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Schule unterwegs

Hundert Türme, viele Heilige und ein Prozess

Mit der Klasse auf Entdeckungstour in Prag

Marc Hankmann

Schon von weitem ist die Prager Burg, das Wahrzeichen der Stadt, erkennbar. Rechts im Bild die berühmte Karlsbrücke

Prag, die goldene Stadt an den Ufern der Moldau, trägt viele Namen. Ihre Bauwerke sind weltberühmt, die Altstadt Teil des UNESCO Weltkulturerbes. Hier schrieb Franz Kafka seine berühmten Erzählungen und Romane, Antonin Dvorak komponierte unter anderem die 16 slawischen Tänze. Für Schüler hält Prag viele Entdeckungen bereit

Plant man eine Klassenfahrt in die tschechische Hauptstadt, stellt man schnell fest, dass man zu wenig Zeit für zu viele Sehenswürdigkeiten und Attraktionen hat. Die Stadt ist voll von Geschichte und Geschichten. Da ist für jeden etwas dabei: Literatur, Musik, Architektur, Technik und Natur. Einen ersten Überblick verschafft man sich am besten mit einer Schiffsfahrt über die Moldau, vorbei an prächtigen Bauten und unter unzähligen Brücken hindurch. Da darf die berühmte Karlsbrücke natürlich nicht fehlen.

Der Eingang zum Franz-Kafka-Museum

Bereits bei der Anfahrt auf Prag erkennt man von weitem die Silhouette der Burg. Sie ist das Symbol der mehr als tausendjährigen Geschichte des böhmischen und tschechischen Staats schlechthin. Auf 45 Hektar erstreckt sich einer der größten Burgkomplexe der Welt. Seit ihrer Gründung im 9. Jahrhundert war beziehungsweise ist die Prager Burg der Sitz böhmischer Fürsten, Könige und tschechischer Präsidenten. Die gesamte Burg besteht aus etlichen Palästen, Amtsgebäuden und Kirchen, aus Gärten und malerischen Ecken, die es zu entdecken gilt. Selten kann man Schülern unterschiedliche Stilrichtungen und Epochen auf so engem Raum näherbringen.

Es werden verschiedene Rundgänge durch die Burg und ihre direkte Umgebung angeboten. Dazu gehört auch die berühmte Basilika des Heiligen Georgs oder der Sankt-Veits-Dom. Die gotische Kathedrale ist das geistige Zentrum Tschechiens. Ihr Bau dauerte beinahe 600 Jahre. Hier liegt der Heilige Wenzel begraben. Im Souterrain befinden sich die Gruft der tschechischen Könige sowie die Schatzkammer, in der die Krönungsinsignien ausgestellt werden. Die Basilika des Heiligen Georgs wurde um das Jahr 920 gegründet. Ihre eindrucksvollen weißen Türme ragen 41 Meter in die Höhe und heißen Adam und Eva. Bei genauerer Betrachtung wird man erkennen, dass Eva etwas schief ist. Der Turm neigt sich um 40 Zentimeter.

Das Goldene Gässchen

Um ins pittoreske Goldene Gässchen zu gelangen, muss man Eintritt zahlen

Die Gedenkstätte Theresienstadt dokumentiert die Gräueltaten der Nazis im dortigen KZ

Zu gruseliger Berühmtheit schaffte es der Turm Daliborka, benannt nach seinem ersten Gefangenen. Der zylinderförmige Kanonenturm stammt aus dem Jahr 1496 und diente fast 300 Jahre lang als Gefängnis. Neben den mächtigen Gewölben der Zellen befindet sich im Boden des Kellers eine kreisförmige Öffnung, die in den Hungerturm führt. Hier wurden früher die Verurteilten mit einem Flaschenzug hinabgelassen.

Der Daliborka-Turm steht am östlichen Ende des Goldenen Gässchens, das für seine malerischen Häuschen bekannt ist. Anfangs als Notwohnstätten gedacht, zog unter Rudolf II. die Burgwache in die Wohnungen ein. Literaten ist die Hausnummer 22 im Goldenen Gässchen wohlbekannt, denn hier hatte Franz Kafka von 1916 bis 1917 sein Arbeitszimmer, in dem er zum Beispiel am Roman „Der Prozess“ schrieb, der zur Weltliteratur zählt. Heute dokumentiert in neun der 16 Häuschen eine Dauerausstellung das Leben im Goldenen Gässchen in den vergangenen fünf Jahrhunderten.

