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Lesen – Schreiben – Sprechen fördern

Engagement und Herzenswärme

Sprachförderung in der Grundschule

Harald Fette

Kleine Schreibprojekte machen nicht nur Spaß – sie ermöglichen es den Lehrern auch, sich um schwächere Schüler intensiver zu kümmern

Es war schon immer schwierig bis unmöglich, in einer Klasse alle Schüler auf einem gemeinsamen Lernniveau zu halten. Durch Inklusion und Migration ist das nicht einfacher geworden

Heute ist die Herausforderung für den Lehrer größer“, stellt Andreas Körnich von der Comenius-Grundschule in Wilkau-Haßlau bei Zwickau fest. Was mit daran liegt, dass sich die Zusammensetzung der Schülerschaft in vielen Grundschulklassen verändert hat. Durch Inklusion sind die Klassen noch heterogener geworden. Grundschulen sind hier besonders herausgefordert, denn etwa die Hälfte der behinderten Kinder gehen mittlerweile in den ersten Klassen in eine Regelschule, wie aus einer Studie der Bertelsmann-Stiftung hervorgeht.

Zunehmend heterogener wird die Schulgemeinschaft auch, wenn Flüchtlingskinder von Willkommensklassen in die Regelschule wechseln oder direkt in die Grundschulen eingeschult werden. Schätzungsweise zwei Prozent aller Schülerinnen und Schüler in Deutschland sind Flüchtlingskinder. Die Lehrkräfte müssen die Bedürfnisse und Fertigkeiten der Neulinge wahrnehmen, gleichzeitig im Unterricht den Ansprüchen aller anderen Schülerinnen und Schüler gerecht werden. Andreas Körnich resümiert: „Diesen Spagat zu schaffen ist für jede Lehrkraft ein unheimlicher Kraftaufwand und setzt neben guter Kenntnisse in Didaktik und Methodik sehr viel Engagement und Herzenswärme voraus. Lehrkraft an der Grundschule zu sein ist mehr als ein Beruf – es ist Berufung.“

Im Klassenalltag hat das bereits in der Grundschule eine zunehmende Individualisierung des Unterrichts zur Folge. Für Andreas Körnich ein überfälliger Schritt. „Alle in der Klasse machen zur gleichen Zeit dasselbe – dieser gleichschrittige Unterricht hat noch nie funktioniert“, meint er, „und wenn man an Inklusion aller Kinder und die Integration von Kindern aus anderen Ländern denkt, funktioniert es noch weniger.“

Die Unterrichtskultur verändert sich

Andreas Körnich leitet eine zweizügige Grundschule mit LRS-Klassen und vielen Integrationskindern. Seine pädagogische Erfahrung bringt er als Autor in das Grundschullehrwerk Zebra mit ein. Die Lernmaterialien für den Deutschunterricht sind dabei auf den individuellen Lernstand jedes Kindes zugeschnitten. Daraus ist sein Baukastenprinzip entstanden, das es ermöglicht, einzelne Lernschritte oder Arbeitsmaterialien gezielt einzusetzen. Die Kinder haben so das Gefühl, mit demselben Material zu arbeiten, was Zusammengehörigkeit und Selbstwertgefühl stärkt.

„Als wir Zebra entwickelt haben, wollten wir Materialien erstellen, mit denen jeder nach seiner Gangart lernen kann“, erinnert sich Andreas Körnich, der auch an den neuen Sprachförderheften mitgearbeitet hat. In den Zebra-Materialien steckt die Arbeit von über zehn Jahren und die Erfahrung von Praktikern aus ganz Deutschland. Bei den Zebra-DaZ-Materialien lässt sich mit einem Einstufungstest – zu finden auf der Webseite des Zebrafanclubs – schnell und einfach herausfinden, welche Materialien für welches Kind sinnvoll sind. Wobei die Macher selbst den Test als „Beobachtungsinstrument“ bezeichnen. Denn auch die feinmotorischen Fertigkeiten wie Stifthaltung und mehr geben Aufschluss über die schulische Erfahrung eines Kindes. Der Test ermittelt, ob das Kind besser mit dem Arbeitsheft zur Alphabetisierung einsteigt, oder ob es bereits lateinische Buchstaben beherrscht und in erster Linie den eigenen Wortschatz erweitert. Auch für die ersten Tage in der Grundschule gibt es für neuangekommene Flüchtlingskinder ein Willkommensheft. Bei allen Materialien haben die Lehrkräfte immer wieder diagnostische Haltepunkte, mit denen sie feststellen können: Was können die Kinder? Was können sie noch nicht? Was sind die nächsten Schritte?

