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Schule – Bildung – Forschung

Auf der Suche nach dem Aha-Erlebnis

Gerald Hüther im Interview über glückliches Lernen

Die Leidenschaft am eigenen Entdecken ist der wichtigste Antrieb für nachhaltiges Lernen. Doch sie werde in unserem Schulsystem leider zu oft unterdrückt, sagt Gerald Hüther

Mögen es Briefmarken oder Maikäfer sein: Faszination und Leidenschaft beflügeln nachhaltigen Lernerfolg, weiß Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther. Neurobiologisch betrachtet, lernt man das am besten, was Freude bereitet. Lehrkräfte können ihre Schüler dabei durch gemeinsames und außerschulisches Lernen unterstützen

Herr Prof. Dr. Hüther, wie lernt man glücklich?

Jeder weiß, wie man glücklich lernt und kann sich daran erinnern: Als Kind war man der glücklichste Mensch der Welt, wenn man ein weiteres Wort oder eine Bewegung gelernt hat. Wenn wir das aus der wissenschaftlichen Perspektive anschauen, heißt das, man ist glücklich, wenn man durch einen eigenen Lernprozess einen kohärenteren Zustand im Gehirn erreicht. Das Hirn beginnt, die bereits angelegten eigenen Wissensinhalte und Netzwerke zu erweitern, damit das neue irgendwie reinpasst. Und wenn es gelungen ist, das Neue in das Alte zu inkorporieren, entsteht Kohärenz. Neues Wissen wird in den Schatz der alten Erfahrungen integriert und dieser Lernprozess macht glücklich. Wir nennen das Aha-Erlebnis. Man hat etwas begriffen und verstanden. Das hat nicht allzu viel mit klassischem Auswendiglernen zu tun. Leider ist diese Art von Lernen häufiger in der Schule gefordert. Da geht es nicht ums Verstehen oder ums Einbetten, da geht es ums Pauken.

Wie kann man das glückliche Lernen in den Schullalltag integrieren?

Auswendiglernen geschieht unter dem Druck, eine „Belohnung“ oder „Bestrafung“ zu erhalten. Deswegen gleicht es in gewisser Weise einer Dressur wie im Zirkus. Es bleibt zwar ein bisschen Wissen hängen, aber es wäre schöner, wenn man es freiwillig täte. Das Schlimmste, was unser gegenwärtiges Schulsystem unseren Schülern antut, ist, dass sie durch die Fokussierung auf die Durchschnittsnoten dazu gezwungen werden, ihre Leidenschaft am eigenen Entdecken und Gestalten zu unterdrücken. Wenn diese in der Schule verlorengegangen ist, entstehen leidenschaftslose Menschen, die sich später nicht richtig engagieren. Der Mensch muss sich einen Bereich aufbauen, in dem er seine Lust am Lernen unabhängig von Vorgaben entfalten kann. Für Kinder und Heranwachsende wäre es toll, wenn sie sich Wissen selbst erschließen können. Lehrer können sie dabei unterstützen, auch wenn sie sich an Lehrpläne halten müssen. Sie sollten Themen gemeinsam mit den Schülern erarbeiten, denn dann entsteht nicht nur ein tieferes und nachhaltigeres Verständnis für Zusammenhänge, sondern auch mehr Verbundenheit und Verantwortung innerhalb der Klassengemeinschaft.

Welche Faktoren sind maßgebend, um lebenslanges Lernen zu gewährleisten?

Das Schlimmste, was passieren könnte, ist, dass einem die Lust am Lernen vergeht. Solange diese Lust noch da ist, bleibt jeder Mensch ein Lernender. Wenn er diese Lust verloren hat, ist er möglicherweise ein Wissender, der aber keine Entwicklungsperspektive mehr hat. Das bringt uns zu der zweiten Fähigkeit, die auch niemand verlieren sollte: Wissen von anderen zu übernehmen. Wir brauchen andere Menschen, die wir mögen und von denen wir gern alles lernen, was sie wissen und können. Je mehr sie sich von uns unterscheiden, desto mehr können wir von ihnen lernen.

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