Literatur und Musik

Im Rudolfinum befindet sich der Dvorak-Saal

Mehr über Kafkas Leben erfahren Schüler im Franz-Kafka-Museum am Moldauufer etwas unterhalb der Prager Burg im Stadtteil Kleinseite. Die Ausstellung beherbergt viele der Erstausgaben von Kafkas Werk sowie zahlreiche handschriftliche Texte, Korrespondenzen, Fotografien und seine Tagebücher. Eigentlich wollte Kafka nach seinem Tod alles verbrannt wissen, doch diesem Wunsch folgte sein Freund Max Brod nicht, sodass Kafkas Werk für die Nachwelt erhalten blieb.

Doch Prag ist nicht nur die Stadt der Literatur. Große Komponisten wie Antonin Dvorak und Bedrich Smetana wirkten in der Stadt der hundert Türme. Ihr Leben und Wirken können Schüler im Rudolfinum nachempfinden. Hier befindet sich auch der Dvorak-Saal, in dem klassische Konzerte gegeben werden. Moderner geht es im Karlovy lazne zu. Auf fünf Stockwerke bieten fünf Clubs Musik unterschiedlicher Stilrichtungen. Diese Einrichtung ist die größte ihrer Art in Mitteleuropa und verbreitet in ihren ursprünglich mit Mosaiken verfliesten Gängen und Wänden ein ganz eigenes Flair. Die zum Teil erhaltenen alten Kureinrichtungen und Schwimmbecken im Stil römischer Bäder dienen heute als Tanzfläche.

Technik mit Rundumblick

Das Nationale Technikmuseum präsentiert erstaunliche Exponate aus mehr als 100 Jahren Technik

Auch technikbegeisterte Schüler und Lehrer kommen in der goldenen Stadt voll auf ihre Kosten. In der Nähe des Letna-Parks befindet sich das Nationale Technikmuseum. Es wurde 1908 gegründet. In über 100 Jahren wurden außergewöhnliche Sammlungen aus Wissenschaft und Industrie zusammengetragen: angefangen bei Astronomie über Zeitmessung, Bergbau, Transport, Chemie des Alltags bis hin zu Metallurgie und Technik im Haushalt. Eine interaktive Ausstellung verdeutlicht zudem auf spielerische Weise die Prinzipien der Daktyloskopie, der Ballistik oder von kodierten Dokumenten.

Das Museum beherbergt auch eine Ausstellung zur Fernsehtechnik. Hierzu gehören Führungen durch ein TV-Studio, in dem Schülern die Technik von Kameras, Mischpulten oder Mikrofonen erklärt wird. Anschließend lohnt sich der Weg zum 216 Meter hohen Zizkov-Fernsehturm. Das höchste Gebäude Tschechiens bietet aber nicht nur einen unvergesslichen 360-Grad-Rundumblick auf die Stadt. Im Observatorium des Turms lernt man in drei unterschiedlichen interaktiven Räumen viel Wissenswertes über den Turm sowie über Prag. Zwei Aufzüge bringen den Besucher in nur 38 Sekunden auf eine Höhe von 93 Metern, wo sich das Observatorium befindet. Die Prager halten den Zizkov-Fernsehturm übrigens für das zweithässlichste Gebäude der Welt. Welches aus ihrer Sicht das hässlichste ist, behalten sie aber für sich. Es sind höfliche Menschen, die an der Moldau leben.

An Land und im Wasser

Die Kirchen und Museen Prags sind reich an bewundernswerten Schätzen

Burg Karlstejn ist ein beliebtes Ausflugsziel in der Nähe von Prag

Wer es eher mit Tier und Natur hält, ist im Prager Zoo bestens aufgehoben, der für die Zucht der Przewalski-Pferde weltberühmt ist. Um alles zu sehen, sollte man aber gut zu Fuß sein, denn der gesamte Rundgang ist zehn Kilometer lang. Natürlich gibt es auch kürzere Führungen, auf denen man alle Highlights zu sehen bekommt. Empfehlenswert ist der Panoramaweg Zakazanka. Er verbindet den oberen und den unteren Teil des Zoos und führt an einem Felsenmassiv entlang. Etwa auf der Hälfte des Weges gelangt man an einen schwebenden Aussichtspunkt, der einen Ausblick auf die umliegende Region gewährt. Zahlreiche Informationstafeln am Wegesrand geben Auskunft über Tiere und geologische Besonderheiten.

