bildung+ Startseite Mediadaten Datenschutzhinweise Impressum Links

Journal der Leipziger Buchmesse Referendare reisen Lernen science bildungSPEZIAL medien

Digitale Medien

Der Computer wird entzaubert

An der Oberschule Gehrden steht Medienkompetenz auf dem Stundenplan

Eva Walitzek

Der Computer ist kein Spiel-, sondern ein Arbeitsgerät. Das lernen die Schülerinnen und Schüler an der OBS Gehrden ab der fünften Klasse

Alle reden von Digitalisierung – an der Oberschule Gehrden wird sie seit Jahren praktiziert: Ab Klasse fünf lernen die Schülerinnen und Schüler fächerübergreifend mit dem Computer – und den kreativen Umgang mit neuen Medien. Wie das funktioniert und warum es nicht genügt, allein auf Technik zu setzen, verrät Schulleiter Carsten Huge.

In Computerräume investieren oder auf mobile Computer für alle Schülerinnen und Schüler setzen? Vor dieser Frage standen Oberschule (OBS) und Stadt Gehrden vor fast zehn Jahren. Dass der Schulträger die mobile Lösung favorisierte, hatte auch finanzielle Gründe, weiß der Leiter der Oberschule, Carsten Huge. Denn das Budget ist – wie in vielen Städten und Gemeinden – auch in Gehrden begrenzt. „WLAN in der ganzen Schule war einfacher und preiswerter zu realisieren, als weitere Computer­räume zu schaffen und zu unterhalten.“

Schon früh machte sich Carsten Huge für die Digitalisierung seiner Schule stark. „Smartphone, Computer und Internet sind alltägliche Begleiter von Kindern und Jugendlichen. Deshalb müssen sie in der Schule lernen, sachgerecht, selbstbestimmt und sozial verantwortlich damit umzugehen. Medienkompetenz ist die vierte Kulturtechnik, gleichwertig mit lesen, schreiben und rechnen“, lautet sein Credo. Viele Eltern und Kollegen unterstützten die Idee von der digitalen Schule und erarbeiteten gemeinsam die Kriterien für die mobilen Computer. „Wir haben uns schließlich für iPads entschieden“, sagt Huge. Eine gute Entscheidung, denn die Technik funktioniert, wie sie soll – problemlos. Die Geräte sind, so seine Erfahrung, einfach zu bedienen und im Gegensatz zu PCs wartungsarm.

Kollegium erarbeitet Medienkonzept

Lerntempo und Aufgaben werden individuell auf die Stärken und Schwächen der Schüler abgestimmt

2010 startete zunächst ein „Testlauf“ mit einem Jahrgang: Alle Schülerinnen und Schüler der sechsten Klassen erhielten Tablets und arbeiteten damit. Nach positiven Erfahrungen in den „Pilotklassen“ wurden die Ta­blets in den nächsten Schuljahren auch in den Jahrgängen sieben bis zehn eingeführt, 2013 dann in Klasse fünf. Die Oberschule Gehrden war damit die erste öffentliche Schule in Deutschland, in der alle Schülerinnen und Schüler mit iPads arbeiten. Eltern, die ihr Kind an der Schule anmelden, müssen seither ein Tablet kaufen oder können sich für einen Mietkauf entscheiden. Die monatliche Rate beträgt dann elf Euro. Damit, die Technik an die Schule zu holen, ist es aber nicht getan: Einen „Mehrwert“ für die Schüler haben die neuen Medien nur dann, wenn sie richtig eingesetzt werden. „Die Computer sind ein Arbeitsmittel, um Lernen zu gestalten. Wenn man seinen Unterricht durchzieht wie bisher, wird es schnell langweilig“, weiß Carsten Huge.

Die didaktisch-methodischen Modelle müssen stimmen. Ein Teil des Kollegiums er­arbeitete deshalb ein Medienkonzept für die Schule; um es weiterzuentwickeln und neue fachdidaktische und technische Entwicklungen zu integrieren, kooperiert die Oberschule mit zwei Ausbildungsseminaren in Niedersachsen und mit der Hochschule Bern.

News oder Fake News?

Das Medienkonzept definiert fünf Kompetenzbereiche: „Bedienen und Anwenden“, „Informieren und Recherchieren“, „Kommunizieren und Kooperieren“, „Produzieren und Präsentieren“ sowie „Medienanalyse, -kritik und Reflexion“. In allen Bereichen erwerben die Schülerinnen und Schüler in den einzelnen Klassenstufen bestimmte Teilkompetenzen. So lernen die Fünft- und Sechstklässler zum Beispiel die Standardfunktionen von Textverarbeitungs-, Präsentations-, Video- Audio- und Bildbearbeitungsprogrammen, das Schreiben mit zehn Fingern, aber auch die Grundregeln des Urheberrechts, des Datenschutzes und weitere wichtige Regeln im Internet. In der neunten und zehnten Klasse erstellen die Schülerinnen und Schüler dann selbst Lernkurse auf dem iPad. Wie man im Internet recherchiert, aus der Fülle der Informationen die richtigen herausfiltert und den Wahrheitsgehalt prüft, ist ebenfalls Thema – in allen Fächern und Jahrgängen. „Die Schule hat eine besondere Verantwortung, diese Kenntnisse neutral und politisch korrekt zu vermitteln und die Gefahren des Datennetzes deutlich zu machen“, betont Carsten Huge.