Freiräume für individuelle Förderung schaffen

Der Unterricht wird zunehmend individueller, auf das einzelne Kind zugeschnitten. Wie das konkret aussehen kann, beschreibt Andreas Körnich: Die Kinder erarbeiten kleine Schreibprojekte – jeder auf seiner Entwicklungsstufe. Dabei wenden sie immer wieder die erlernten Strategien und Regeln an und überarbeiten damit ihre Arbeitsprodukte. Am Ende des Erarbeitungsprozesses präsentieren sie ihre Ergebnisse.

Im projekt- und produktorientierten Unterricht gewinnen Lehrerinnen und Lehrer Freiräume und Zeit für individuelle Förderung. „Wir können denen helfen, die enge Leitplanken brauchen, die eine Strukturierung und Unterstützung ihrer Arbeit benötigen“, bemerkt Körnich. Kinder mit Lernbeeinträchtigungen bekommen einen individuellen Plan, den sie eng befolgen. Andere Kinder wiederum arbeiten weitgehend selbstständig. Für die motivierten und weitgehend autonom arbeitenden Kinder bietet der Unterricht in regelmäßigen Abständen so genannte diagnostische „Haltepunkte“. Die Lehrkraft stellt dabei fest, auf welchem Stand das Kind ist und bereitet nächste Lernschritte vor, moderiert quasi den Lernprozess.

Andreas Körnich legt in seinem Unterricht großen Wert darauf, dass Kinder eigene Texte schreiben. Nachdem die Schreibanfänger erste Schritte im Schriftspracherwerb gegangen sind, lernen sie Stück für Stück Strategien und Regeln kennen, um ihre selbstgeschriebenen Texte zu korrigieren. Dies geschieht bereits sehr früh in der Klassenstufe 1. Spätestens in der vierten Klasse müssen die Kinder in der Lage sein, ihre Texte orthografisch, grammatisch und inhaltlich zu überarbeiten. Die Leistung der Kinder ist nicht zu unterschätzen. „Um etwa aus einem Text einen Dialog zu schreiben, benötigt ein Kind enorme Kompetenzen“, weiß Andreas Körnich. „Und wenn man mit den Kindern immer wieder ihre Schreibprodukte überarbeitet und diese Ergebnisse präsentiert, dann hat man den Bildungsplan automatisch erfüllt – egal, welcher Bildungsplan gerade gültig ist.“

Hilfenetzwerk um die Schule

So zentral der Deutschunterricht für Migrantenkinder auch ist – Sprachkenntnisse allein sind noch kein Garant für eine erfolgreiche Schulkarriere. Schließlich ist die Begegnung mit Menschen aus anderen Ländern für viele neu. In Zwickau beispielsweise war und ist der Ausländeranteil sehr gering – im Vergleich zu anderen deutschen Städten.

In der Schule wachsen Ängste der Eltern, ob der Lernprozess ihrer Kinder nun gestört sei. Kinder gehen zwar unvoreingenommener mit der Situation um, aber Bedenken der Eltern beeinflussen auch sie. In Zwickau geht man teilweise einen Schritt weiter. Gemeinsam mit freien Trägern und der Kirche haben engagierte Menschen in der Stadt ein Hilfenetzwerk aufgebaut.

Es gibt nun ein Begegnungs-Café und regelmäßige Stadtteilfeste – eine Kleiderkammer wird eingerichtet und ein Übersetzungsdienst organisiert. Familien treffen auf Einladung mit Flüchtlingsfamilien zusammen. Bei diesen Begegnungen relativieren sich viele Vorbehalte. Den Flüchtlingen wird geholfen, Wohnraum und Arbeit zu finden, mit dem Ziel, dass Flüchtlinge integraler Bestandteil der Gesellschaft werden. Dabei arbeiten Stadt, Politiker, freie Träger und Ehrenamtliche Hand in Hand zusammen.

Deutschunterricht beschränkt sich nicht auf den Unterricht im Klassenzimmer. „Bildung geschieht nicht nur in der Schule“, ist Grundschuldirektor Andreas Körnich überzeugt. „Bildung geschieht den ganzen Tag. Schule ist nur ein kleiner Teil, und wenn Schule sich in die Gemeinschaft einmischt, kann man viel gewinnen.“

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