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Vielfalt

Nicht ausreichend in der Praxis angekommen

Differenziert unterrichten: Was passiert im Kopf der Lernenden?

Klett-Themendienst

Seit Jahren werden sie gefordert: Individuelle Förderung, Diagnostik und Differenzierung. In der Praxis jedoch sind sie nach Ansicht des Schulpädagogen und Fachdidaktikers Dr. Frank Haß noch nicht in ausreichendem Maß angekommen. Maße angekommen

Melissas Familie unterhält sich zu Hause auf Türkisch. Paul wächst zweisprachig spanisch-deutsch auf. Johns Vater ist Amerikaner, Franziska hat eine Legasthenie. Alle diese Kinder sitzen in der x-beliebigen Schule im Englischunterricht. Sind junge Lehrkräfte auf diese Heterogenität vorbereitet?

Frank Haß: Zumindest nicht ausreichend. Gerade Lehramtsanwärter erwarten häufig relativ homogene Klassen mit fleißigen und engagierten Schülern. Die Erwartung einer idealen Welt, die zumindest während der universitären Ausbildung noch viel zu oft so vorgegaukelt wird. Die jungen Kollegen erleben dann häufig einen „Praxisschock“, wenn sie mit den realen schulischen Gegebenheiten konfrontiert werden, und sind mit der Bandbreite der Kinder völlig überfordert.

Dabei sind Melissa, Paul, John und Franziska leistungsstark. Sie starten nur mit unterschiedlichen Voraussetzungen …

Frank Haß: Ja schon, aber um ihr Potenzial auch wirklich entfalten zu können, brauchen sie eben eine individuelle Betreuung. Und genau darauf werden angehende Lehrerinnen und Lehrer eben nicht ausreichend vorbereitet. Den pädagogischen Disziplinen wird im Lehramtsstudium in Relation zu den fachwissenschaftlichen meines Erachtens noch immer zu wenig Raum zugebilligt. Dies betrifft auch und besonders die Fachdidaktik, die eine Mittlerrolle zwischen Schulpädagogik, Allgemeiner Pädagogik und Pädagogischer Psychologie auf der einen Seite und Fachwissenschaften auf der anderen Seite einnehmen könnte und einnehmen sollte. Lehrer sein bedeutet heute zunehmend, Pädagoge zu sein. Es reicht nicht aus, sein Fach zu beherrschen. Dabei gehört Individualisierung und Differenzierung des Lernens an den Schulen seit Jahren zu den Themen bildungspolitischer Diskussionen …

Frank Haß: Es klingt sicher hart, aber das, was in Festtagsreden gerne als Realität dargestellt wird, ist in vielen Fällen wohl eher noch Vision. Um nicht falsch verstanden zu werden, es gibt unendlich viele engagierte Kolleginnen und Kollegen und ebenso viele Schulen, die sich seit langer Zeit bemühen, der zunehmenden Vielfalt ihrer Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden. Allerdings können sie das immer nur innerhalb des ihnen zugebilligten Rahmens tun. Und um gewisse Unterrichtsentwicklungen vorantreiben zu können, braucht es neben dem politisch bekundeten Willen auch entsprechende Rahmenbedingungen, die nicht immer kostenneutral zu haben sind. Und hier gibt es noch eine Menge Spielraum nach oben …

In Ihren Publikationen und Vorträgen spielt das Thema „heterogene Lerngruppen“ eine große Rolle. Wie leiten Sie Lehrer an, differenziert zu unterrichten?

Frank Haß: Großen Wert lege ich auf die Unterscheidung von „differenzierend“ und „differenziert“. Wenn ein Lehrer oder eine Lehrerin Schüler entsprechend ihrer vermeintlichen Leistungsfähigkeit „clustert“, dann unterschiedliche Arbeitsblätter verteilt und die Schüler diese Arbeitsblätter bearbeiten lässt, dann läuft dieses Vorgehen häufig bereits unter „Differenzierung“, ist aus meiner Sicht aber einfach nur schlechter Unterricht. Unterricht ist zuallererst ein soziales und kommunikatives Ereignis, und das sollte auch so bleiben. Übrigens darf gerade im Sprachunterricht die Rolle des Lehrers als Kommunikationspartner und auch als Vorbild keineswegs unterschätzt werden. Wenn deutlich wird, dass Lerner im gemeinsamen Unterricht unter- oder überfordert sind, dann müssen Methoden differenzierten Unterrichts ansetzen. Differenzierung darf nicht zum Selbstzweck verkommen, sondern muss immer konkret indiziert sein.

Können Sie ein Beispiel für differenziertes Lehren beschreiben?

