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Digitale Medien

Stift contra Tastatur?

Schreiben mit der Hand ist gut fürs Hirn

Stefan Lüke

Digitale Medien gehören längst zum Alltag von Kindern und Jugendlichen. Sie wissen, wo sie die gewünschten Buchstaben auf der Tastatur finden, tippen zügig Sätze. Doch wenn sie einen Gedanken mit der Hand zu Papier bringen sollen, kommen viele an ihre Grenzen. Die Diskussion ist längst entbrannt: Gehört die Schrift als Kulturtechnik der Vergangenheit an?

Spätestens seit der Veröffentlichung der ersten PISA-Studie vor mehr als anderthalb Jahrzehnten gilt Finnland als Vorbild in Sachen Bildung. Und jetzt das: Ausgerechnet in dem Land, das fast schon traditionell beste Werte bei den Lese- und Schreib­leistungen erzielt, ist die Diskussion besonders heftig ausgebrochen, warum sich Kinder überhaupt noch damit herumschlagen sollen, Buchstaben mit Füller, Kugelschreiber oder Bleistift schreiben zu lernen. Es gibt ja die Tastatur an Laptop, Handy und Tablet. Gleichzeitig registrieren Wissenschaftler, Ärzte, Lehrkräfte und Eltern einen fast schon dramatischen Rückgang an schreibmotorischen Kompetenzen und erhebliche Defizite beim Lesen. Gibt es einen Zusammenhang?

Carmen Mayer, Psychologin und Projektkoordinatorin „Besser Schreiben & Lesen“ am Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen der Universität Ulm, umschreibt das Forschungsprojekt so: „Im Kern steht die Überlegung, ob das Ersetzen der Handschrift durch Tippen tatsächlich durch die vermeintliche motorische Erleichterung zu einem besseren Lernen führt oder ob nicht gerade das Schreiben mit Stift und Papier wichtig für das Lernen ist, da es eine zusätzliche Informationsquelle (motorische Gedächtnisspur) zur Verfügung stellt, die beim Tippen fehlt.“ Sie verweist da­rauf, dass eine Studie existiere, die besage, dass der häufige Computergebrauch bei Kindern im Vorschulalter mit einem höheren Buchstabenwissen einhergehe. Es gebe jedoch auch entgegengesetzte Studien, welche dafür sprächen, dass Kinder, die Lesen und Schreiben mit Papier und Stift erlernen, die Schriftsprache insgesamt besser erlernen. Befürworter der Handschrift vertreten die Idee, dass Kinder mit ihrer Hilfe nicht nur ein Bild von einem Buchstaben abspeichern, sondern eine visuelle und zusätzlich eine motorische Gedächtnisspur der Buchstabenform entwickeln, welche das Erinnern unterstützt. „Wenn wir beim Schreiben­lernen viele Sinne benutzen, entstehen im Gehirn mehrere erfahrungsbasierte Informationsquellen. Das erleichtert es mir später zu schreiben“, glaubt Carmen Mayer.

Modernisierung gegen das Aussterben

Zu den größten Befürwortern der Handschrift zählt der Schreibmotorik-Experte Dr. Christian Marquardt, der im wissenschaft­lichen Beirat des Schreibmotorik-Instituts in München sitzt. Er ist überzeugt: „Die digitale Welt hat sicher große Vorteile, wenn es darum geht, Informationen zu speichern, weiterzuleiten und zu verbreiten. Doch bei der kognitiven Entwicklung geht es nicht nur darum, Informationen abzuspeichern. Beim handschriftlichen Schreiben beschäftigt man sich viel intensiver mit der Information. Man formuliert und visualisiert sie dabei. Das ist ein intensiverer Umgang mit Sprache, der die Erinnerungsleistung steigert und die Vorstellungskraft da­rüber erhöht, worüber man schreibt.“ Carmen Mayer pflichtet ihm bei. Beim Schreiben mit der Hand setze man sich zudem sehr intensiv und im Detail mit der Form der Buchstaben (Anzahl, Ausrichtung und Anordnung der Striche und Bögen) auseinander. Das erhöhe den Wiedererkennungswert. Sie ist überzeugt: „Es ist motorisch und sensorisch dagegen keine sehr unterschiedliche Erfahrung, welchen Buchstaben ich auf einer Tastatur drücke.“ Sie schränkt allerdings ein: „Das sind alles bislang Theorien. Wir forschen aktuell in der Studie ‚Wie lernen Kinder besser Schreiben und Lesen?‘ dazu.“

Dies scheint dringend erforderlich. Nach Einschätzung von Christian Marquardt lernen 30 Prozent der Mädchen und 50 Prozent der Jungen nicht mehr, flüssig und lesbar zu schreiben. Aber er plädiert nicht für ein starres Festhalten am alt hergebrachten Schreiben­lernen: „Wir müssen Wege der Modernisierung finden, sonst verschwindet die Handschrift eines Tages möglicherweise völlig.“

Keine schöne Vorstellung – meint er. Nicht zuletzt auch aus einer rein emotionalen Perspektive: Man denke an etwas Persönliches, an ein dem Individuum Gewidmetes und u. U. zeitlich Aufwändigeres wie eine handgeschriebene Einladung oder einen Brief.

Schreiben üben

Dr. Michael Schlienz, Programmbereichsleiter Deutsch/Sachunterricht/Fremdsprachen des Klett Grundschulverlags, ist überzeugt, dass ein Mensch nicht sein Leben lang ohne handschriftliches Schrei­ben auskommt. Das gelte auch für das Ziffernschreiben. Es sei daher erforderlich, Schreiben mit Regelhaftigkeit zu erlernen, damit Buchstaben und Ziffern ins Unterbewusstsein übergingen. Der Verlag biete in seinen Arbeitsheften selbstverständlich beide Optio­nen – Traditionelles wie Modernes – an. Allerdings wolle man in Zeiten der Digitalisierung dem Üben der Handschrift in den Lehr­büchern mehr Gewicht geben. Der Tatsache, dass immer mehr Kinder mit immer weniger motorischen Fähigkeiten in die Schule kämen, könne man auch durch den verstärkten Einsatz von Ergotherapeuten entgegenwirken.

Feinmotorik und Inklusion

Fritz Buthke ist als Ergotherapeut für die gemeinnützige Gesellschaft Ergopedia tätig, deren Ziel die präventive und frühzeitige Förderung aller Kinder unabhängig von ihrer Herkunft ist. Aktuell begleitet das Team fünf Berliner Regelschulen. Zweimal wöchentlich arbeiten er und seine Kolleginnen und Kollegen rund acht bis zehn Stunden in den jeweiligen Schulen. Sie trainieren Körperspannung und Fein­motorik. Kraft- und Aufwärmübungen (Liegestütze an der Wand) zählen ebenso zum Programm wie Lockerungsübungen (Hand ausschütteln). Das alles fördert das Körperbewusstsein und die motorischen Fertigkeiten. „Wir begleiten die Kinder bewusst in der ganzen Klasse“, betont Buthke. Das Team geht damit weg vom Defizit­denken und dem Förderbedarf einzelner. Und leistet so nicht nur einen Beitrag zum Schreibenlernen, sondern auch zur Inklusion.

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