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Bildung

Zurück zur dynamischen Balance

Anregungen und Impulse zur Lehrergesundheit

Peter Maier

Lehren ist viel mehr als nur Stoffvermittlung – es entwickelt sich dabei eine Beziehung zu den Schülern. Wer sie aktiv und positiv gestaltet, hat gute Chancen, im Lehrberuf erfolgreich und gesund zu bleiben

Kaum eine Lehrkraft schafft es, ohne Burnout oder sonstige arbeitsbedingte Gesundheitsprobleme sein Pensionsalter zu erreichen. Aber ist das wirklich unausweichlich? Nein, meint unser Autor Peter Maier. Es könne helfen, den Blick auf die Zusammenhänge von Lehren und Lernen zu vertiefen, so der Gymnasiallehrer und Supervisor. Etwa durch Kurse nach dem TZI-Modell – und durch Supervisionen im Kollegium

Jede Lehrerin, jeder Lehrer weiß, wie schwierig es ist, im Berufsalltag die gesundheitliche Balance zu bewahren. Auch ich war vor Jahren davon betroffen, der Burnout rückte näher. Nach einiger Recherche schien mir als Gegenmaßnahme ein Wochen-Kurs für „Themenzentrierte Interaktion“ (TZI) mit dem Titel „Autorität als Lehrer –

Übel oder Notwendigkeit?“ geeignet. Dieser Kurs hatte nachhaltige Wirkungen und Folgen für mich:

  • Ich durfte in offenen Gesprächen fern meines Schulalltags erleichtert erfahren, dass ich mit meinen Schulproblemen nicht allein war.
  • Da die meisten TeilnehmerInnen aus Grund- und Förderschulen kamen, konn- te ich in den praktischen Übungen in Kleingruppen viel über pädagogisch-didaktische Ansätze erfahren, die mir als Gymnasiallehrer bis dahin unbekannt waren, so etwa jener von der „Erziehung durch Beziehung“. Dies war eine bereichernde Erfahrung für mich, von der mein Unterricht bis heute profitiert.
  • Ich kam zum ersten Mal mit dem pädagogischen „Modell der dynamischen Balance“ von Ruth Cohn in Berührung, das mir einen völlig neuen Blick auf mein Wirken als Pädagoge im Klassenzimmer bot.

Schon nach dem ersten TZI-Kurs entschied ich mich, die umfangreiche, berufsbegleitende Ausbildung zum „Gruppenleiter in TZI“ zu machen, die insgesamt 21 Wochenkurse umfasste und fast sieben Jahre dauerte. Diese Ausbildung wird heute vom Ruth-Cohn-Institut angeboten, siehe:

www.ruth-cohn-institute.org

Kontakt zur Fachgruppe Schule:

fg-schule@ruth-cohn-institute.org

Das TZI-Modell der dynamischen Balance

Da mir dieses TZI-Modell als hilfreich für die Tätigkeit als Lehrer erscheint und wichtige Impulse zur Lehrergesundheit liefern kann, soll es im Folgenden kurz vorgestellt werden.

Dieses Modell – siehe Grafik oben rechts – legt den Fokus im Lehr- und Lernprozess auf vier gleich wichtige Aspekte:

  • Das ICH, das sowohl das Lehrer-Ich als auch das Ich jedes einzelnen Schülers meint, macht deutlich, dass es Schüler und Lehrer während des Unterrichts gut gehen muss, wenn dieser auf Dauer gelingen soll.
  • Mit dem WIR sind sowohl die Gesamtheit der ganzen Klasse, die Mitglieder einzelner Gruppen oder Cliquen in der Klasse, aber auch die Gemeinschaft aus Lehrer und Schülern gemeint.
  • Das ES bedeutet den Inhalt des Unterrichts – also den Stoff und die Kompetenzen, die gemäß dem Lehrplan vermittelt werden sollen.
  • Schließlich umfasst der sogenannte „GLOBE“ alle Strukturen, Bedingungen und das Umfeld, in denen der Unterricht stattfinden soll.

Das TZI-Modell nach Ruth Cohn

Dabei ist zu beachten, dass diese vier Aspekte des Unterrichts nicht statisch gesehen werden dürfen, sondern sich vielmehr in einem dynamischen Miteinander wie in einem schwingenden System befinden. Mal steht die pure Stoffvermittlung (das ES) im Fokus, ein anderes Mal muss zuerst die Ich–Wir-Beziehung zwischen Lehrern und Schülern geklärt oder neu bestimmt werden, damit die Schüler überhaupt bereit und fähig sind, neues Wissen aufzunehmen. Wenn es größere Beziehungsstörungen gibt, kann man als Lehrer aufhören, zu unterrichten. Dann sollte alles unternommen werden, zunächst das Lehrer-Schüler-Verhältnis zu verbessern. Nicht umsonst hat Ruth Cohn den Slogan „Störungen haben Vorrang“ als eines ihrer bekanntesten Postulate ausgegeben.