Frank Haß: Nehmen wir einmal als Beispiel das Entwickeln der Fertigkeit, hörverstehend den Sinn eines Textes zu erfassen. Ich bemerke als Lehrender im Unterricht, dass das einige Schüler ganz gut, einige besonders gut und wieder andere weniger gut können. Häufig werden die Schüler nun – mit der Begründung, differenzierend zu unterrichten – Leistungsgruppen zugeteilt; die Gruppen erhalten vermeintlich leistungsgerechte Aufgaben. Die Schüler, die weniger gut abgeschnitten haben, so der Glaube, würden nun durch das vielmalige Anhören weiterer Hörtexte besser. Häufig tritt der gewünschte Erfolg nicht ein. Der Grund ist der, dass die wahre Ursache des unterdurchschnittlichen Leistens nicht erkannt wurde und folglich auch nicht beseitigt werden kann. Wir müssen die hinter den Leistungsdefiziten liegenden Lernschwierigkeiten ausmachen. So kann es sein, dass Melissa mit dem Thema nichts anfangen konnte, Paul fehlte der nötige thematische Wortschatz, Franziska hatte aufgrund häuslicher Probleme einfach keinen Bock auf Englisch und John hat ein generell eingeschränktes Hörvermögen, was übrigens heute ein bei Kindern und Jugendlichen zunehmendes Phänomen zu sein scheint. Die vier Kinder haben also ganz individuelle Probleme und brauchen demzufolge individuelle Unterstützung. Einfach mehr Hörtexte zu trainieren, bringt hier gar nichts.

Das setzt voraus, dass eine Lehrkraft diagnostizieren kann …

Frank Haß: Ja, die allgemeinen und fachspezifischen Lernvoraussetzungen der Schüler richtig einschätzen zu können, ist eine Kernkompetenz des Lehrberufs. Weiterhin ist wichtig zu wissen, welche mentalen Vorgänge notwendig sind, um eine von mir gestellte Aufgabe zu erfüllen. Für den Fremdsprachenlehrer z. B. sind hierfür fundierte Kenntnisse der Psychologie wie auch der Psycholinguistik unumgänglich. Salopp formuliert: Nur wenn ich sehr genau weiß, was im Kopf meines Schülers passieren muss, um die Aufgabe zu erledigen, und wenn ich dazu noch weiß, welche individuellen Lerndispositionen dabei hinderlich sein könnten, kann ich diesem Schüler individuell bei der Überwindung von Lernschwierigkeiten helfen und ihn damit letztendlich bei der Erreichung des Lernziels unterstützen. Dies wäre dann übrigens echte Individualisierung.

Es könnte sein, dass Lehrkräfte, die das lesen, aufstöhnen: „Das nicht auch noch!“

Frank Haß: Ja, das ist gut möglich und auch verständlich. Ich weiß sehr wohl, auch aus meiner eigenen Unterrichtspraxis, dass die Rahmenbedingungen für schulisches Lehren und Lernen nicht immer optimal sind. Aber es geht auch gar nicht darum, von jetzt auf gleich Schule und Unterricht zu revolutionieren. In erster Linie geht es einmal um einen Perspektivwechsel. Ich verstehe Lehren in erster Linie als Initiieren und Begleiten von Lernen; nicht als Vermittlung von „Lernstoff“. Diese stärkere Orientierung am Schüler, am Lerner, ist das Wesentliche. Dann muss jede Lehrerin und jeder Lehrer entscheiden, inwieweit eine Veränderung des eigenen Lehrstils nötig und inwieweit sie/er bereit und/oder fähig ist, anders zu lehren. Entscheidend ist zuvörderst die Haltung.

Nehmen wir an, die Haltung einer Lehrkraft entspricht dem. Wie kann eine zeitgemäße Fremdsprachendidaktik ihren Unterricht unterstützen?

Frank Haß: Das Schüsselwort heißt, kompetenzorientiert zu unterrichten. Der Kern dabei: Die Lerner sollen befähigt werden, in einer fremden Sprache lebensweltliche Situationen zu bewältigen. In der neuen Generation von Lehrwerken geht es deshalb zum Beispiel um Situationen wie Einkaufen, Frühstücken, ins Kino oder Restaurant gehen etc. Rund um diese Situationen lernen die Schüler auch Grammatik und Vokabeln und sind anschließend in der Lage, diese situationsgerecht anzuwenden. Und, Stichwort „Individualisierung“, jeder so korrekt und komplex, wie das bei seinen individuellen Lernvoraussetzungen eben möglich ist.

Das heißt dann etwa, John reichert die Situation mit eigenen Vokabeln an, Franziska beschränkt sich vielleicht auf das Nötigste, und Melissa und Paul können am Ende einer Lektion in drei Sprachen eine Kinokarte kaufen.

Frank Haß: Ja, ungefähr so. Auf unterschiedlichen Niveaus und in Abhängigkeit von seinen Lernvoraussetzungen wird jedes Kind kompetent.

Dr. Frank Haß arbeitete bis 2004 als Lehrer, Ausbilder und Fachberater. Von 2004 bis 2010 war er an der Universität Leipzig am Zentrum für Lehrerbildung und Schulforschung tätig. 2010 machte er sich mit den Bereichen Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung selbstständig, baute das Institut für Angewandte Didaktik auf, entwickelt und gibt Lehr- und Lernmittel primär für den Englischunterricht heraus und berät Schulen und Institutionen. Er ist Herausgeber der Lehrwerke Blue Line, Orange Line und Red Line.

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