bildung+ Startseite Mediadaten Datenschutzhinweise Impressum Links

Journal der Leipziger Buchmesse Referendare reisen Lernen science bildungSPEZIAL medien

Komplexität

Exponentiell wachsende Komplexität ...

Mit Folgen für die Bildung?

Prof. Dr. Fredmund Malik / Jürgen Luga

bildung+ sprach darüber mit Prof. Dr. Fredmund Malik, der seit mehr als 40 Jahren das Thema Komplexität erforscht.

b+: Wenn das Ergebnis der rasanten Digitalisierung der Gesellschaft die Zunahme von Komplexität ist, müsste Schule (Lehre) dann nicht die Inszenierung von Komplexität sein?

Malik: Sie beziehen sich vermutlich auf eine meiner Kernaussagen in meinen Büchern, nämlich dass die Digitalisierung als solche nicht entscheidend ist. Entscheidend ist vielmehr eine spezielle Leistung, für die sie die technische Grundlage ist: Nämlich Vernetzung. Die Digitalisierung ermöglicht es, alles mit allem zu vernetzen, und dies global. Damit verlieren die beiden großen Koordinatoren der Geschichte ihre Bedeutung, nämlich Zeit und Raum. Das Ergebnis dieser Vernetzung ist exponentiell wachsende Komplexität, Vernetzung ist die treibende Kraft der Evolution, der Innovation, des Wandels und der Verwandlung. Schon in wenigen Jahren wird alles ganz anders sein als heute: Was wir tun, wie wir es tun, warum wir es tun, und auch – wer wir sind.

Schule wäre der ideale Ort, an dem Komplexität gelehrt wird, verständlich gemacht und als die vielleicht fundamentalste Eigenschaft der Natur bewusst und systematisch erlebt, erfahren und verstanden werden kann. Wenn man mag, kann man das auch als Inszenierung bezeichnen – ich sehe allerdings nicht, was damit gewonnen würde.

b+: Welche Ihrer Erfahrungen im Hinblick auf das Meistern zunehmender Komplexität in Unternehmen könnten auch für Schulleitungen und -entwickler hilfreich sein?

Malik: In seiner derzeit zumeist üblichen Verwendung ist „Komplexität“ ein modischer Allerweltbegriff mit fürchterlich ungenauer Bedeutung: „Irgendwie schwierig“, „irgendwie kompliziert“ „irgendwie undurchsichtig und unverständlich“ – «halt eben komplex“.

Und daher ist die Haupttendenz die Reduktion von Komplexität. Manchmal ist das richtig, aber immer öfter ist es exakt das Falsche. Denn Komplexität ist der neue und wichtigste Rohstoff für das Funktionieren von Organisationen. Sie ist die Quelle für Information und Intelligenz, für Kreativität und Evolution. Sie ist das Instrument für Change und Transformation – für die Metamorphose der Gesellschaften.

Je mehr Komplexität, desto besser und zuverlässiger kann eine Organisation funktionieren, wenn man sie richtig einsetzt. Desto mehr und vielfältigere Leistungen erbringt sie. Unser Gehirn und unser Nervensystem sind die lehrreichsten Beispiele dafür. Wie der Biologe Carsten Bresch so schön sagte: Alle höheren Funktionen erwachsen aus mehr Komplexität. Und Schule ist der Ort, an dem die Nutzung von Komplexität schon jetzt vermittelt wird – durch Lesen, Schreiben und Rechnen, im Kopf und durch Computer – in beiden Fällen mit Algorithmen und durch Bildung und Erziehung für Komplexitätsgesellschaft und das Zeitalter der Vernetzten Systeme. Die neuen Herausforderungen für so gut wie alle Menschen, sind das Umgehen mit Organisationen und ihre Nutzung und die Fähigkeit, in und durch Organisationen wirksam zu werden.

b+: Lässt sich Ashbys Gesetz auch auf die Schule übertragen? Falls ja, was bedeutet das für das Konzept von Schule?

Malik: Ashbys Gesetz gilt für die Regulierung und Selbstregulierung aller Arten von Systemen oder Organisationen, daher also auch für Schulen. Es hat dieselbe Bedeutung für die Regulierung von Systemen wie das Gravitationsgesetz von Newton für die Bewegung von Körpern. Hier geht es um Materie und Energie. Regulierung beruht aber auf den Gesetzen der Information.

Wer war Ashby und was bedeutet sein Gesetz? Ross W. Ashby war ein englischer Neurophysiologe und einer der wichtigsten Pioniere der modernen Komplexitätswissenschaften, wie ich sie seit langem nenne. Zu diesen gehören die Systemwissenschaften, die Kybernetik und die Bionik.

Ashby formulierte sein Gesetz so: “Only variety can destroy variety!“ „Variety (dt. Varietät)“ ist die Messgröße für Komplexität, so wie „Meter“ die Messgröße für Länge ist. Varietät ist die Anzahl aller möglichen Zustände, die ein System annehmen – oder aufweisen, oder erzeugen – kann.

So wie man die nötige Energie braucht, um einen Körper zu bewegen, so braucht es die nötige Information und Kommunikation, damit ein System unter Kontrolle ist. Dieses Gesetz ist das allgemeine „Master Control“, – das Regulierungsgesetz – aller Systeme. Störungen, die auf ein System einwirken, können nur insoweit ausgeglichen werden, als dass das System die dafür nötige Regulierungskraft hat. Insoweit bleibt das System stabil und kann sich anpassen. Zum noch besseren Verständnis kann die Analogie der Operating Systeme von Computern, Handys usw. dienen. Was das Operating System für Computer tut, tut die DNA für die Zelle, und das Nervensystem für den Organismus – und kybernetisches Management für die Organisationen: Sie befähigen die Systeme zu optimalem, zuverlässigem Funktionieren.

Komplexität

Digitalisierung, Komplexität und Urteilskraft

„Digitalisierung“ ist in aller Munde – auch in Bezug auf Schule. Sie kann als die Radikalisierung einer für moderne Gesellschaften … mehr