Zu den Gefahren gehört auch Cyber­mobbing. Das komme auch an der OBS Gehrden gelegentlich vor, räumt der Schulleiter ein. Ein großes Problem sei es aber nach Aussagen der Schülerinnen und Schüler nicht. Denn schon ab Klasse fünf befassen sie sich im Unterricht mit Verhaltensmustern und Folgen des Cybermobbings – und damit, wie man verantwortungs­bewusst mit Meinungsäußerungen und privaten Daten im Internet umgeht.

Arbeitsmittel Computer

Mathematikunterricht mit iPad. Aber auch klassische Arbeitsmittel wie Tangramformen kommen zum Einsatz

Auch Programmieren steht in Gehrden schon ab der fünften Klasse auf dem Stundenplan. „Wir machen transparent, wie die Technik funktioniert, und wir entlarven, was im Internet passiert. Dadurch werden die neuen Medien ein Stück ‚entzaubert‘“, meint Carsten Huge. „Unsere Schülerinnen und Schüler erfahren, dass man im Internet mehr kann als nur spielen oder Filmchen anschauen. Sie analysieren und bewerten die Wirkung typischer Darstellungsmittel, beispielsweise im Film und in Computerspielen. Und sie lernen, den Computer kreativ zu nutzen, indem sie zum Beispiel selbst Audio- und Video­beiträge erstellen.“

Alle Lehrkräfte setzen die iPads in allen Fächern und in allen Klassen ein. So verbessern die Kinder beispielsweise im Sportunterricht ihre Technik, indem sie sich selbst beim Dribbeln mit dem Ball filmen und ihre eigene Technik mit der großer Stars vergleichen. „Im Englischunterricht können wir live in unsere Partnerschule in London schalten. Unsere Schüler unterhalten sich dann mit Schülerinnen der englischen Partnerschule – und verbessern so ihre Englischkenntnisse“, nennt Carsten Huge ein weiteres Beispiel. Auch das lästige Vokabellernen fällt manchen Kindern und Jugendlichen mit der entsprechenden App leichter. Sie sehen nicht nur, was ein Wort bedeutet und wie es geschrieben wird – sie lernen auch die richtige Aus­sprache. Außerdem werden Fehler sofort korrigiert, Lücken können erkannt – und schnell geschlossen werden.

Ob sie eine Matheaufgabe mithilfe des Computers lösen oder ganz klassisch mit Geodreieck und Zirkel, entscheiden die Schülerinnen und Schüler selbst. In digitalen Lerntagebüchern halten sie Unterrichtsinhalte, Fortschritte und Fragen fest; mithilfe des digitalen Kalenders organisieren sie ihren Schulalltag selbst.

„Für die Kollegen ist es ganz wichtig, dass sie individueller auf die einzelnen Schüler eingehen können“, sagt Carsten Huge. Seit Einführung der iPads wird, so seine Erfahrung, mehr in Gruppen gearbeitet. Außerdem gestalten die Schüler den Unterricht stärker mit als früher. Jahrgangsübergreifende Ansätze lassen sich ebenfalls leichter verwirklichen. So können Schülerinnen und Schüler verschiedener Klassen und Klassenstufen an den gleichen Aufgaben arbeiten – auch wenn sie nicht im gleichen Klassenraum sitzen.

Schülerinnen und Schüler lernen länger

Physik live. Die Schüler probieren Hebelgesetz und Hebelwirkung aus – und erklären anderen im Film, wie es funktioniert

Die Einführung der Tablets und die Veränderung der Unterrichtsmethoden haben sich positiv auf die Motivation und die Leistungen der Schülerinnen und Schüler ausgewirkt. Dass die Kinder und Jugendlichen sich besser und länger auf den Unterricht vorbereiten, ist nicht nur ein subjektiver Eindruck, sondern lässt sich mit den Log-in-Zeiten auf dem Schulserver belegen. „Die Lernzeiten haben sich nach hinten verschoben“, berichtet Carsten Huge. „Ab 18.30 Uhr tun viele noch einmal etwas für die Schule.“

Einen deutlichen Anstieg gibt es auch bei der Qualität der Abschlüsse: Mehr Schülerinnen und Schüler erreichen beispielsweise den erweiterten Realschulabschluss, können in die Oberstufe wechseln und das Abitur machen. „Außerdem erwerben sie bei uns Kenntnisse, die andere nicht haben und die bei vielen Unternehmen gefragt sind“, betont Carsten Huge. Dies verbessert die Chance auf einen Ausbildungsplatz.

