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Kommentar

Was zählt

Zu viele unserer Schulen arbeiten am Limit. Kann Ganztag da überhaupt noch funktionieren?

Markus Hofmann

Im Zentrum des Prinzips Schule müssen sie stehen: die Schüler. Lebendige, sich entwickelnde Individuen mit dem Recht auf umfassende, ganztägige pädagogische Betreuung. Eigentlich eine banale Feststellung – und doch ganz fern von dem, was vielerorts Realität ist

Neue Reformansätze, Bildungsinitiativen und mutige Schulen, die sich allen Widrigkeiten zum Trotz positiv entwickeln, mit den Schülern im Fokus: Alles prima. Aber mal ehrlich: So richtig Fahrt hat unser Schulsystem insgesamt – zumal beim Ganztag – immer noch nicht aufgenommen. Es fehlt zweifellos an Personal, aber vor allem an echtem politischem Reformwillen und an struktureller Neuorientierung. – Ein Kommentar der Redaktion

Der erste Beitrag dieses Heftes und die darin erläuterte Studie trägt den Titel „Mehr Schule wagen“ – in Anlehnung an den legendären Satz „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ aus Willy Brandts Regierungserklärung 1969 vor dem Deutschen Bundestag. Der SPD-Bundeskanzler rea-

gierte damit auf die Forderungen revoltierender Gruppen nach mehr Mitbestimmung, nach dem Ende autoritärer Staatsführung und Willkür – nach Einlösung dessen, was Demokratie als politisch-gesellschaftliches Modell in der Theorie verspricht.

Der Heftbeitrag resümiert die Forderungen an Bund und Länder, mit der Ganztagsschule endlich ernst zu machen, sie quantitativ und qualitativ auszuweiten. Die Ausgangslage ist der von 1969 ähnlich: Wir haben hier ein theoretisch tolles Konzept, das aber in der Praxis noch längst nicht rund läuft. Das Verb „wagen“ im Titel impliziert nun: Den Ganztag flächendeckend in schulische Realität umzusetzen, braucht Mut. Ergo herrscht Angst. Aber bei wem und wovor?

Ganztag? Reiner Luxus

Ich bin Vater zweier Kinder. Mein Sohn ist 13 und besucht die 8. Klasse einer innovativen, mehrfach preisgekrönten Gesamtschule. Sie hat den Anspruch und das Know-how, ganztägig zu unterrichten. Doch spätestens mit Beginn des neuen Schuljahres mussten wir Eltern einsehen, dass unsere Kinder de facto in eine Halbtagsschule gehen: Sieben Fachlehrer fallen allein in der Mittelstufe längerfristig aus. Die Schule tut, was sie kann, vermag den Verlust aus Bordmitteln aber nicht zu kompensieren und ist froh, überhaupt noch irgendwie bis zum Mittag unterrichten zu können. Wichtige naturwissenschaftlich-technische Fächer müssen mit anderen halbjährlich wechseln; Differenzierung, Individualisierung und Inklusion sind kaum noch zu leisten. Die Schule gibt Durchhalteparolen aus, die unmissverständlich klarmachen: Nach Nachmittagsangeboten fragt bitte erst gar nicht.

Am Bedarf meilenweit vorbei

Also müsste Troubleshooting von der Landesschulbehörde kommen. Aber ihr unflexibles, bürokratisches Gebaren – etwa gegenüber sich bewerbenden, durchaus erfahrenen „Feuerwehr- lehrern“ oder Quereinsteigern mit pädagogischer Expertise – verschärft nur noch den Personalengpass. Welcher Unterrichtspraktiker will schon für ein Aushilfsgehalt arbeiten, nur weil seine Berufsbiografie nicht exakt nach behördlich fixierten Kriterien verlaufen ist? Wer übernimmt in ums Überleben kämpfenden Schulen freiwillig Posten, in denen Überforderung und Burnout vorprogrammiert sind? Nein, man sucht sich Standorte, die bessere Aussichten bieten. Kurz: Die landesfürstliche Hoheit über die Schulbildung verhindert eine ausreichende, moderne Unterrichtsversorgung. Ausbaden dürfen das Schüler, Eltern und Lehrer.

