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Digitale Praxis

Ein Kind – ein Tablet, ein Erfahrungsbericht

Andreas Hofmann

Das 1:1 Projekt: Alle Lernenden verfügen über ihr eigenes Tablet.

Nach zehn Jahren Erfahrung mit 1:1 ausgestatteten iPad-Klassen, in denen jeder Schüler über ein eigenes Gerät verfügt, bin ich davon überzeugt, dass das Tablet nicht nur ein temporäres Werkzeug, sondern ein permanenter individueller Lern­assistent sein sollte. Wie dadurch Effizienz, Nachhaltigkeit und Selbstverständlichkeit erreicht werden, darum soll es im Folgenden gehen.

Eine Vision ist die beste Basis für ein Medienkonzept. Sie dient als gedanklicher Pfeiler für den Schulentwicklungsprozess der nächsten Jahre und formuliert die Vorstellungen darüber, wie Unterricht sich in einer digitalisierten Welt verändern sollte und welche Kompetenzen Kinder im 21. Jahrhundert erlangen sollten. Die Vision darf durchaus flexibel sein. Digitale Medien verändern nicht nur die Lernmedien, sondern Schule im Ganzen. Es geht also nicht nur um ein neues Medienkonzept, sondern um Schulentwicklung im Zeitalter der Digitalisierung.

Die Formulierung einer Vision oder eines Leitbildes für die Schule kann nur in Teams und Teamprozessen erarbeitet und umgesetzt werden. Meine Anregungen für die Schulleitung:

  • bilden Sie Teams,
  • formulieren Sie klare Ziele,
  • definieren Sie Eckpfeiler (Meilensteine),
  • dokumentieren Sie den Fortschritt und
  • sorgen Sie für Transparenz

Beziehen Sie das gesamte Kollegium in den Prozess ein, indem Sie dafür sorgen, dass die Entwicklungsschritte nachvollziehbar und einsehbar sind.

Die Mitglieder des Planungs-Teams sollten bestenfalls aus verschiedenen Fachbereichen kommen, um die Interessen der grundsätzlich natürlich am Lehrplan orientierten Arbeit zu vertreten und voran zu bringen. Darüber hinaus bietet es sich an, nicht nur Kolleginnen und Kollegen eines Jahrgangs auszuwählen, sondern auch eventueller Nachfolgejahrgänge.

Ein wachsendes 1:1-Projekt benötigt eine breite Akzeptanz und da ist es wichtig, dass frühestmöglich nicht nur Schulleitung und Kollegium im Dialog sind, sondern auch Schulträger und Schulamt die Vision teilen und mittragen. Ob man im frühen Stadium bereits Eltern und Schüler an der Teamarbeit teilnehmen lässt, hängt von der bereits vorhandenen Kooperationskultur ab. Transparenz ist auch hier oberstes Gebot, dennoch ist es manchmal sinnvoll, die schulinternen Details auch schulintern zu verhandeln. Gleiches gilt für den Umgang mit der Schülervertretung und deren Beteiligung in Arbeitsgruppen.

Mit dem Schulträger und in Abstimmung mit den dortigen IT-Verantwortlichen, sollten frühzeitig Bedarfe und Ansprüche diskutiert werden, um gemeinsam nach finanzierbaren Lösungen zu suchen. Viele Bundesländer verfügen über medienpädagogische Beratung, die sehr hilfreich bei der Medienkonzeptentwicklung, Projektplanung sowie für die Durchführung von Schulungen sind. Im Planungs-Team sollte es unterschiedliche Verantwortlichkeiten geben.

