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Schulentwicklung

Digitale Schulentwicklung

Johannes Zylka

Abb. 1: Ein Blick in ein Lernatelier an der Alemannenschule Wutöschingen

Der vorliegende Beitrag stellt einige grundlegende Feststellungen und Überlegungen des unlängst im Beltz-Verlag erschienenen, gleichnamigen Bandes vor (Zylka 2018). Unmittelbar an den Gegebenheiten des schulischen Alltags anknüpfend, beschreibt das Buch die komplexe Thematik der Digitalisierung als Kernelement zukunftsorientierter Schulentwicklung – auf einer Ebene mit Personalentwicklung, Unterrichtsentwicklung und Organisationsentwicklung. Ohne die Berücksichtigung digitaler Technologien in Schulentwicklungsprozessen und damit einhergehenden Strukturanpassungen greift diese zu kurz.

Über die vergangenen Jahrzehnte hat sich in Schulen vieles bewegt, auch auf der Ebene der Ausstattung. Mit zum Teil immensem finanziellen Aufwand wurden Computerräume mit entsprechender Ausstattung angeschafft, Beamer installiert, Interaktive Tafeln in Klassenzimmern an der Wand angebracht, Internetverbindungen gelegt, Netzwerkinfrastrukturen geschaffen, Lernplattformen eingeführt und für Lehrkräfte Schulungen durchgeführt – natürlich in Abhängigkeit von den jeweils vor Ort gegebenen schulischen und außerschulischen Rahmenbedingungen. Dennoch werden Bildungsforscher und -praktiker nicht müde, das schlechte Abschneiden deutscher Schulen im Kontext des Einsatzes digitaler Medien im ­internationalen Vergleich wie auch deut­liche Unterschiede nach Bundesländern zu betonen (Lorenz 2018).

Und blickt man an dieser Stelle in den schulischen Alltag, so erinnert die Situation ungeachtet diverser Einzelanschaffungen vielerorts noch sehr an die eigene Schulzeit: Regelmäßig vor den Ferien sind Fernsehwagen – von denen ohnehin nur einer oder zwei funktionieren – und die Beamer ausgebucht, das Gleiche ist der Fall mit Räumen, in denen ein Interaktives Whiteboard und vielleicht sogar Lautsprecher installiert sind. Sehr gern werden die angeschafften Geräte zum Filmschauen verwendet – aber sieht so der pädagogisch-didaktisch sinnvolle Medieneinsatz aus? Aber auch an den Strukturen hat sich wenig geändert: Der Kollege (in diesem Fall beziehe ich mich tatsächlich auf den meist männlichen und naturwissenschafts-affinen Kollegen), der für die technische Betreuung der Geräte zuständig ist, kümmert sich nicht nur um die analoge und digitale Technik, sondern parallel auch noch um die Installation, Pflege und Wartung der Homepage sowie um das Einrichten und die Pflege der Lernplattform. Gerade an Schulen der Primarstufe und der Sekundarstufe I scheint diese etwas überzeichnet anmutende Situation zumindest teilweise zuzutreffen, während an Gymnasien oftmals andere Anrechnungsmöglichkeiten eines Engagements im Kontext der digitalen Medien existieren (etwa ein Erlass der Unterrichtsverpflichtung kombiniert mit einer Funktionsstellenzulage). Dennoch gibt es durchaus auch positive Beispiele (nicht nur privater, sondern auch) öffentlicher Schulen, wie etwa die Ernst-Reuter Schule Karlsruhe oder die Alemannenschule Wutöschingen.

Der Einsatz digitaler ­Technologien in Schulen

Abb. 2: Zwei Lernpartner der Alemannenschule beim Lernen

Das gezeichnete Bild ist natürlich eine deutliche Verkürzung der Thematik. So gilt es etwa in Abhängigkeit von Bundesland, Region, ansässiger Industrie und Schul­träger die sehr heterogenen Gegebenheiten vor Ort zu analysieren. Und in dieser beschriebenen Komplexität ist sicherlich auch eine der Ursachen für die nach wie vor fehlende, flächendeckende Integra­tion der digitalen Medien zu suchen. Da­rüber hinaus ist auch zu hinterfragen, was mit dem so häufig und vermeintlich klaren Begriff der Digitalisierung gemeint ist. So lassen sich u. a. die folgenden, oft diskutierten Bereiche der Digitalisierung unterscheiden.

  • Der Einsatz digitaler Medien
    • in der Schulorganisation und -verwaltung;
    • von Lehrkräften in der Vor- und Nachbereitung der Lernprozesse;
    • der Schülerinnen und Schüler zur Ausgestaltung des Lernprozesses.
  • Digitale Medien als Unterrichtsgegenstand zur Vermittlung
    • fachlicher Inhalte (etwa Mathematik, Deutsch, Geografie);
    • informatischer Inhalte;
    • medienpädagogischer Inhalte;
    • medienwissenschaftlicher Inhalte;
    • weiterer fachlicher Inhalte.
  • Die Ausstattung der Schülerinnen und Schüler
    • im Hinblick auf die Thematisierung in der Schule.