Es scheint fast so, als hätten Landesschulbehörden tatsächlich Angst. Angst davor, von ihren Pfründen, ihrer Autorität abgeben zu müssen, wenn sie sich drängender Erfordernisse annehmen; Angst vor Postenverlust und Unruhe durch Veränderung. Weltfremde sind am Ruder, von Mutigen keine Spur.

Potenziale bleiben ungenutzt

Wer derart an seinen Bildungseinrichtungen vorbeiherrscht, wird es nicht schaffen, neue Lehrkräfte zu gewinnen – erst recht nicht in Zeiten steigender Schülerzahlen und extremen Lehrermangels; allein 6000 Grundschullehrer fehlen in Deutschland, Tendenz stark steigend. Die wenigen Neulehrer sind in der luxuriösen Lage, sich den besten Job am optimalen Ort aussuchen zu können. Schulen, die nicht viel zu bieten haben, gehen leer aus.

So rächt sich, was in den Jahren der „Lehrerschwemme“ die Runde machte: Bloß nicht mehr auf Lehramt studieren, wenn man nicht auf der Straße sitzen will. Die kurzsichtige Bildungspolitik des Bundes ließ das laufen. Mehr noch: Lehrer bekamen von Kanzler Schröder den Fauler-Sack-Stempel verpasst und hatten fürderhin mit dem Imageproblem zu kämpfen, dass eigentlich sie der wahre Systemfehler seien. So geriet die Lehrerausbildung an den Rand der öffentlichen Wahrnehmung wie das gesamte morsche Schulwesen. Zwar strickten nach dem PISA-Schock Gremien mit heißer Nadel Reformprojekte wie Bildungspakete, das G8-Abitur und allerlei andere Insellösungen. Die sind aber entweder wirkungsarm verpufft oder sorgen bis heute für kräftezehrende Zickzackkurse in Schulen und Behörden.

Basisdemokratische Bildungslandschaften als Ausweg

Ist Politik also nicht fähig, für eine zeitgemäße, sich selbst erhaltende und entwickelnde Schule zu sorgen? Jein. Beispiel DigitalPakt Schule: Die KMK hat sich mit Bildungsministerin Wanka auf Eckpunkte der Umsetzung dieses milliardenschweren Bundesprojekts geeinigt (s. Seite 14 in diesem Heft). Beim wirtschafts- und globalisierungsgetriebenen Prestigethema „digital“ war der Leidens- und Erfolgsdruck also hoch genug, um Bund und Länder an einen Tisch zu bekommen. Trotz der begrüßenswerten Kooperation: Das riecht dann doch wieder nach opulent inszenierter Insellösung, die an ein Schulsystem geflanscht werden soll, das in der Breite weder kompatibel noch tragfähig ist.

Wirklich wichtig wäre es, Schule erst einmal ganz neu zu definieren, unser gesamtes Bildungssystem bedarfsgerecht aufzustellen, Administration und Organisation deutlich flexibler und schülerzentriert zu gestalten – gesteuert von einer Task Force aus Vertretern von Bundespolitik, Bildungsforschung, Lehrer- und Elternverbänden. Die sollte landespolitische gegen staatliche Interessen abwägen und ein Vetorecht bei zweifelhaften Alleingängen von Landesministerien und -behörden geltend machen können.

Sofern wir also tatsächlich nicht nur punktuell mehr, sondern vor allem bundesweit bessere, ach was: einfach nur gute Schule wagen wollen, müssen wir uns von der strikten Länderhoheit im Bildungssystem trennen. Rücken wir Schule wieder in die Mitte von Staat und Gesellschaft, ersetzen wir den überkommenen bildungspolitischen Föderalismus gegen Bildungslandschaften: das ideale Labor für gelebte Basisdemokratie, in dem (Ganztags-)Schule endlich den Stellenwert erhielte, der ihr zusteht.