Wieder ein anderes Mal muss sich der Lehrer zuerst um eine Verbesserung der „Globe-Bedingungen“ kümmern – etwa wenn Außenlärm den Unterricht zu sehr beeinträchtigt, die Sitzordnung nicht passt oder wenn Schüler nach einer Schulaufgabe größere Pausen brauchen usw. Auch dies hat die erfahrene Psychologin und Pädagogin im Blick gehabt, wenn sie das Postulat „Wer den Globe nicht achtet, den frisst er“ aufgestellt hat. Denn gerade in schlechten Strukturbedingungen und in konfliktgeladenen, ungeklärten Lehrer–Schüler-Verhältnissen sind Hauptursachen für Erschöpfung und Burnout beim Lehrer und schlechte Stimmung und Blockaden bei den Schülern zu finden.

Schule ist weit mehr als nur Wissensvermittlung

Die traditionelle pädagogische Ausbildung legt den Schwerpunkt fast ausschließlich auf die Stoffvermittlung, also auf den Aspekt des ES, um im TZI-Modell zu bleiben. Beinahe unberücksichtigt blieben dabei die entscheidende Bedeutung der Schüler-Lehrer-Beziehung (ICH-WIR), die Wichtigkeit des Lernumfeldes (GLOBE), sowie die Beachtung der Lehrersituation beim Unterrichten (das Lehrer-ICH).

Leider werden diese Aspekte auch in der heutigen Referendarausbildung immer noch viel zu wenig ernst genommen. Sie sind – über einen längeren Zeitraum betrachtet – entscheidend für die psychische Stabilität des Lehrers und für die Erhaltung der Lehrergesundheit. Zudem stellt dieser Ansatz der dynamischen Balance ein erprobtes supervisorisches Modell dar, das zum Selbstmanagement des Lehrers geeignet ist und einen wesentlichen Beitrag zu seiner Entlastung und Entspannung liefern kann.

Supervision – Hilfe zur Selbsthilfe

Besonders in Lehrerkreisen bestehen Vorbehalte gegenüber Supervision; in der sozia-

len Arbeit hingegen ist sie als Maßnahme zur Psychohygiene weit verbreitet. Im Sport und in der Wirtschaft hat die Supervision in ihrer verwandten Form des „Coachings“ ebenfalls eine lange und letztlich erfolgreiche Tradition.

Der Begriff „Supervision“ stammt von den lateinischen Wörtern „super“ und „visere“ und könnte mit „etwas überschauen, etwas überblicken“ übersetzt werden. In einem Bild ausgedrückt: Jemand steigt auf einen Berg, von dem aus er einen besseren Blick über die Landschaft unten hat. Angewandt auf die Situation des Unterrichts mag dies bedeuten: In der Supervisions-Arbeit können für den Lehrer Beziehungen und Strukturen, Blockaden und Ursachen von Stressquellen sichtbar werden, die man im oft stressigen Schulalltag einfach übersieht.

In der Praxis läuft eine Supervision etwa so ab: Eine Gruppe von Lehrern trifft sich mit einem (ausgebildeten) Supervisor. Die Zeit der Sitzung sollte etwa 90 bis 120 Minuten betragen. Nach einer Befindlichkeitsrunde wird angefragt, welcher der Teilnehmer einen Fall aus der Praxis vorbringen möchte, zu dem er sich Lösungen oder Verbesserungen erhofft. Realistischer Weise können pro Sitzung nur etwa zwei solche Fälle behandelt werden. Natürlich gilt in der Gruppe Schweigepflicht.

Meist genügen etwa zehn Minuten, um einen Fall vorzustellen. Unter der Leitung des Supervisors bringt anschließend jeder der Teilnehmer seine Meinung und seine Lösungsideen zu dem Fall vor. Da es sich bei den Lehrern ja ausnahmslos um „Experten für Pädagogik“ mit meist langjähriger Erfahrung handelt, sind fast immer einige Antworten dabei, die der Fallgeber gut für sein Problem brauchen kann. Die einzig wirkliche Voraussetzung, die die Teilnehmer für die Supervision mitbringen müssen, ist ihre Offenheit, über Probleme aus dem Schulalltag bereitwillig vor den anderen Auskunft zu geben.

Dazu möchte ich Kollegen aller Altersgruppen und aller Schularten ermuntern: Es lohnt! Supervision ist ein adäquates Mittel, die Lehrergesundheit zu fördern und zu erhalten.

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