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Sprachförderung

Sprachliche Barrieren mit Mathematik überwinden

Vorkenntnisse von Flüchtlingskindern für die Sprachförderung nutzen

Quelle: Cornelsen Verlag

Flüchtlingskinder wurden aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen und müssen trotz sprachlicher Barrieren in einem für sie völlig neuen schulischen Umfeld wieder Anschluss finden. Mit einer gezielten Sprachförderung, die deren Vorwissen berücksichtigt und abruft, gelinge das besser, sagen die Lehrerinnen Claudia Drews und Anna Weininger. Besonders geeignet dafür sei die „internationale Sprache“ Mathematik, denn viele Flüchtlingskinder könnten bereits in ihrer Muttersprache zählen und rechnen.

Frau Weininger und Frau Drews, was sind Ihre Erfahrungen mit Flüchtlingskindern?

Anna Weininger: Die Schwierigkeiten bei Flüchtlingskindern, z. B. aus Syrien oder Afghanistan, liegen oft nicht bei den inhaltlichen mathematischen Kompetenzen, sondern beim fehlenden Fachwortschatz. Probleme entstehen beispielsweise dann, wenn sie in Arbeitsanweisungen Fachbegriffe wie Tauschaufgabe oder Umkehraufgabe lesen und die Bedeutung nicht kennen. Viele Lehrwerke reißen das Thema Sprachförderung nur an. Notwendig sind aber konkrete Übersetzungshilfen.

Welche Schulerfahrungen bringen Flüchtlingskinder mit?

Claudia Drews: Flüchtlingskinder haben sehr unterschiedliche Vorkenntnisse. Es gibt Kinder, die nur kurz oder noch nie eine Schule besucht haben, deren Eltern möglicherweise selbst nicht alphabetisiert sind; und andere, die bereits mathematische Fertigkeiten erreicht haben und in ihrer Muttersprache schon zählen und rechnen.

Anna Weininger: Flüchtlingskinder treten manchmal mitten im Schuljahr in eine Klasse ein. Sie haben beispielsweise die Einführung in eine Rechenstrategie verpasst und wissen nicht, was Plus und Minus überhaupt heißt. Oder es fällt ihnen schwer, auf Deutsch zu zählen, weil ihnen der Wortschatz fehlt. Das hindert sie daran, mathematische Fortschritte zu machen.

Wie gelingt es, nicht-deutschsprechende Kinder in den Unterricht zu integrieren?

Claudia Drews: Kinder, die in einem sprachförderlichen Unterricht die mathematische Fachsprache lernen, lesen Aufgaben und Rechenzeichen rasch. Auch das Inhaltsfeld Raum und Form, z. B. Bauen mit Würfeln, ermöglicht Kindern einen guten Einstieg. Präpositionen, die in der Muttersprache oft nur bedingt vorhanden sind, können beim Baudiktat geübt und in Partnerarbeit in einer natürlichen Lernumgebung wiederholt werden. Dabei kann das Kind positive Lernerfahrungen machen.

Anna Weininger: Oder das Beispiel Zahlwörter. Für viele nichtdeutschsprachige Kinder ist es schwierig, dass im Deutschen zweistellige Zahlen in umgedrehter Reihenfolge zur Schreibrichtung gesprochen werden. Visualisierungen können hier helfen. Um diese sprachliche Besonderheit klar zu machen, können auch unterschiedliche Herkunftssprachen kontrastiv einbezogen werden. Verstehen die Kinder einmal das Prinzip, können sie schnell den Aufbau der deutschen Zahlwörter auf größere Zahlenräume ausweiten.

Was brauchen Schulen mit Willkommens- oder Seiteneinsteigerklassen?

Anna Weininger: Kleine praktische Lösungen. Und zwar immer dann, wenn kurzfristig und bei unterschiedlichem Kenntnisstand Hilfe benötigt wird. Je offener die Materialien sind, unabhängig vom Lernstand der Klasse, desto leichter können sie eingesetzt werden.

Was können Lehrkräfte zusätzlich noch tun?

Claudia Drews: Nicht selten kommen Kinder im Laufe des Schuljahres in eine bestehende Lerngruppe, die zunächst ihrem Alter und nicht zwingend ihrem Lernstand entspricht. Sie alle in Unterrichtsgespräche zu integrieren, erfordert Kreativität. Hier können zum Beispiel Partnerkinder als Übersetzer die Lehrkraft unterstützen. Außerdem werden Lehrkräfte für Muttersprachen wichtige Begleiter bei Elterngesprächen.

Anna Weininger: Grundsätzlich ist ein handlungsorientierter Zugang zur Sprachförderung sinnvoll, z. B. durch spielerische Lernumgebungen oder den Einsatz von didaktischem Material und Wortspeicherkarten. Das fördert nicht nur die Motivation, sondern schafft einen kognitiven Zugang zum neuen Fachwortschatz.

Ihre Erfahrungen haben Claudia Drews und Anna Weininger in die 64-seitige Sonderpublikation „Kleiner Mathe-Sprachführer“ eingebracht, die zum kostenlosen Download zur Verfügung steht. Sie enthält didaktische Hinweise, Tipps und Übungen für den Mathematikunterricht sowie ein Fachlexikon für Arabisch, Russisch und Türkisch nicht-deutschsprachiger Kinder.

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