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Social Networking

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Soziale Netzwerke sind etabliert – nur nicht an Schulen

Markus Hofmann

An der Debatte um die Bedeutung des Web 2.0 für Schule und Unterricht wird eines deutlich: Viele Pädagogen neigen zu konservativen, mitunter sogar zu autoritären Standpunkten, wenn es um die Frage geht, was Kinder und Jugendliche wie zu lernen haben, um für das Leben gerüstet zu sein. Außen vor bleibt dabei das Social Net, das aber derzeit zu einem wichtigen Kommunikations- und Lerninstrument avanciert – und deshalb auch für Schule und Unterricht genutzt werden sollte

Das Internet und das Web 2.0, in der akademischen Offline-Diskussion als abstruse Parallelwelten geschmäht, sind ein Spiegelbild der Gesellschaft. Was sich in der „physischen Realität“ findet, ist auch in der Online-Realität virulent, mit allen positiven und negativen Symptomen. Digitale Medien können Menschen schlauer, aber auch dümmer machen, genau wie andere Medien. Sie alle ermöglichen uns, jene kommunikativen Bedürfnisse und Fähigkeiten auszuleben, die den Menschen seit der Steinzeit innewohnen und die der Grund für ihren Erfolg sind.

Das revolutionär Neue am Internet ist jedoch, dass prinzipiell jeder Mensch, der sich darin bewegt, Rezipient und Produzent zugleich sein kann. Früher, als die Gesellschaft nur über analoge Medien wie Zeitung, Buch, Brief, Radio und Fernsehen verfügte, war das ganz anders: Die Produktion oblag einem kleinen Personenkreis, der zudem die Nutzung und Verbreitung des Mediums kontrollieren konnte. Der Rest der Menschheit hatte nur die Wahl, die Inhalte zu konsumieren oder es zu lassen. Digitalisierung und Internet haben den gesellschaftlichen Dialog demokratisiert. Dass in der Folge virale Netzwerke entstehen, war nur noch eine Frage der Zeit und des flächendeckenden technologischen Fortschritts.

Ausgetretene Bildungspfade

Einen bösen Willen kann man den Zweiflern und Kritikern des Social Web sicher nicht unterstellen. Wohl aber Unwissenheit und mangelnde Erfahrung, wenn sie das Internet als anarchischen Bolzplatz abtun. In den Warnungen davor kolportieren die Konservativen unter den Pädagogen und Didaktikern immer wieder – um ein Beispiel zu nennen – Hartmut von Hentigs Bild vom „Zauberlehrling“. Bis zu einem bestimmten Punkt ist das sicher sinnvoll, schließlich erfordert die konstruktive Rezeption des Internets eine besondere Sensibilität und Kompetenz, um dort die Spreu vom Weizen trennen zu können: Bisher gab es kein Medium, das derart facettenreich war, im Positiven wie im Negativen. Doch bei der Beurteilung dessen, was für Kinder und Jugendliche gut und richtig ist, fällt das Social Web meist durch. Sofern es überhaupt beachtet wird.

Hier zeigt sich: Die Debatte um das Was ist immer eine Debatte um das, was muss. Dabei stellen Erwachsene ihre Eigeninteressen über die Interessen und Bedürfnisse der Schüler – ein im Grunde unsoziales, ja respektloses Verhalten, das Kinder verpflichtet, zu wissen, was sie wissen sollen. Würde beispielsweise die freie Marktwirtschaft derart reglementiert, führte das zu ihrem Zusammenbruch: Der Verbraucher würde zähneknirschend kaufen, was er kaufen soll, und nicht das, was er tatsächlich braucht. Um wieder zurückzukehren zum Bildungswesen: Müssen wir uns dann wundern, wenn Schüler die Verpflichtung ablehnen, Schopenhauer zu lesen oder Schiller zu interpretieren?

Unerkannte Dimensionen …

Das Social Networking spiegelt nichts Geringeres wider als das Bedürfnis des Menschen nach Gemeinschaft und Anerkennung. Studien und Umfragen zeigen es: Freundschaft gehört für Kinder und Jugendliche zu den wichtigsten Werten. Zeitgemäßes Wissensmanagement sollte deshalb auf das Soziale setzen – und Netzwerke wie SchülerVZ oder Jappy integrieren statt sie zu ächten (wofür die umstrittene Lehrerbenotung auf spickmich.de sicher ein wichtiger Grund war). Denn Schule selbst ist ein soziales Netz, dessen sind sich SchülerVZ, spickmich.de oder auch Facebook bewusst. Nur die Schulen leider nicht. Darum hantieren viele allenfalls mit Online-Lösungen, die sich auf einen Teilaspekt des Systems Schule – auf die Wissensvermittlung durch reine Lernplattformen – beschränken und lediglich die Hierarchie des Schulalltags zu digitalisieren versuchen.

Doch das wird der Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen kaum gerecht. Immer mehr bewegen sich nicht nur im Social Web, um Freundschaften zu pflegen oder Banales auszutauschen, sondern um ihr Wissen zu vernetzen, zu diskutieren und zu reflektieren, mit außerschulischen Experten über Unterrichtsthemen zu fachsimpeln, fremde wissenschaftliche, weltanschauliche oder religiös-kulturelle Positionen kennenzulernen. Kurz: Sie holen sich Inspiration aus ihrer Kommunikation und setzen damit Lernprozesse in Gang – ein großes Potenzial des Social Networking. Den zweifellos vorhandenen Risiken, auf die die Schüler dabei treffen, müssen sich die Schulen wohl oder übel stellen, wenn sie dessen Chancen nutzen wollen.

… und ungeahnte Perspektiven?

Grundsätzlich sollten Angebote wie Soziale Netze, die das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Austausch befriedigen, zunächst als gut und richtig angesehen werden. Ob sie pädagogische Anforderungen in der Praxis dann auch erfüllen, sei erst einmal dahingestellt. Es ist aber eine Tatsache, dass diese Netze einen Gegenentwurf geschaffen haben zu Einrichtungen, die über die Köpfe der Beteiligten hinweg denken, entscheiden und handeln. Erst eine Schule, die das Lernen und Kommunizieren ihrer Schüler als demokratischen Prozess versteht und deren Medien für das Lernen und Lehren nutzbar macht, wird ihrem Bildungsauftrag gerecht. Die Befürworter und Betreiber Sozialer Netze im Internet versprechen sich davon sogar neue Perspektiven für den Bildungs- und Wirtschaftsstandort Deutschland: Beim Networking entwickeln die Schüler, so sagen sie, soziale und technische Fertigkeiten, die sie wiederum später auf dem Arbeitsmarkt und im Geschäftsleben einbringen können. Kompetenzen, deren Förderung Bildungs- und Wirtschaftsmanager unablässig einfordern. mho