Nachdem die Projektgruppe einen Plan erstellt, Zwischenziele gesetzt und auch Forderungen formuliert hat, muss es daran gehen, die Idee des 1:1-Projektes im Kollegium zu verankern und aufzuzeigen, wa­rum dieser Schritt, der früher oder später die gesamte Schule betreffen wird, ein Schritt ist, der sich zu gehen lohnt. Das Kollegium und auch die Eltern und der Schulträger müssen begeistert werden. Das sollte in erster Linie durch praxisorientiertes Arbeiten geschehen, was sich in Form von Fortbildungsangeboten, Hospitationen oder Best Practice-Beispielen als sehr hilfreich erwiesen hat. Schüler, die anderen Kollegen zeigen, dass es sich nicht um Zauberei handelt, sondern um eine Veränderung und Modernisierung des Unterrichtes, um Kommunikation und Kollaboration wie auch um Individualisierung und eine neuartige Arbeitsorganisation, sind der beste Motivator und Motor. Nichts ist authentischer als die Lernenden selbst. Darüber hinaus bieten sich „Schnupperkurse“ für die Kolleginnen und Kollegen an. Hands On, also praxisnah und angstfrei. Fragen Sie in Medienzentren, beim Händler Ihres Vertrauens oder bei den Firmen direkt nach, ob es möglich ist, Leihgeräte zu erhalten.

Konzentriertes Arbeiten mit den Tablets im Team. Trotz der 1:1-Ausstattung entfällt das gemeinsame Arbeiten im Unterricht nicht.

Diese Phase – die Implementierung im Schulalltag – ist ein ganz neuralgischer Punkt insbesondere, wenn die Anfangseuphorie nachlässt, wenn mit einem Mal alle Kolleginnen und Kollegen betroffen sind, wenn sich die Schule an sich verändert und wenn konkrete Arbeit anfällt – Lehrpläne schreiben, Fortbildungen besuchen, Dienstbesprechungen zum Thema usw. In diesen Momenten kommen oft Ängste und Ressentiments auf. Die Vorreiter und das Projektteam brauchen dann den Rückhalt im Kollegium wie auch von der Schulleitung.

Tablets bergen weniger Barrieren und rufen weniger Ängste hervor als Notebooks oder PCs und benötigen weniger Eingewöhnungszeit. So stellt sich recht schnell ein sicheres Handling bei den Lehrkräften ein und es kommt schneller zu ersten „Aha-Erlebnissen“. Auch die Vorbehalte bei Eltern bauen sich erfahrungsgemäß schneller ab, wenn sie sehen, wie Lehrende und Lernende mit den Tablets arbeiten. Von Schülerinnen und Schülern durchgeführte Elternabende oder Hospitationstage sind ein guter Weg, um transparent und motivierend Vorbehalte abzubauen. Viele Schulen haben in den letzten Jahren begonnen, ihre Arbeit in Form von Blogs oder Wikis der Öffentlichkeit zu präsentieren, was vielfach von Eltern dankbar angenommen wird, um sich zu informieren und später die Arbeit ihrer Kinder zu verfolgen.

„Der Prophet im eigenen Hause ...“ Dieses Sprichwort bewahrheitet sich beim Thema Digitalisierung besonders. Holen Sie sich daher Experten in die Schule, Medienberater, erfahrene Kolleginnen und Kollegen anderer Schulen oder auch externe Referenten.

Es ist wichtig, dass die Kollegen erkennen, warum und wie das Lehren und Lernen mit digitaler Technik ihre Arbeit bereichert, sich Arbeitsabläufe professionalisieren und Schüler sich zeitgemäß unterrichten lassen.

Ein wesentlicher Aspekt der Arbeit mit Tablets ist die Vereinfachung und Reduzierung der technischen Ausstattung. Der Trend des „Aufrüstens“ der Klassenräume und der damit verbundenen Probleme und Frustrationen soll durch weniger und vor allem stabilerer Technik ersetzt bzw. ergänzt werden. Das A und O bei der Planung der richtigen Schulinfrastruktur ist das WLAN-Netz, das allzu sehr kurzsichtig und dilettantisch geplant wird. Schauen Sie bei dieser Planung in die Zukunft. Was passiert, wenn aus einer mobilen Klasse im nächsten Jahr ein ganzer Jahrgang wird? Schauen Sie optimistisch und „groß denkend“ nach vorn und statten Sie Ihre Schule professionell aus. Geben Sie Ihrer Projektplanung mehr Zeit und warten Sie lieber auf den Ausbau des Netzes, als dass Sie mit einem schwachen oder unzuverlässigen Netz starten.