Das vielzitierte Thema Digitalisierung umfasst folglich sehr vielfältige Facetten, die alle wichtige Teile des Gesamten sind und keinesfalls stiefmütterlich behandelt werden sollten. Leider führt der i. d. R. durch Ressourcenknappheit und fehlendem (IT-)Fachpersonal geprägte Schulalltag dazu, dass einige Elemente kaum Beachtung finden (können), so etwa die mittel- und langfristig angelegte Fortbildung der Lehrkräfte mit In-House-Schulungen oder aber die konsequente Ausleuchtung der Schulräume mit WLAN. Doch schon lange ist bekannt, dass das Vernachlässigen einzelner Teilbereiche von Schulentwicklungsprozessen dazu führen kann, dass der gesamte Prozess erfolglos verläuft oder sich als äußerst langwieriger Prozess erweist.

Abb. 3: Die digitale Lernumgebung (DiLer) auf einem Endgerät

Gerade veraltete oder nicht funktionierende Technik, aber auch neu angeschaffte und nicht genutzte Produkte, ebenso wie fehlende Konzepte und deren folglich oft nicht nachhaltige Umsetzung – all das ist gang und gäbe an deutschen Schulen. Diese Situation ist nicht nur betriebswirtschaftlich bedenklich, sondern behindert sowohl Lehrende als auch Lernende in ihrer produktiven und effizienten Alltagsgestaltung. Ganz zu schweigen von der Vermittlung der Fähigkeiten und Fertigkeiten der derzeit oft genannten 21st Century Skills (vgl. Burow 2017), die ohne eine einigermaßen adäquate und funktionierende Ausstattung mit digitalen Medien nicht funktionieren kann.

Sie werden sich nun vielleicht fragen, ob denn dieser ganze Aufwand wirklich lohnt, ob er nicht völlig unnötig ist oder gar, ob nicht kritische Stimmen wie Prof. Dr. Spitzer oder Prof. Dr. Lembke recht haben und die digitalen Medien unsere Kinder hauptsächlich negativ beeinflussen. Zunächst muss eines ganz klar sein: Der Einsatz digitaler Medien per se bringt zunächst einmal gar nichts – ganz im Gegenteil. Er ist mit immensem Zeit- und Ressourcenaufwand verbunden, der sich aus Sicht einer Lehrkraft auch mittelfristig lohnen muss.

Abb. 4: Mit Musik lernt es sich manchmal viel besser…

An einer von mir besuchten Schule wurde unlängst ein digitaler Tisch angeschafft, bei dem die Tischfläche fast vollständig aus einem großen, berührungssensitiven Bildschirm besteht. Ein geniales Gerät, in der Anschaffung nicht ganz günstig. Auf meine Frage, wie das Gerät genutzt werden soll, kam sinngemäß die Antwort: „Naja, erstmal wird es demnächst beim Tag der offenen Tür präsentiert, dann sehen wir weiter.“ Leider bleibt es bei vielen Schulen auch nach Jahren noch bei „dann sehen wir weiter“ .

So endet der Weg der Digitalisierung keinesfalls damit, dass eine technische Ausstattung verfügbar gemacht wird. Im Gegenteil: Die eigentlich für Lehrkräfte und Schulentwicklung spannenden Fragen beginnen dann erst:

  • Sind die Lehrenden in der Lage, die vorhandenen Geräte technisch richtig und didaktisch sinnvoll zu bedienen?
  • Gib es ein schulspezifisches Konzept für die Nutzung der technischen Ausstattung?
  • Gibt es ein schulspezifisches Konzept für die Vermittlung entsprechender Kompetenzen für die Lehrenden und Lernenden?
  • Welche Programme sollen verwendet werden?
  • Welche Apps sollten auf den Geräten der Schülerinnen und Schüler installiert sein?
  • Wie können die Endgeräte sinnvoll administriert werden?
  • Welche Halbwertszeit haben die angeschafften Geräte und die entwickelten Konzepte?

Nichtsdestoweniger ist es wichtig, dass bereits im Vorfeld und von langer Hand eine intensive Beschäftigung mit der Digitalisierung erfolgt. So ist jede einzelne Schule vor Ort gefragt, einerseits die sich mit einer unglaublichen Geschwindigkeit entwickelnden digitalen Medien gemäß den Empfehlungen der Kultusministerkonferenz (2012/2016) mit ihren Chancen und Risiken zu nutzen, dies aber andererseits ohne die dafür notwendigen Ressourcen und ohne die formalen (rechtlichen und organisatorischen) Rahmenbedingungen und dadurch oft in einer rechtlichen Grauzone zu tun.

