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Mathe lernen

Qualen mit Zahlen

Dyskalkulie rechtzeitig erkennen und Auswege schulisch fördern

Mögliches Anzeichen für eine Dyskalkulie: Der Schüler kann keine Rechenaufgabe ohne Abzählen mit den Fingern lösen

Statistisch gesehen befindet sich in jeder Klasse mindestens ein Kind mit Rechenstörung. Doch eine Dyskalkulie ist nur schwer zu erkennen. Wann handelt es sich um Symptome dieser Krankheit und wann um eine schlicht unterdurchschnittliche Leistung in Mathematik? Lehrer können bereits mit einfachen Mittel einer Dyskalkulie entgegenwirken

Die Rechenstörung zeigt sich durch erhebliche Schwierigkeiten beim Erwerb der grundlegenden mathematischen Fähigkeiten. Die Forschung geht davon aus, dass die Ursache für eine Dyskalkulie in der mangelnden Aktivität der Gehirnbereiche zu finden ist, die für die Mengen- und Zahlenverarbeitung zuständig sind. Die vergleichsweise geringere Vernetzung dieser Gehirnbereiche beeinträchtigt die Verbindung zwischen Mengen und den dazugehörigen Zahlen. Einfacher gesagt: Die Kinder verstehen Zahlen als reine Symbole und nicht als Mengenangaben. Dadurch fehlen ihnen die Basiskompetenzen fürs Rechnen.

Symptome der Rechenstörung

Diese Basiskompetenzen werden bereits im Kindergartenalter entwickelt und in der Grundschule erweitert. Sie erlernen die Grundrechenarten und verinnerlichen die Grundzüge der mathematischen Logik. Kinder mit Dyskalkulie hingegen haben enorme Schwierigkeiten, sich dieses grundlegende Handwerkszeug der Mathematik anzueignen. Das äußert sich auf verschiedene Weise: Ein beeinträchtigtes Kind zählt fehlerhaft – insbesondere beim Rückwärtszählen – und in einem sehr langsamen Tempo. Einfache Rechenaufgaben kann es nicht ohne Abzählen an den Fingern lösen. Der Umgang mit einem Zahlenstrahl fällt ihm ebenso schwer wie das Rechnen mit Größen und Maßzahlen.

Da eine Dyskalkulie auch häufig Teile des Arbeitsgedächtnisses beeinträchtigt, fallen betroffenen Kindern insbesondere das Kopfrechnen sowie das Lösen von mathematischen Textaufgaben schwer. Das Arbeitsgedächtnis verarbeitet komplexe Informationen. Bei einer Textaufgabe muss das Kind beispielsweise die aufgeführten Zahlen und deren Beziehungen zueinander gleichzeitig im Kopf behalten, um die Aufgabe lösen zu können.

Häufig tritt eine Dyskalkulie nicht isoliert auf. In einer Studie ermittelten Forscher der Ludwig-Maximilian-Universität in München, dass 57 Prozent der Kinder, bei denen einen Rechenstörung festgestellt wurde, auch eine Lese- und/oder Rechenstörung hatten. „Die betroffenen Kinder brauchen eine intensive und spezifische Förderung, sonst eben besteht die Gefahr des schulischen Scheiterns, trotz guter Begabung“, erklärt Dr. Kristina Moll, Psychologin und Mitglied der Forschergruppe.

Schwierig zu erkennen

Das Problem für den Lehrer: Die Rechenstörung ist nur sehr schwer zu erkennen. „Die Kinder sind normal intelligent und können zu Beginn der Grundschulzeit ihre Rechenschwäche teils selbst vor Lehrern sehr gut verstecken“, weiß Ulrich Schulze Althoff, Gründer des Unternehmens Kaasa health, das sich auf die Entwicklung von Lernsoftware-Apps spezialisiert hat. In einer aktuellen Studie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) kommen die Forscher zu dem Ergebnis, dass eine Dyskalkulie in der Grundschule häufig von den Lehrern nicht erkannt wird. Dafür wurden 53 Schulklassen mit insgesamt 674 Kindern der 2. bis 4. Klasse in den Bundesländern Bayern, Hessen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen untersucht. „Lehrer brauchen mehr Zeit für die Einschätzung von Lernschwierigkeiten, als ihnen im Schulalltag zur Verfügung steht“, sagt Schulze-Althoff. Die Rechenstörung kommt etwa so häufig wie die Lese- und Rechtschreibschwäche vor, im Mittel ist jeweils etwa ein Kind je Schulklasse betroffen.