Um in die Welt der Meere abzutauchen, begibt man sich in das Nationalmuseum auf dem Ausstellungsgelände im Stadtteil Holesovice. Dort, am Ende des Lapidariums, befindet sich Tschechiens größte Meerestier-Ausstellung. In einem Bassin mit einem Volumen von 100.000 Litern Meereswasser schwimmen Haie zwischen Korallenriffen. In einem anderen Becken wuseln über 200 unterschiedliche Meeresbewohner um ein Wrack herum.

Prag und seine Geschichte

Der Unterricht wird erst richtig lebendig, wenn Geschichte erlebbar wird. So gibt das Museum des Kommunismus‘ tiefgreifende Einblicke in das Leben hinter dem Eisernen Vorhang. Die Ausstellung reicht vom Putschversuch im Jahr 1948 über den Prager Frühling 1968 bis zum Fall der Sowjetunion 1989. Das Museum demonstriert eindrucksvoll das Alltagsleben in der Tschechoslowakei, vor allem in Prag, zwischen Propaganda und Zensur. Es zeigt, wie die kommunistische Doktrin das Schulwesen, die Kultur und die Wirtschaft beeinflusst hat. Prag eignet sich insbesondere dann für eine Klassenfahrt, wenn Lehrer ihren Schülern das jüdische Leben näherbringen wollen. Die Stadt an der Moldau war einst Heimat einer der bedeutendsten jüdischen Gemeinde Europas. Ihre Geschichte und ihren Alltag stellt das Jüdische Museum in der Maiselstraße, dem einstigen Zentrum der Prager Judengemeinde, dar. Darüber hinaus zeigt die nahegelegene Maisel-Synagoge derzeit eine Ausstellung zur Geschichte der Juden in Böhmen und Mähren vom zehnten bis zum 18. Jahrhundert.

Mit dem aufkommenden Nationalsozialismus begannen auch in Prag die Deportationen von Juden. Sie wurden nach Theresienstadt, ins heutige Terezin, gebracht, etwa 60 Kilometer nördlich von Prag. Von Josef II. errichtet und nach seiner Mutter Maria Theresia benannt sollte die Festung der Verteidigung dienen. Die Nazis machten daraus jedoch ein Gefängnis, das als Konzentrationslager in die Geschichte eingegangen ist. In der Gedenkstätte Theresienstadt wurden viele Einrichtungen aus der Zeit des Nationalsozialismus‘ beibehalten, die heute besichtig werden können.

In der Umgebung

Theresienstadt ist nur eines von vielen Ausflugszielen, die sich für Klassenfahrten eignen und um dem Trubel der Großstadt zu entkommen. So findet man die meistbesuchte Burg Tschechiens keineswegs in Prag, sondern 30 Kilometer südwestlich der Hauptstadt im Ort Karlstejn. In der von Kaiser Karl IV. erbauten Burg Karlstejn wurden von ca. 1350 bis 1421 die Krönungskleinodien des Heiligen Römischen Reichs sowie die Krone des Heiligen Wenzels aufbewahrt. Heute kann man in der Burg ein Wachsfigurenkabinett besichtigen, das faszinierende Einblicke in das mittelalterliche Leben gewährt. Es zeigt, wie Handwerker und Bauern schufteten, die Gräuel von Folter und Gefängnis und wie Alchemisten vergeblich versuchten, Gold herzustellen.

Einen unterhaltsamen Trip durch die Geschichte des Automobils verspricht das Skoda-Museum in Mlada Boleslav, dem früheren Jungbunzlau, rund 65 Kilometer nördlich von Prag. Hier wird die Geschichte eines der wichtigsten tschechischen Unternehmen lebendig, das 1895 unter dem Namen Laurin & Klement begann. Das Museum befindet sich in einer ehemaligen Produktionshalle des Automobilherstellers. Die Ausstellung ist in die Bereichen Tradition, Evolution und Präzision aufgeteilt. Rund 300 Exponate, vom Fahrrad bis zum Rennwagen, zeugen von der wechselvollen Geschichte Skodas.

Ganz gleich, ob in der Umgebung oder in Prag selbst, ob Natur, Kultur oder Technik – Prag hat für Schulklassen viel zu bieten. Ein abwechslungsreiches Programm sorgt für unvergessliche Erlebnisse, bei denen auch das Lernen nicht zu kurz kommt.

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