Die Frage nach der Visualisierung ist ein kontrovers diskutiertes Thema. Oft dienen die digitalen Tafeln nur als teure Projek­tionsoberfläche. Die ideale Ausstattung beinhaltet einen leistungsstarken Beamer, am besten mit guten, integrierten Lautsprechern sowie eine kleine, kostengünstige Set Top Box, die im Netzwerk dafür sorgt, dass die Inhalte eines jeden im Netzwerk vorhandenen Tablets mit wenigen Fingertipps zum Beamer übertragen wird. Im Falle des iPad ist es Apple TV, in vielen Schulen eines der Argumente, weshalb sich für das iPad entschieden wurde (ähnliche Produkte gibt es auch von Google oder Microsoft). Gute und kostengünstige Lösungen sind darüber hinaus auch Programme wie Reflector oder AirServer, die man auf die Klassenraum-PCs installiert und die ebenfalls den Tablet-Bildschirm an den Beamer weiterleiten.

Weiterer wichtiger Gesichtspunkt bei der Einführung von mobilen Endgeräten ist die Frage nach einem Lernmanagementsystem (LMS). Viele Schulen verfügen bereits über ein LMS (IServ, its learning, Moodle, own­cloud ...) und können damit mobile Endgeräte anbinden.

Bei einer Schulserverlösung sollte ein wesentlicher Aspekt immer im Auge gehalten werden: der Datenschutz. Ein unbeliebtes Thema und eines der größten Hemmnisse. Leider ist Datenschutz ein sehr komplexes Thema, aber umso wichtiger ist der vorsichtige Umgang damit.

Mein Tipp: Sourcen Sie die Thematik aus. Überlassen Sie es Fachleuten und vergeuden Sie keine Zeit damit.

Das heikelste Thema bei jeder Projektplanung ist der Aspekt der Finanzierung. Die Elternfinanzierung mit homogenen Gerätetypen erscheint mir die momentan einzig wirklich umsetzbare Möglichkeit. Alle Kinder erhalten ein identisches Gerät und haben somit die gleichen Voraussetzungen. Und, … kaum eine Schule kann es sich leisten, die Administration der Geräte, den Versicherungsschutz, den technischen Support, Garantiefragen, die Reparatur und den sachgerechten Unterricht mit verschiedenen Herstellern und Betriebssystemen zu leisten. Wichtig: Eine Versicherung, die unkompliziert und schnell Schäden abwickelt und fahrlässiges Verhalten und (humorvoll als „Pubertät“ betrachtet) versichert und nicht von der Schule, sondern den Eltern abgeschlossen wird (!).

Zur Schaffung von Chancengleichheit und Minimierung unterschiedlicher Wartungs- und Anschaffungskosten, erhalten alle Kinder das gleiche Tablet.

Schulische Bildung sollte immer dem Grundsatz der Chancengleichheit unterliegen. Es muss gewährleistet sein, dass kein Kind aufgrund benachteiligter familiärer oder finanzieller Hintergründe nicht an einem Tablet basierten Unterricht teilnehmen kann. Oft spielt der Förderverein bei Sozialfällen eine wesentliche Rolle.

Leider ist die Wahl der anzuschaffenden Geräte allzu oft eine fast religiöse Frage. Entscheidungen zum Hersteller und Betriebssystem sollten lediglich pädagogisch und administrativ, allenfalls noch aus finanziellem Aspekt getroffen werden. Eine Schule mit einer Vision muss sich fragen, wie diese zu erreichen ist und mit welchen Mitteln dies geschehen kann. Zudem sollte die Schule Überlegungen anstellen, wie eine datenschutzkonforme Administration machbar ist und ob die damit verbundenen Folgekosten sowie die Kosten der Devices zumutbar sind.

Was ungemein hilfreich ist, bisher aber wenig praktiziert wird: Eine Vernetzung zwischen Schulen und Kollegien, am besten über die Ländergrenzen hinweg. Sich vernetzen, voneinander lernen, die Fehler der Anderen kennen und selber Fall vermeiden, … das kann helfen, immense Kosten und Nerven zu sparen.

Andreas Hofmann

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