivation und die Fähigkeit zum Ausdruck, sich mit neuen Anforderungen und Situationen auseinanderzusetzen“ (Leu u.a. 2007, 49):

1. Interessiert sein

2. Engagiert sein

3. Standhalten bei Herausforderungen

4. Sich ausdrücken und mitteilen

5. An einer Lerngemeinschaft mitwirken und Verantwortung übernehmen

Den Aufbau eines positiven Selbstkonzeptes fördern und unterstützen

Kinder auf dem Entwicklungsweg „Einschulung“ zu begleiten, bedeutet ihnen ein Entwicklungsumfeld zu bieten, in dem sie ihre Lerndispositionen (auch Kompetenzen) bestmöglich ausbilden und ein stabiles Selbstkonzept entwickeln können:

1. Die authentischen Interessen und Themen aller Kinder – Mädchen, Jungen, jüngere und ältere Kinder, Kinder unterschiedlicher Kulturen – werden wahrgenommen, aufgegriffen und spiegeln sich in der Gestaltung der Bildungsräume und des Bildungsalltags wider.

2. Bitte nicht stören – spielende Kinder! Spielen ist die „Arbeit des Kindes“ (Maria Montessori), die Königsdisziplin kindlicher Selbstbildung und „die elementare Form des Lernens“ (zit. n. Hessischer Bildungs- und Erziehungsplan 2007, 30): Haben Kinder ausreichend Zeit für selbstbestimmtes engagiertes Spielen und können sie sich entwicklungsangemessen an der Alltagsgestaltung beteiligen?

3. Herausforderungen fördern kindliche Persönlichkeitsentwicklung und Selbst-ständigkeit. Es gilt der Grundsatz „nicht für, sondern mit den Kindern tun!“ Eigensinnige kindliche Lösungsumwege erhöhen die „Ortskenntnis“ und sind deshalb wertvolle Erfahrungen.

4. Mit Kindern und Erwachsenen über Gott und die Welt diskutieren, mitein-ander im Gespräch sein, ein wichtiges Mitglied in Kinderkonferenzen und Gesprächskreisen sein, Singen, Reimen, Rätseln, Geschichten erzählen, Märchen hören, Bilderbücher betrachten, sich kreativ gestalterisch auszudrücken … –

KiTas bieten vielfältige Kommunikationsformen und davon profitieren Kinder in hohem Maße.

5. Solidarität, Gemeinschaft, Teamwork sind Alltagserfahrungen, die Kinder im sozialen Lern- und Experimentierfeld „Gruppe“ kontinuierlich und über viele Jahr hinweg zuverlässig sammeln können. Von sich aus bilden Kinder immer wieder soziale Lerngemeinschaften, in denen sie von- und miteinander lernen.

Vorschulprogramme!?

Sozial-emotionale Basis- und Lernkompetenzen, wie die oben genannten, können weder in Projekten noch Programmen erlernt werden. Die komplexen Reifungsprozesse von Persönlichkeit und Ich-Stärke benötigen Spielräume für individuelle Entwicklung und Zeiträume für persönliche Erfahrungen. Wir können kindliche Entwick-lung nicht machen und beschleunigen. Wir können uns jedoch so verhalten, dass sich Kinder in sozialer Interaktion mit uns (und anderen) als selbstwirksam und kompetent erfahren und erleben können. Diese Haltung ist anspruchsvoll! Sie setzt voraus, das Kind als Akteur seines Entwicklungsweges und Konstrukteur seines Bildungsprozesses zu respektieren und anzuerkennen. (Persönlichkeits-)Bildung gestaltet sich dann als sozialer Prozess, an dem sich Kinder und Erwachsene aktiv beteiligen. Im Hessischen Bildungs- und Erziehungsplan wird dieser pädagogische Ansatz als „Ko-Konstruktion“ bezeichnet (vgl. 2007, 21): „Nur durch Kommunikation und Einbezug des Kindes und aller Personen, die an seiner Bildung und Erziehung beteiligt sind, kann ein Kind dahin gelangen, dass es sich in seiner neuen Umgebung wohl fühlt und die Bildungsangebote bestmöglich nutzen kann. Mit anderen Worten: Die erfolgreiche Bewältigung von Übergängen ist als Prozess zu verstehen, der von allen am Übergang Beteiligten gemeinsam und ko-konstruktiv zu leisten ist“ (ebd., 2007, 95).

Margit Franz

Diplom-Pädagogin, Autorin, Publizistin und Herausgeberin von „Die Kindergartenzeitschrift“; Multiplikatorin „Hessischer Bildungs- und Erziehungsplan"

! Literatur

Hessisches Sozial- und Kultusministerium: Bildung von Anfang an. Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder von 0 bis 10 Jahren in Hessen. Wiesbaden, Stand: Dezember 2007

Leu, Hans Rudolf u.a. (2007): Bildungs- und Lerngeschichten. Bildungsprozesse in früher Kindheit beobachten, dokumentieren und unterstützen. Weimar, Berlin: verlag das netz.

Kinder sind Gemeinschaftswesen. Intuitiv bilden sie schon in der KiTa Teams, in denen sie mit- und voneinander lernen – und individuelle Lernprozesse selbstbestimmt steuern. Eine gute Strategie, um sich auch am neuen Lernort Schule zurechtzufinden

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