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Lesen und Schreiben

„Gute Lesekonzepte müssen individuell sein“

Leseförder-Strategien im Zeitalter digitaler Medien

Yvonne Pöppelbaum

Das Vorlesen zuhause ist für den Schriftspracherwerb enorm wichtig, wird aber immer seltener. Auch deshalb entwickeln sich viele Kinder heute zu Wenig- und Nichtlesern

Wer nicht lesen kann, ist von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen. Leseförder-Strategien können Chancengleichheit ermöglichen – aber wie steht es eigentlich um die Lesekompetenz der Schüler in Deutschland?

Nach den Ergebnissen der PISA-Studie von 2012 hat sich die Lesekompetenz der 15-Jährigen im Vergleich zur vorigen Erhebung verbessert: Deutschland liegt demnach etwas über dem OECD-Mittelwert. Auch bei der letzten Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) 2011 lagen die Viertklässler über dem internationalen Mittelwert.

Dennoch: Jedes sechste Kind in Deutschland erreicht ein nicht ausreichendes Kompetenzniveau im Lesen.

Geprüft wird in den Schulleistungsstudien insbesondere die Lesefähigkeit (literacy). „Das literarische Lesen wird dabei völlig ausgeklammert“, kritisiert Christian Dawidowski, Professor für Literaturdidaktik an der Uni Osnabrück. „Literacy lässt sich im Multiple-Choice-Verfahren abprüfen, was vor allem in den Grundschulen oder in Vergleichsarbeiten heute auch oft passiert. Für den Stellenwert der Literatur an sich im Deutschunterricht kann das zu einem Problem werden.“

Verändertes Leseverhalten

Neben den Schulleistungsstudien beeinflusst auch der Medienwandel Unterricht und Leseverhalten: Traditionelle Funktionen des literarischen Lesens wie Unterhaltung, Identifikation oder das Einlassen auf fiktive Welten sind in den letzten Jahren vermehrt auf die digitalen Medien übergegangen. Heute lesen Jugendliche, um extrinsisch motivierte Ziele wie Informationsgewinnung und Bildungszuwachs zu erreichen. „Der eigentliche Zweck ist dabei nicht mehr das Lesen selbst. Stattdessen geht es darum, sich innerhalb unserer Gesellschaft positionieren zu können, denn das Lesen wird nach wie vor mit beruflichem Erfolg verbunden“, sagt Dawidowski. „Da erkennt man eine erhebliche Umschichtung, die auch auf den Einfluss von digitalen Medien zurückzuführen ist.“

Eine weitere Veränderung: Kinder und Jugendliche lesen nicht mehr oder weniger als vorher, aber das Lesen verteilt sich innerhalb der sozialen Schichten anders: „Wir haben immer mehr Viel-Leser und eine wachsende Gruppe von Wenig- und Nicht-Lesern“, sagt Dawidowski. Dadurch werde in der Summe gleich viel gelesen, es verteile sich nur anders. „Es ist dabei sehr deutlich zu sehen, dass die Lese-Mittelschicht wegbricht.“

Wichtig sind Lesevorbilder

Sonderpädagogin Kati Rank hat in ihrem Arbeitsalltag meist mit den Wenig-Lesern zu tun, denen es an Lesevorbildern mangelt. „Häufig wird im Elternhaus gar nicht gelesen. Es wird auch nicht vorgelesen“, sagt Rank, die an einer Förderschule in Stuttgart arbeitet und Mitautorin der erfolgreichen Lese-Trainingsheftreihe Lesen. Das Training (vpm verlag für pädagogische medien) ist. „Wenn die Kinder in Klasse eins zu uns kommen, müssen wir damit anfangen, begreiflich zu machen, wofür man überhaupt Lesen und Schreiben braucht. Dann geht es vor allem um die Motivation und darum, zu kompensieren, was im Elternhaus nicht gemacht wurde.“

Um die Schüler zum Lesen zu motivieren, braucht es neben Lesevorbildern auch geeignete Strategien, die vor allem die intrinsische Motivation fördern. Schüler lassen sich zum Beispiel für Hörbuchprojekte begeistern, wenn sie die Personen kennen, die die Texte einsprechen. Sie lesen auch freiwillig weiter, wenn ein Hörtext an einer spannenden Stelle abbricht und sie den Hinweis bekommen, auf welcher Seite sie weiterlesen können. „Gute Lesekonzepte müssen individuell sein“, sagt Rank. „Das macht viel Arbeit, ist aber auch besonders erfolgreich.“

Digitale Medien als Türöffner

Der Einsatz digitaler Medien, auch zur Leseförderung, wird unterschiedlich bewertet. „Die öffentliche Diskussion um digitale Medien bewegt sich zwischen großer Euphorie und Skepsis“, sagt Nadia Kutscher, Professorin für Soziale Arbeit und Ethik an der Universität Vechta. „Wir haben eine häufig skandalisierende öffentliche Thematisierung, aber was sich tatsächlich empirisch belegen lässt, bewegt sich meistens im einstelligen Prozentbereich.“

Die vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest herausgegebene JIM-Studie (Jugend – Information – Multimedia) hat für 2014 zum Beispiel ergeben, dass nur fünf Prozent der Jugendlichen überhaupt regelmäßig eBooks lesen. „Das ist bislang noch nicht so stark verbreitet, wie es manchmal in öffentlichen Diskursen scheint“, sagt Kutscher. Derzeit gibt es auch noch keine Studien, die belegen, dass digitale Medien für das Lesen hilfreich sind. Sie werden aber durchaus als Türöffner und Einstiegshilfe gesehen: „Man erreicht offensichtlich über digitale Angebote zum Lesen auch Kinder und Jugendliche, die man sonst eher schlecht erreicht“, sagt Kutscher.

Die Technik macht das Lesen für manche Zielgruppen attraktiver. Allerdings setzt die Nutzung digitaler Medien meist schon sowohl Lesekompetenz als auch Medienkompetenz voraus. Links und ergänzendes Material können vom Text ablenken und es fallen beim digitalen Lesen eine Menge Daten an, die von Unternehmen längst analysiert und genutzt werden. Wer liest, wie, was, wann und wo? Aufgrund des Leseverhaltens ist bei eBook-Readern auswertbar, welche Interessen jemand hat. Es sind Rückschlüsse auf den Bildungsgrad möglich und über die Verknüpfung mit sozialen Netzwerken noch viel mehr. „Diese Auswertung von Daten ist aus meiner Sicht das zentrale Problem“, sagt Kutscher. „Darüber müsste viel eher diskutiert und aufgeklärt werden.“

Für den Schulalltag wäre zunächst mal aktuelle Literatur wünschenswert: „Ich kriege immer das Grausen, wenn Referendare erzählen, dass sie mit ‚Ben liebt Anna‘ von 1979 arbeiten müssen, weil keine anderen Klassensätze da sind“, sagt Rank. „Das ist ein toller Klassiker, aber es gibt inzwischen so viel Aktuelleres, was viel näher an den heutigen Jugendlichen dran wäre.“

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