Digitalisierung und Schulentwicklung

Um diesen Herausforderungen erfolgreich begegnen zu können, ist es unausweichlich, Digitalisierung als wichtiges Element auch im Rahmen von Schulentwicklung zu verstehen und somit aktiv und konsequent in Schulentwicklungsprozesse einzubinden. Denn allein die Erarbeitung eines entsprechenden Konzeptes, das diese vielfältigen Ebenen zu integrieren in der Lage ist, wird bereits einiges an Zeit in Anspruch nehmen.

Abb. 5: Das Vier-Wege Modell der Schulentwicklung

Die Erfahrung aus dem Schulalltag zeigt, dass Digitalisierung eben kein spezifisch technisches oder medienbezogenes Prob­lem darstellt, ganz im Gegenteil. Im Rahmen einer professionellen, weil mittel- und langfristig ausgerichteten, Schulentwicklung muss die Digitalisierung nicht nur auf die gleiche Ebene wie Personalentwicklung, Unterrichtsentwicklung und Organisationsentwicklung gestellt, sondern auch konsequent als gleichwertig verstanden und so behandelt werden. Die Digitalisierung ist da und geht nicht mehr weg! Eine auf die Zukunft ausgerichtete Schule wird die Prozesse der Digitalisierung ernst nehmen und als gleichwertiges Element in seine Entwicklung auf allen Ebenen einbinden. In der Konsequenz ist das gängige Drei-Wege-Modell der Schulentwicklung von Rolff (2013, S. 20) vor dem Hintergrund der Digitalisierungsprozesse wie folgt weiterzudenken (vgl. Abb. 5).

Auf Grundlage dieses Modells ist gut nachvollziehbar, dass die Digitalisierung alle anderen Ebenen betrifft und dass es gilt, diese – wie auch die anderen Aspekte – in die Schulentwicklung einzubeziehen. Zudem widerspricht das Modell der im Schulalltag weit verbreiteten Ansicht, dass die digitalen Medien eine nette Ergänzung zum regulären Betrieb sind, aber mit ihren anderen Strukturen und immer wieder neu entwickelten Features nicht unbedingt zu einer professionellen Schulentwicklung gehören. Dass die Berücksichtigung der Digitalisierung anspruchsvoll ist und entsprechendes Fachpersonal erfordert, steht dabei außer Frage.

Fazit & Ausblick

In dem hier rekurrierten Band liegt das Vier-Wege-Modell der Schulentwicklung zu Grunde, das die Digitalisierung als viertes Element von Schulentwicklung versteht. Wie die Bereiche Organisationsentwicklung, Unterrichtsentwicklung und Personalentwicklung in vielfältigen wechselseitigen Beziehungen zueinander stehen, ist auch die Digitalisierung gleichermaßen zu all diesen Entwicklungsbereichen ins Verhältnis zu setzen. Auch wird schnell nachvollziehbar, worin die bereits oben angedeutete Gefahr der Integration digitaler Medien in Schulen besteht bzw. dass es sich dabei um ein typisches Problem im Kontext Schulentwicklung handelt: Wird in Schulentwicklungsprozessen lediglich eine der vier Ebenen berücksichtigt, so ist es kaum möglich, mittel- bzw. langfristig eine positive und nachhaltige Wirkung durch die Digitalisierung zu erzielen.

Literatur

Burow, O.-A. (2017). Bildung 2030 – Sieben Trends, die die Schule revolutionieren. Weinheim, Basel: Beltz.

Kultusministerkonferenz (KMK) (2012). Medienbildung in der Schule. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 8. März 2012. Online verfügbar unter: http://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2012/2012_03_08_ Medienbildung.pdf (letzter Zugriff am 06. 07. 2018).

Kultusministerkonferenz (KMK) (2016). Strategie der Kultusministerkonferenz „Bildung in der digitalen Welt“ (Stand: 27. 04. 2016). Online verfügbar unter: https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/PresseUndAktuelles/2016/Entwurf_KMK-Strategie_Bildung_in_der_digitalen_Welt.pdf (letzter Zugriff am 06. 07. 2018).

Lorenz, R. (2018). Digitalisierung in der Schule – zwischen ausbaufähiger IT-Ausstattung und zukunftsweisenden Konzepten In: Lehren & Lernen 11/2018. Villingen-Schwenningen: Neckar Verlag.

Rolff, H.-G. (2013). Schulentwicklung kompakt. Modelle, Instrumente, Perspektiven. Weinheim und Basel: Beltz.

Zylka, J. (2018). Digitale Schulentwicklung. Das Praxisbuch für Schulleitung und Steuergruppe. Frankfurt a. M.: Beltz.