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Lesen – Schreiben – Sprechen fördern

Der Trauer eine Form geben

Abschiednehmen als Schreibanlass für „Liebensbriefe“

Marielle Seitz

In Marielle Seitz‘ Buch, aus dem die Abbildungen stammen, erinnert sich Marie an gemeinsame Erlebnisse mit ihrem geliebten Opa – und beginnt, sie zu malen und aufzuschreiben

Tod und Verlust von Verwandten, Freunden, Liebgewonnenem sind schmerzhafte Erfahrungen für Kinder. In ihrem neuen Kinderbuch erzählt Marielle Seitz die Geschichte von Marie, deren Großvater gestorben ist, und wie das Mädchen ihre Erinnerungen an ihren geliebten Opa festhält – in einem gezeichneten und gemalten Brief auf durchscheinender Folie. Die Autorin erläutert, wie das Schreiben dieser „Liebensbriefe“® der Trauer von Kindern Form, Ausdruck und Trost geben kann

Maries Geschichte und ihr intensives Abschiednehmen von Opa Max ist aus dem interkulturellen Kindertrauerprojekt Liebensbriefe® entstanden, das ich als Kunstpädagogin seit 2013 in großen Ausstellungen in Form einer Sozialen Plastik zusammen mit vielen teilnehmenden Kindern gestalte. Es zeigt den beteiligten Kindern und Besuchern der Ausstellungen einen neuen, lichten, fantasievollen und offenen Weg, sich mit dem existentiellen Thema „Tod“ im Leben der Kinder und ihrer Familien auseinanderzusetzen.

Wahrscheinlich war die Geschichte von Marie aber bereits vor diesem Kindertrauerprojekt in meinem Leben. Unterschiedliche Zeiträume in meiner Biografie waren immer wieder vom Abschiednehmen geprägt. Nach dem Tod von liebgewonnenen Freunden und Angehörigen, nach dem Verschwinden unseres kleinen, noch jungen Kätzchens, beim Tierarzt, der unseren treuen, alten Hund Veli einschläfern musste, und beim Trösten meiner kleinen Tochter Franzi, nachdem sie ihre Lieblingspuppe bei einem Spaziergang verloren hatte. Eines Tages fand sie – erst vierjährig – einen kleinen toten Vogel in unserem Garten. Mit Tränen, Blumen, einem gemalten Bild und vielen liebevoll zusammengestellten Grabbeigaben wurde das Vögelchen in unserem Garten von Franzi begraben.

Wir freuen uns am Leben und müssen im Leben immer wieder Abschied nehmen. Jedes Leben endet mit dem irdischen Tod, und das macht Kinder und auch uns traurig. Dies betrifft uns alle und auch immer wieder. Es gibt hier kein ideales Alter und es gibt auch kein Patentrezept, wie damit umgegangen werden sollte. Wichtig erscheint mir aber, die Trauer von Kindern in ihrer ganz eigenen Weise ernst zu nehmen und den Kindern eine Ausdrucksmöglichkeit dafür zu geben. Fast alle Kinder fragen und sehr viele haben gleichzeitig eigene Vorstellungen davon, wie es nach dem Tod sein kann.

Wir – als Pädagogen, Eltern, Verwandte – brauchen nicht davon auszugehen, dass wir den Kindern die Antwort darauf geben müssen, dass wir selbst die Antwort darauf schon gefunden haben. Vielmehr sollten wir den Kindern die Möglichkeit geben, darüber zu sprechen, zu erzählen, gemeinsam zu gestalten – ein gutes Mittel, die inneren Bilder und Fantasie auszudrücken, Fragen zu stellen und eigene Antworten und Trost zu finden.

Eine kreative Möglichkeit, mit Kindern Liebensbriefe zu gestalten

Der Begriff „Liebensbriefe“ ist aus einem Wortspiel zwischen Lebens- und Liebesbrief entstanden. Die Kinder gestalten in Liebe und liebevoller Erinnerung Briefe an Verstorbene, die sie in diesem Leben vermissen und die in der Erinnerung der Kinder weiterleben. Diese Liebe und Erinnerung ist das Band zwischen Leben und Tod. Das Zeichnen der Liebensbriefe® ist eine sinnliche und sinnvolle Kommunikation zwischen den Kindern und den verstorbenen Menschen. Dabei sind Kinder aller Glaubensgemeinschaften angesprochen. Durch die Darstellung im Bild lassen uns die Kinder an ihren Fragen und Wünschen, ihren Ängsten und Hoffnungen teilhaben.

Nach einer Vorbereitungszeit für die erste Ausstellung arbeitete ich im Herbst 2013 mit einer Reihe von Pädagogen zusammen, und innerhalb von zwei Monaten beteiligten sich etwa 1000 Kinder im Alter zwischen drei und zehn Jahren. Inzwischen haben schon mehr als 8000 Kinder an dem Projekt teilgenommen und uns ihre Briefe für Ausstellungen überlassen. Es sind große und großartige Ausstellungen, die im öffentlichen Raum, in Kirchen und Friedhöfen als Soziale Plastik (nach Joseph Beuys) auch die Besucher einbeziehen, zum Nachdenken und zu Gesprächen auffordern. Kinder besuchen mit ihren Eltern die Ausstellung und reden darüber. Verdrängtes und Nichtausgesprochenes bekommt Raum und die Möglichkeit des Miteinander-Trauerns und Verstehens.

Mit der technisch richtig abgesicherten Hängung der Briefe wird die Ausstellung auch zu einer beeindruckenden Wind- und Klangplastik. Die Briefe flattern im Wind und machen etwas aus dem Inneren der Kinderseelen sichtbar und hörbar. […] Sie vermitteln uns einen Blick in eine andere Welt – in die innere Welt der Kinder und auch in eine andere Welt hinter der irdischen Welt. Ästhetisch wird das durch die Farbe Weiß auf transluzenten Folien möglich. Mit einer neuen – und sehr einfachen – Zeichentechnik ist das für alle teilnehmenden Kinder und Erwachsenen wunderschön umzusetzen.

Ich freue mich, wenn viele Leser die Liebensbriefe® fortführen, und das vor allem mit Kindern. Bei dem Wunsch nach Gestaltung einer Ausstellung bitten wir um vorherige Kontaktaufnahme unter:

info@liebensbriefe.de

Wir beraten und unterstützen Sie dann unter Berücksichtigung des Urheber- und Markenrechts bei Ihrer eigenen Ausstellung.

Kunstpädagogin, Autorin und Leiterin des Instituts für Kreativität und Pädagogik, München

Weitere Informationen:

www.liebensbriefe.de | www.seitz-kreativ.de

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