bildung+ Startseite Mediadaten DatenschutzhinweiseImpressum Links

Journal der Leipziger Buchmesse Referendare reisen Lernen science bildungSPEZIAL medien

Schule + Unterricht

Mehr Freude am Denken

Neue Studien über die Wirkung von Förderkursen für begabte Kinder veröffentlicht

Universität Tübingen

Laut KMK besteht in Deutschland die Notwendigkeit, die Förderung von leistungsstarken und potenziell leistungsfähigen Schülerinnen und Schülern zu verbessern. Wie dies bereits in der Grundschule gelingen kann, wurde nun wissenschaftlich untersucht

Wissenschaftler des Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen haben in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt am Main in mehreren Studien einiges über die Wirkweise von Förderprogrammen für hochbegabte Kinder herausgefunden: Nach dem Besuch eines solchen Programms konnten die Schüler ihre ohnehin schon guten Noten in Deutsch und Mathematik nochmal verbessern und durch den Besuch eines speziellen Kurses ein ungewöhnlich reifes Wissenschaftsverständnis entwickeln. Auch konnten die Kinder nach dem Besuch eines Präsentationstrainings naturwissenschaftliche Inhalte besonders gut kommunizieren. Die Ergebnisse wurden im Januar in den Zeitschriften Learning and Instruction, Contemporary Educational Psychology und Journal of Research on Educational Effectiveness veröffentlicht.

Wege ans Ziel

Es gibt in Deutschland verschiedene Fördermöglichkeiten für begabte und hochbegabte Kinder und Jugendliche. Sie können beispielsweise früher eingeschult werden, Klassen überspringen oder sich in so genannten Enrichment-Programmen, die zusätzlich zum schulischen Lehrstoff angeboten werden, mit neuen Themen beschäftigen. Allerdings sind bislang nur wenige dieser Programme auf ihre Wirksamkeit hin untersucht worden. Die Wissenschaftler haben deshalb ein Förderprogramm für begabte und hochbegabte Grundschulkinder untersucht und ausgewertet. Sie wollten wissen, ob sich die Kurse positiv auf die Kinder auswirken und wenn ja, unter welchen Bedingungen.

Die Studien wurden an den Hector-Kinderakademien realisiert, die an 65 Standorten in Baden-Württemberg Kurse für begabte und hochbegabte Grundschulkinder zusätzlich zum regulären Schulunterricht anbieten. Die Kurse legen einen Schwerpunkt auf die MINT-Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, es gibt jedoch auch musische oder sprachliche Angebote. Da das Angebot zum Ziel hat, Kinder ganzheitlich zu fördern, wurde auch untersucht, ob sich das Programm auf die kognitiven Fähigkeiten, schulische Leistung, wissenschaftliche Neugier, Kreativität, Selbstkontrolle oder soziale Kompetenzen der Kinder auswirkte.

Stimulans für die Lust am Lernen

Rund 2.700 Schülerinnen und Schüler nahmen dafür vor und nach dem Besuch der Kurse an einem Intelligenztest teil und füllten Fragebögen aus. Außerdem wurden ihre Schulnoten in Deutsch und Mathematik vor und nach den Kursen verglichen. Hier zeigte sich der größte Effekt: Die Kinder konnten ihre ohnehin schon guten Noten in Deutsch und Mathematik noch verbessern. „Das kann ein Effekt der intellektuellen oder motivationalen Stimulation sein, aber auch damit zusammenhängen, dass Eltern ihre Kinder mehr fördern, wenn sie wissen, dass diese an einem Programm für begabte Kinder teilnehmen“, erklärt Jessika Golle, die Erstautorin dieser Studie. „Zudem ist möglich, dass sich die Wahrnehmung der Lehrerinnen und Lehrer verändert, wenn sie wissen, dass die Kinder besonders begabt sind.“

Da in dieser Studie nur Aussagen über das Gesamtprogramm, nicht jedoch über einzelne Fördermaßnahmen, getroffen werden konnten, wurde in zwei experimentellen Studien mit 117 bzw. 65 Kindern auch die Wirkung einzelner Kurse untersucht, die von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern selbst entwickelt wurden. Mit dem Kurs „Kleine Forscher – Wir arbeiten wie Wissenschaftler“ soll beispielsweise das naturwissenschaftliche Verständnis der Kinder gefördert werden. Diese schlüpfen dabei in die Rolle von Forschenden und lernen anhand kleiner Experimente, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten, etwa wie Hypothesen formuliert und geprüft oder Ergebnisse interpretiert und hinterfragt werden. Es zeigte sich, dass sich bei den Kindern, die an dem Kurs teilgenommen hatten, das Wissenschaftsverständnis substanziell weiterentwickelte. „Zudem waren sie wissbegieriger und hatten mehr Freude am Denken“, sagt Julia Schiefer, die den Kurs entwickelte und die Studie durchführte. Sie empfiehlt deshalb, dieses Verständnis vor allem bei Kindern mit hohen intellektuellen Fähigkeiten bereits in der Grundschule zu fördern.

Ein weiterer Kurs hatte zum Ziel, die Präsentationskompetenzen von Kindern der dritten und vierten Klasse zu erhöhen. Über die ganze Lebensspanne hinweg wird das Präsentieren immer bedeutender und für begabte Kinder ist es besonders wichtig, dass sie den richtigen Ton treffen, wenn sie über Themen informieren, in denen sie sehr versiert sind. In dem Präsentationstraining lernten sie, wie sie mit Lampenfieber umgehen können, wie sie durch nonverbale Kommunikation auf ihr Publikum wirken und wie man eine Rede verständlich und der Situation angemessen aufbereitet. Dazu suchten sie sich ein Thema aus dem Bereich der Naturwissenschaft aus, für das sie sich besonders interessierten. Die Kinder, die an dem Training teilnahmen, hatten sich sowohl in ihrer Körperhaltung, Mimik, Gestik und im Blickkontakt verbessert, als auch in ihrer Fähigkeit, flüssig zu sprechen und den Aufbau ihrer Rede zu organisieren. Evelin Herbein, die Erstautorin der Studie, plädiert daher dafür, mit dem Präsentationstraining bereits im Grundschulalter zu beginnen. „Aufbauend auf unsere Kursmaterialien, könnte man überlegen, wie man das Training in den Unterricht übertragen kann“, so Herbein. Ulrich Trautwein, Direktor des Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen, resümiert die Studien: „Die Ergebnisse geben Anlass zur Hoffnung. Begabtenförderung für Grundschulkinder kann funktionieren, aber es bedarf klar definierter Programme, gut ausgebildeter Kursleiterinnen und -leiter und einer weiterhin systematischen Überprüfung der Effekte.“

Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung

Schule + Unterricht

Bildung in Not

Grundschulen stehen unter Druck. Nationale und internationale Vergleiche haben jüngst gezeigt: Das Leistungsniveau stagniert und Ki … mehr

Schule + Unterricht

Lernen mit Störenfried

Kinder mit Verhaltensstörungen wie ADHS ziehen viel Aufmerksamkeit auf sich und erschweren nicht selten auch anderen das Lernen. Sc … mehr

Schule + Unterricht

Je früher, desto besser

Europa als eigenständiges Thema – gibt es nicht Wichtigeres auf dem Stundenplan? Beispiele in Sachsen und Rheinland-Pfalz zeigen: D … mehr