bildung+ Startseite Mediadaten Impressum Links Newsletter

Journal der Leipziger Buchmesse Referendare reisen Lernen science bildungSPEZIAL medien

Digitale Medien

Vernetzt lernen, statt allein im Schulzimmer

Einfluss und Auswirkungen digitaler Medien auf den Schulalltag

Klett-Themendienst / dbey

Digitale Medien verändern den Wissens- und Bildungsbegriff – und damit auch die Wege des Lernens. Nach Ansicht des Schweizer Mediendidaktikers Prof. Max Woodtli müssen Schulen auf diese Veränderungen reagieren. Ansonsten ergeht es ihnen wie Industrieunternehmen, die Entwicklungen nicht genügend beachten oder falsch einschätzen: Ihre Produkte oder Dienstleistungen werden von anderen Anbietern übernommen ...

Alle reden vom digitalen Lernen. Tun sie – Lehrer und Schüler – es auch?

Max Woodtli: Ich denke, dass das Potenzial des digitalen Lernens bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist. Das liegt vielleicht gerade daran, dass eben zu wenig über die konkreten Potenziale des digitalen Lernens und über die gesellschaftlichen Veränderungen, die digitale Medien bewirken, nachgedacht wird. Alle nutzen zwar die digitalen Medien, aber sobald es ums Lernen geht, sind – bei Schülern und Lehrern – die alten Muster wieder da, die innovatives Denken und einen kreativen Umgang mit digitalen Medien eher verhindern.

Das Durchschnittsalter der Pädagogen liegt bei rund 50 Jahren. Ist diese Generation lernfähig genug, sich die erforderlichen Kompetenzen anzueignen, um den Ansprüchen des digitalen Lernens gerecht zu werden?

Woodtli: Nach meiner Erfahrung ist das Alter nicht das zentrale Kriterium für Lernfähigkeit, Flexibilität und Kreativität. Ich erlebe 20- bis 30-Jährige, die sich wie 70-Jährige verhalten, und 50- bis 60-Jährige, bei denen immer noch dieser forschende und neugierige Geist feststellbar ist.

Wie müsste die Lehreraus- und -fortbildung der digitalen Realität angepasst werden? Und angesichts der Schnelllebigkeit: Kann sie überhaupt jemals aktuell sein?

Woodtli: Das Aktuellsein ist in diesem Bereich nicht primär wichtig. Es geht nicht darum, ständig den neuesten Innovationen und technischen Spielereien hinterherlaufen zu müssen. Aber in der Lehreraus- und -fortbildung müsste man sich vermehrt mit den Auswirkungen und Konsequenzen auf Wissen, Lernen und Lehren auseinandersetzen, die eine digitale „Infosphäre“ (mit-)verursacht. Vor allem müsste in diesem Bereich eine Haltung entstehen, die neue Kommunikationsformen nicht nur als Gefahr, sondern als Herausforderung sieht, verbunden mit der Lust, die Zukunft (mit digitalen Medien) mitzugestalten.

Sie sprechen davon, dass digitales Lernen die Möglichkeit eröffnet, in konkreten Szenarien zu lernen. Warum geht das im Netz besser als bei einem auf Büchern basierenden, aber individuellen und praxisnahen Unterricht?

Woodtli: Es geht besser, weil gewisse Kompetenzen, die für das 21. Jahrhundert immer wichtiger werden, besser aufgebaut werden können, wenn man sich ins Netz begibt, als wenn man nur im stillen Kämmerlein statisches Wissen aus gedruckten Büchern akkumuliert, was gerade eben nicht praxisorientiert und kompetenzorientiert wäre. Kompetenzen, wie z. B. Aufbau von Lernnetzwerken, Empathie, interkulturelle Kompetenz, Dialogfähigkeit, Kritikfähigkeit, Digital Literacy, Problem Based Learning usw., brauchen ein Lernsetting, bei dem diese Kompetenzen möglichst praxisorientiert und für die Lernenden sinnvoll aufgebaut werden können. Und dazu ist ein Lernnetzwerk, bestehend aus möglichst vielen verbundenen Menschen, besser geeignet als ein von außen abgekapseltes Schulzimmer.

Das Netz bietet eine Fülle von Informationen, mitunter auch widersprüchliche. Woran soll sich der junge Mensch beim Lernen orientieren?

Woodtli: Der junge Mensch muss dieses Orientierungswissen natürlich zuerst lernen, bevor er sich orientieren kann, und zwar mittels des Aufbaus derselben Kompetenzen, wie man das schon seit Jahren lernen musste, im Umgang mit der Fülle an Büchern, Zeitungen, Zeitschriften, Illustrierten usw. Nur dass diese Kompetenz, Informationen nach ihrer Relevanz beurteilen zu können, heute noch wichtiger geworden ist.

Kritiker bemängeln, digitales Lernen berge die Gefahr,dass Fakten und Meinungen kritiklos übernommen werden und damit eine gewisse Oberflächlichkeit Einzug hält ...

Woodtli: Kritikfähigkeit ist nicht nur beim digitalen Lernen wichtig. Dieselben Kritiker bemängelten mit denselben Argumenten auch Bücher, Comics und Film usw. Die Kritik der Oberflächlichkeit ist nicht neu, also nicht erst im digitalen Zeitalter entstanden. Und Oberflächlichkeit ist auch nicht nur schlecht. Es braucht heute beides. Sich schnell einen ersten Überblick verschaffen zu können, z. B. über ein Wissensgebiet, aber auch dort in die Tiefe eintauchen zu können, wo es wirklich nötig ist. Oberflächen- und Tiefenverständnis ergänzen sich also, wenn man als Wissensarbeiter kompetent sein will.

Müssen die Lerninhalte und Lernziele verändert/angepasst werden?

Woodtli: Ja: Es kann heute nicht mehr darum gehen, mit oder auch ohne digitale Medien einen obsoleten Fächerkanon und eine Belehrungskultur zu optimieren, die aus der Zeit der Industrialisierung stammen. Die digitalen Medien (wie früher die Printmedien auch) verändern den Wissens- und auch den Lern- und Bildungsbegriff. Auf diese Veränderungen muss die Schule reagieren, wenn sie überleben will. Ansonsten könnte es ihr gehen wie der Musikindustrie, der analogen Fotografie usw. Andere Player übernehmen das Thema Bildung.

Wie sieht Ihrer Einschätzung nach das Lernen in der Schule in zehn Jahren aus?

Woodtli: Schwer zu sagen. Egal, ob die Schule den „Shift“ schafft oder auch nicht: Lernen wird noch mehr verteilt und vernetzt sein. Das heißt, Lernen findet in jeder Lebenssituation (online wie offline) statt und ist nicht mehr nur etwas, das man in einem abgeschlossenen, „realen“ Schulzimmer oder zu Hause tut. Ob die (traditionelle) Schule als Player noch dabei ist oder nicht oder zu einem Nischenprodukt für ein paar „Vintage Freaks“ geworden ist, das lässt sich in einer zunehmend komplexer werdenden Welt immer schwerer voraussagen. Vielleicht verbessert sich in Zukunft aber auch diese „prophetische“ Kompetenz, wenn die Algorithmen im Umgang mit Big Data besser werden…

Digitale Medien

„Das letzte Drittel wird abgehängt“

Digitale Medien halten Einzug in deutsche Schulen – im Alltag der Schüler sind sie längst angekommen. Eine technische Umwälzung, di … mehr

Digitale Medien

Digital ausgestattet?

Den Einsatz digitaler Medien im Unterricht wünschen sich nicht nur Schüler und Lehrer, sondern auch Eltern. Für viele von ihnen ist … mehr