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Schule + Unterricht

Lernen mit Störenfried

Frühe, inklusive Förderung kann Verhaltensauffälligkeiten vorbeugen

Johanna Böttges

Hyperaktivitäts-Aufmerksamkeitsstörungen wie ADHS belasten den Unterricht und das Arbeitsklima der gesamten Klasse. Um dem vorzubeugen, sind gezielte Diagnose und Förderung schon in der Vorschule sinnvoll

Kinder mit Verhaltensstörungen wie ADHS ziehen viel Aufmerksamkeit auf sich und erschweren nicht selten auch anderen das Lernen. Schon jetzt wird jedes Zweite von ihnen inklusiv beschult. Dass der gemeinsame Unterricht gelingt, wird immer wichtiger

Die Inklusionsdebatte dreht sich häufig um andere Fälle, dabei ist für viele Pädagogen der Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen Alltag. Kommen viele Symptome längerfristig zusammen, kann ein Förderbedarf diagnostiziert werden. Um leichte Anpassungsprobleme handle es sich dann nicht mehr, betont der Sonderpädagoge und Psychologe Prof. Dr. Bernd Ahrbeck. „Schülerinnen und Schüler, die den Förderbedarf emotional-soziale Entwicklung erhalten, sind in aller Regel stark beeinträchtigt.“ Oft haben persönliche Erfahrungen zu Bindungsstörungen, Traumatisierungen und anderen psychischen Problemen geführt. Die Symptome reichen von Hyperaktivitäts-Aufmerksamkeitsstörungen wie ADHS über innere Struktur- und Regellosigkeit und aggressives Verhalten bis zu Angststörungen. Ältere Jugendliche fallen durch Schuleschwänzen, Drogenmissbrauch und andere Straftaten auf. Viele werden depressiv oder kapseln sich von der Gruppe ab.

Immer häufiger diagnostiziert

Für den Alltag in Kita und Schule bedeutet das eine Belastungsprobe, denn langfristige Störungen des Miteinanders strapazieren die Geduld von Erzieherinnen und Erziehern, Lehrkräften, Spielkameradinnen und Klassenkameraden. Unruhe und Provokationen müssen ausgehalten werden, ein hohes Maß an Zuwendung und Geduld ist erforderlich. Noch dazu ist das Verhalten der betreffenden Kinder oft schwer zu deuten, was den pädagogischen Zugang erschwert.

Trotz dieser schwierigen Ausgangslage besuchen Kinder und Jugendliche mit dem Förderschwerpunkt emotional-soziale Entwicklung häufiger Regelschulen als Angehörige anderer Fördergruppen. Je nach Bundesland, kann sich der Anteil stark unterscheiden, doch im Bundesdurchschnitt wurde im Schuljahr 2013/14 die Hälfte von ihnen inklusiv beschult, wie die Bertelsmann Stiftung in ihrem jüngsten Ländervergleich berichtet. Und immer mehr sind von der Diagnose betroffen: Laut Kultusministerkonferenz hat sich die Zahl der Schülerinnen und Schüler mit diesem Förderschwerpunkt in den letzten 15 Jahren verdoppelt. Sie liegt bei einem Anteil von 16,1 Prozent aller als förderbedürftig klassifizierten Schüler. Ahrbeck geht davon aus, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt.

Was Kinder und Lehrkräfte brauchen

Trotz des hohen Inklusionsanteils fällt die Zustimmung der Eltern deutlich geringer aus: 42 Prozent befürworten für den Förderschwerpunkt „Emotionale und soziale Entwicklung“ das gemeinsame Lernen. Ein Grund könnte sein, dass es mit den Unterrichtsbedingungen noch nicht zum Besten steht. Der Lehrerverband Bildung und Erziehung (VBE) machte 2017 mit einer wissenschaftlichen Expertise darauf aufmerksam, welche Anforderungen Schüler mit emotional-sozialen Entwicklungsstörungen an Schulen stellen. Ohne intensivpädagogische Maßnahmen, so das Fazit des Gutachters Ahrbeck, gehe es nicht. „Allein durch soziale Akzeptanz und eine stärkere Toleranz von Vielfalt lassen sich die unbestreitbaren inneren und äußeren Probleme dieser Schülergruppe nicht lösen.“

Das bedeute für inklusive Lerngruppen eine Doppelbesetzung mit Lehrkraft und Sonderpädagogin oder -pädagoge, außerdem mehr Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams. Darüber hinaus sei das pädagogische Setting besonders wichtig. Ein vielfältiges Angebot, wie es in vielen Bundesländern herrsche, hält der Wissenschaftler für sinnvoll – von der gemeinsamen Beschulung über temporäre Lerngruppen und Kleinklassen bis zu speziellen Fördereinrichtungen.

In Zukunft müsse der Blick verstärkt auf zugewanderte Flüchtlingskinder gelenkt werden, mahnt VBE-Bundesvorsitzender Udo Beckmann: „Diese Kinder sind durch ihre Erfahrungen einem besonderen Risiko ausgesetzt, verhaltensauffällig zu werden und sind deshalb darauf angewiesen, in ihrer emotional-sozialen Entwicklung besonders gefördert zu werden.“ Wichtig zur Prävention seien auch eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Vermittlung von Medienkompetenz.

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