Interne Fortbildung für Lehrkräfte

Wie sich digitale Medien auf den Lernerfolg auswirken, hängt vor allem von den Lehrkräften ab. Um die für den Unterricht mit iPad und Co fit zu machen, hat das Kollegium eine schulinterne Fortbildung entwickelt, die alle neuen Kolleginnen und Kollegen absolvieren müssen. Die jungen Lehrkräfte sind, so die Erfahrung des Schulleiters, zwar mit Smartphone und Tablet aufgewachsen und haben weniger Berührungsängste als manche ältere, aber auf den Einsatz digitaler Medien in der Schule werden sie an der Uni und im Studienseminar in der Regel nicht ausreichend vorbereitet.

Klassische Schulbücher gibt es an der Oberschule Gehrden nicht mehr. Doch mit der Auswahl der digitalen Unterrichtsmate­rialien werden die Lehrkräfte hier – anders als an vielen anderen Schulen – nicht allein gelassen: Darüber entscheiden die Fachkonferenzen der einzelnen Fächer. Das erspart die von Lehrern oft als zeitaufwendig empfundene Suche nach geeigneten OER. Dass die Konferenzen mitunter online stattfinden, entlastet die Lehrkräfte ebenfalls.

Ausgezeichnet

Nicht nur bei Lehrern, Schülern und deren Eltern, auch bei Fachleuten kommt das Konzept der OBS Gehrden gut an. So erhielt die Schule 2016 den vom Lehrmittelhersteller Phywe gestifteten, mit 1.000 Euro dotierten Innovationspreis „Moderne Schule“. Im vergangenen Jahr zeichnete Apple die Oberschule als Apple Distinguished School aus. Diese Auszeichnung erhalten Schulen, die sich um das Lernen mit neuen Medien verdient machen.

Offene Lernräume

Damit das so bleibt, soll an der Oberschule Gehrden nicht nur die Internetgeschwindigkeit verbessert und an die höheren Anforderungen angepasst werden; auch Umbauten stehen an. So ist ein zweiter Coding-Raum geplant, in dem die Schülerinnen und Schüler programmieren können. Außerdem soll es mehr offene Lernräume geben.

„Die Offenheit im Unterricht muss sich in den Räumlichkeiten niederschlagen“, so Carsten Huge. Denn auch wenn die Schülerinnen und Schüler dank Tablet individueller lernen können, hat sich die Kommunikation zwischen ihnen erhöht: „Es ist nicht so, dass sich jeder mit seinem Gerät in die Ecke verzieht. Sie tauschen sich darüber aus, wie sie ihre Arbeitsziele erreichen.“ Damit der Austausch nicht nur online, sondern auch live funktioniert, brauchen die Kinder und Jugendlichen Nischen, in die sie sich zurückziehen können, um in kleinen Gruppen oder auch allein zu arbeiten.

Digitale Medien

eTwinning macht‘s möglich

Motivierenden und mediengestützten Unterricht inklusive Austausch mit Partnerschulen können Lehrkräfte mithilfe der europäischen In … mehr

Digitale Medien

Meta-Analysen unter der Lupe

Die Zahl der Studien zur Lerneffizienz von Computer, Internet und Smartphone ist kaum zu überblicken. Sowohl Befürworter digitaler … mehr

Digitale Medien

Stift contra Tastatur?

Digitale Medien gehören längst zum Alltag von Kindern und Jugendlichen. Sie wissen, wo sie die gewünschten Buchstaben auf der Tasta … mehr

Digitale Medien

Was Sie über OER wissen sollten

Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte tut es: Sie bereiten ihren Unterricht (auch) mit frei und kostenlos verfügbaren Materialen aus d … mehr

Digitale Medien

Was lernen künftige Lehrer?

Die Kultusminister setzen klare Ziele: In der Schule sollen Schülerinnen und Schüler nicht nur die traditionellen Kulturtechniken S … mehr

Digitale Medien

Blick über den Zaun

Herausforderungen an das bestehende Bildungssystem zeigen sich derzeit in nahezu allen Ländern dieser Erde. Die Lebenswirklichkeit … mehr

Digitale Medien

Sicher surfen – aber nur im Unterricht

Das Robert-Bosch-Gymnasium in Wendlingen verfügt über zahlreiche moderne Computer, darunter viele Notebooks. Grundvoraussetzung, um … mehr

Digitale Medien

Digital wird normal

Bund und Länder wollen den Auf- und Ausbau digitaler Lern­umgebungen in Schulen finanziell fördern. Doch Geld allein reicht nicht. … mehr

Digitale Medien

Außer Kontrolle?

Nicht nur Alkohol, Nikotin, Drogen und Glücksspiel können süchtig machen, sondern auch der exzessive Gebrauch von Computer(spielen) … mehr

Digitale Medien

Pädagogik vor Technik – Digitalisierung in Schulen nachhaltig voranbringen

Mit dem Wandel hin zur Digitalisierung der Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahren auch das Jobprofil von Pädagogen stark v … mehr