Beobachtet der Lehrer die genannten Symptome, kann ein zusätzlicher Test herangezogen werden, um eine Dyskalkulie festzustellen. Das Testergebnis gibt zudem Auskunft über den individuellen Förderbedarf eines betroffenen Schülers. Für den Einsatz in der Grundschule eignet sich der Heidelberger Rechentest (HRT 1–4), den zum Beispiel die WWU im Rahmen der Dyskalkulie-Studie eingesetzt hat. Darüber hinaus haben die Uni-Forscher ein computergestützte Dyskalkulie-Testverfahren und -training entwickelt, kurz CODY-Mathetest genannt.

Was kann der Lehrer leisten?

Wird bei einem Schüler eine Dyskalkulie festgestellt, ist eine individuelle, altersgerechte Lernförderung je nach Ausprägung der Rechenstörung notwendig, da sie mit zunehmenden Alter nicht von selbst abnimmt. Allerdings sehen nur wenige Bundesländer schulrechtliche Fördervorgaben für Kinder mit Dyskalkulie vor. Sind solche Vorgaben nicht gegeben, kommt es im Rahmen der Schule auf die Eigeninitiative und das Engagement des Lehrers an, ob die Rechenstörung erfolgreich behoben werden kann. Dabei ist zu bedenken, dass sie häufig von einer hohen psychischen Belastung für die Kinder begleitet wird, die sich zum Beispiel in einer ausgeprägten Matheangst zeigt.

Um diese Angst abzubauen und Lernfortschritte zu erzielen, kann der Lehrer einige einfache Maßnahmen treffen. Der betroffene Schüler sollte beispielsweise einen festen Platz vorne, frontal zur Tafel bekommen, damit der Lehrer ihn stets im Blick hat und so bei Schwierigkeiten und Unsicherheiten sofort eingreifen kann. Der Schüler sollte auch nur freiwillig an der Tafel vorrechnen.

Für die Dyskalkulie-Therapie ist eine individuelle Förderung notwendig, die auch im Schulunterricht unterstützt werden kann

Ein Kind mit Dyskalkulie benötigt zudem individuelle, lernfördernde Hausaufgaben. Hierbei kann eine konkrete Zeitvorgabe helfen, die stets eingehalten werden muss, ganz gleich ob die Aufgaben erledigt wurden oder nicht. Auch bei nur kleinen Fortschritten sollte der Lehrer diese lobend erwähnen.

Um dem Schüler etwas mehr Zeit zu geben, könnte er zum Beispiel bei einem Test noch die Pause zum Schreiben verwenden. Klassenarbeiten sollten vor allem übersichtlich gestaltet sein und Platz für Nebenrechnungen oder Zeichnungen bieten. Eine dezente Korrektur sowie ermutigende Bemerkungen fördern die Motivation.

Sitzenbleiben keine Lösung

Für Fördermaßnahmen gegen eine Dyskalkulie existiert eine Vielzahl an Lernsoftware-Lösungen und Literatur. Der Bundesverband Legasthenie & Dyskalkulie (BLV) präsentiert auf seiner Webseite eine Auswahl samt Bewertungen. Er rät zudem davon ab, Kinder mit einer Rechenstörung ein Schuljahr wiederholen zu lassen, da eine reine Wiederholung des Lehrstoffs die notwendige anforderungsgerechte Förderung nicht ersetzt.

Es mangele an Förderkompetenz, kritisiert die BLV-Bundesvorsitzende Christine Sczygiel, und Pädagogen würden mit dem Problem oft alleingelassen

„Kinder mit einer Legasthenie oder Dyskalkulie benötigen eine qualifizierte Förderung, aber leider sind Pädagogen dafür oftmals nicht ausreichend ausgebildet und werden mit der schwierigen Situation allein gelassen“, sagt BLV-Bundesvorsitzende Christine Sczygiel. „Sitzenbleiben ist keine Lösung, sondern verschärft zusätzlich die Situation für das Kind.“ Sie plädiert für eine Zusammenarbeit mit gut qualifizierten Therapeuten, die in die Schule eingebunden werden, um auch die Lehrkräfte zu entlasten. Die Schule allein kann die Auswirkungen der Dyskalkulie nicht einschränken. Die Eltern sind hier ebenfalls im Sinne einer außerschulischen Förderung gefragt. Der Lehrer kann jedoch durch frühzeitiges Erkennen der Rechenstörung, die notwendige Förderung einleiten und so die weitreichenden Folgen einer Dyskalkulie für den Schüler verhindern.

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