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Digitale Medien

„Das letzte Drittel wird abgehängt“

Interview mit Prof. Dr. Klaus Hurrelmann zum Thema Chancen und Risiken digitaler Medien

Quelle: didacta-Bildungsmesse / Stuttgart

Dr. Klaus Hurrelmann ist seit 1979 Professor an der Universität Bielefeld. Seit seiner Emeritierung arbeitet er als Senior Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin.

Digitale Medien halten Einzug in deutsche Schulen – im Alltag der Schüler sind sie längst angekommen. Eine technische Umwälzung, die den Lernprozess maßgeblich verändert und die von den Schulen nur bewältigt werden kann, wenn Lehrkräfte über die dafür nötigen Kompetenzen verfügen. Dafür notwendig seien, so Prof. Hurrelmann, verpflichtende Fortbildungen für Lehrkräfte.

Inwiefern prägen digitale Medien die heutige Generation der Jugendlichen?

Hurrelmann: Junge Menschen werden heute unvermeidlich mit diesen neuen Techniken groß, und das prägt sie sehr. Eltern, die verkrampft versuchen, die Begegnung mit digitalen Medien aufzuschieben, machen sie dadurch vielleicht noch interessanter. Die beste Strategie für Eltern ist, sich damit zu beschäftigen. Schon Kinder eignen sich die neuen Medien und Techniken früh an. Auf einer intuitiven Ebene sind sie den eigenen Eltern im Laufe ihrer Kinder- und Jugendzeit schnell überlegen.

Verfügen Jugendliche automatisch über Medienkompetenz, wenn sie mit Computern aufwachsen?

Hurrelmann: Nein, nur über eine intuitive Nutzerfähigkeit. Das ist etwas anderes als Kompetenz. Aber diese Frage beschäftigt unsere Gesellschaft heute sehr: Ist diese frühe Nutzung für kleine Kinder vielleicht sogar riskant? Werden sie von Impulsen abgehalten, die für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit, ihres Gehirns, ihrer Wahrnehmung, Kognition und Intelligenz wichtig sind, für ihre Gefühle und ihre Sprachfähigkeit? Da gibt es äußerst kritische Positionen in der Hirnforschung, teilweise auch in der pädagogischen Forschung, die geradezu schwarzmalen. Ich halte das für einseitig, denn wie immer hat eine neue Technologie auch Vorteile – neben den sicherlich zu Recht angesprochenen Gefahren. Mit digitalen Medien kann ich mir schnell Wissen erschließen und Angebote kombinieren. Eine wirklich souveräne Beherrschung, bei der ich die Technik an meinen individuellen Arbeitsstil und mein Persönlichkeitsprofil anpasse, das ist die Kunst. Um eine solche Medienkompetenz zu entwickeln, brauchen Kinder und Jugendliche Anleitung und Hilfe in Kindergarten, Schule und Familie parallel.

Was müssen Eltern und Lehrkräfte bei der Vermittlung einer solchen Medienkompetenz beachten?

Hurrelmann: Eine Problematik ist die wahnsinnige Auswahl an Angeboten. Da besteht die Gefahr einer Überreizung. Der Jugendliche kann all die Informationen und Hintergrunddaten gar nicht mehr richtig einordnen. Das zu lernen ist heute aber so wichtig wie nie zuvor: Informationen filtern, auf die persönlichen Bedürfnisse ausrichten, aussortieren, sich abschirmen. Sonst besteht ganz klar das Risiko, dass Kinder sich nicht mehr dauerhaft konzentrieren können, weil sie minütlich oder sogar sekündlich mit neuen Impulsen umgehen, sich davon irritieren und zerreißen lassen. Struktur in die eigene Wahrnehmung zu bringen, muss trainiert werden. Ebenso die Ausdauer, etwas über einen längeren Zeitraum durchzuhalten und sich auf einen Inhalt zu konzentrieren.

Müsste die Vermittlung von Medienkompetenz in der Lehreraus- und -fortbildung eine größere Rolle spielen?

Hurrelmann: Ganz entschieden. Es ist nicht in Ordnung, dass es heute in Deutschland – bei einer solchen technischen Revolution, die das Lernen maßgeblich verändert – nur in der Verantwortung des einzelnen Lehrers liegt, ob er sich damit auseinandersetzt. Etwa ein Drittel der Lehrkräfte in Deutschland sind den neuen technischen Herausforderungen für Lernprozesse wirklich gewachsen. Sie haben die Kompetenz, damit souverän umzugehen, sodass für die Kinder Vorteile entstehen. Ein weiteres Drittel dürfte sich einigermaßen zurechtfinden. Das letzte Drittel wird abgehängt und lehnt möglicherweise das digitale Lernen sogar ab und hält es für schädlich. Solange wir keine Leitlinien für die Arbeit von Pädagogen haben, die einheitlich auf bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen aufbauen, werden wir nicht weiterkommen. Wir brauchen eine verpflichtende Fortbildung für Lehrkräfte, gern auch schul- und jahrgangsspezifisch.

Was passiert, wenn Lehrkräfte die technische Entwicklung im Unterricht tatsächlich ausklammern?

Hurrelmann: Das können wir ja schon besichtigen. Die Schule verliert an Autorität, weil Schüler merken, dass in den Schulbüchern veraltetes Wissen steht. Sie können elektronisch auf neuere Informationen zugreifen. Das wird aber in der Schule oft nicht geduldet.

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