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Digitale Medien

Mit angezogener Handbremse

Computer und Internet bereiten Schulen noch immer Probleme

Im Herbst 2001 verkündete die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, dass nun alle Schulen in Deutschland einen Internet-Zugang hätten. Im Januar 2010 aber belegte eine Umfrage von TNS Infratest im Auftrag der Initiative D21, dass digitale Medien und Unterricht an deutschen Schulen immer noch getrennte Welten sind. Und Experten rechnen vor, dass durch kurzsichtige Investitionen viel Geld und Unterrichtsstunden vergeudet werden

Besonders kritisch bewerteten in der Umfrage die Eltern den Einsatz von Computern in den Schulen: Nur vier Prozent beurteilen ihn als ausgezeichnet.

Was also ist mit all den Computern und Netzwerken in den Schulen passiert? Stehen sie ungenutzt in Schränken und Kellern, wurden Millionen von Euros falsch investiert? „Unsere seit 1986 gemachten Erfahrungen zeigen, dass nach einer Neuinvestition der anfängliche Enthusiasmus sehr schnell der Ernüchterung weicht“, berichtet Josef Seitner, Geschäftsführer der MTS Reinhardt GmbH. „Die Motivation bei den Lehrkräften sinkt sehr schnell, wenn das erforderliche Managementsystem nicht da ist oder nur halbherzig berücksichtigt wurde. Die Folge sind leider nur all zu oft Investitionsruinen. Das gilt übrigens auch für öffentlich geförderte ‚Pilotprojekte‘, die nach Auslaufen der Fördermittel wieder in der Versenkung verschwinden. Beispiele gibt es genug.“

Mit anderen Worten: Zwar wurden Computer, Laptops und Server angeschafft, was aber fehlte, war die Infrastruktur, zum Beispiel für die weitere Systempflege. „Lehrerweiterbildung für PC-Nutzung ist stark betriebssystem- und netzwerklastig. In den Betrieben sieht das ganz anders aus. Welcher Mitarbeiter muss zum Beispiel bei Hewlett Packard wissen, wie man das Netzwerk ‚tuned‘ oder Windows7 Upgrades selber am Arbeitsplatz ausführt?“ kritisiert auch Dietmar Frick, Sales Manager des Public Sectors von HP Deutschland. In der Schule hat diese Aufgabenverteilung oft dramatische Auswirkungen: Ist der IT-Fachmann, zum Beispiel Chemie-Lehrer, krank, dann fällt in dieser Woche der Computerbetrieb aus, weil irgendwo ein Server nicht funktioniert. Die „Patchwork“-Umgebung durch gespendete Altgeräte aus der Industrie, Open Source Software, von IT-Lehrer für IT-Lehrer entwickelt, tut ihr Übriges.

„Schulträger sind technikverliebt und schreiben Hardware aus, ohne die bestehende Infrastruktur der Schule und die folgenden Wartungskosten einer Billigbeschaffung zu berücksichtigen“, berichtet Josef Seitner. „Das fördert wartungsaufwändige und heterogene IT-Landschaften. Unsere internen Berechnungen gehen bei rund 31.000 Schulen in Deutschland von mindestens 51.000 Unterrichtsstunden pro Woche aus, die von Lehrkräften für die Systemadministration aufgewendet werden. Bei den Lehrkräften handelt es sich zu 90 Prozent um Mathematik- und Physiklehrer.“ Und gerade die werden dringend zum Unterrichten gebraucht.

Keine einheitliche Linie

Gefördert wird diese Situation durch die unterschiedlichen Verantwortlichkeiten. Während die Länder für Lehrergehälter zuständig sind, zeichnen die Kommunen für die Ausstattung verantwortlich. Zugespitzt: Was kümmert es die Kommune, wenn Lehrerstunden investiert werden, damit die Technik funktioniert? Und die kommt oft genug zum Erliegen – nicht nur weil der IT-Lehrer der Schule krank oder auf Klassenfahrt ist. So „fördern“ fehlende Sicherheitskonzepte die Kreativität der Schüler, es werden Trojaner und Viren eingeschleust oder die Rechner werden anderweitig manipuliert.

Einige Kommunen und Kreis haben unterdessen die Problematik erkannt und sich auf den Weg zu einem einheitlichen IT-Konzept gemacht. Dazu kommt, „dass vielfach die Technik angeschafft wurde und dann noch etwas Software hinzukam“, erläutert Martin Hüppe, Sprecher des Verbandsausschusses „Neue Medien“ beim VdS Bildungsmedien die Situation. „Es muss aber genau anders herum zunächst überlegt werden, welche Lernsoftware man im Unterricht einsetzen will, um dann die passende Technik anzuschaffen.“

So werden in einem mehrjährigen Projekt im Kreis Offenbach alle 90 Schulen – von der Grundschule bis zur Gesamtschule – standardisiert ausgestattet. Bisher verfügen 70 Schulen über den definierten Standard und entlasten so die Lehrkräfte. Nach der Erstinstallation übernimmt ein ausgebildeter Dienstleister, der die installierten Komponenten sowie das Managementsystem kennt, die Hotline und den Vor-Ort-Support. Die pädagogische Komponente wird berücksichtigt im an einer Schule eigens eingerichteten IT-Kompetenzzentrum. Dort finden sowohl Weiterbildungen statt als auch Tests von Systemerweiterungen, bevor diese in die Schulen gelangen. Ähnlich verfahren auch der Landkreis Fürstenfeldbruck sowie die Städte Lüdenscheid und Höxter.

Jüngst wurden im Rahmen des Konjunkturprogramms II nicht wenige Schulen mit interaktiven Whiteboards beglückt. Bevor wiederum viele Lehrerstunden, die dringend zum Unterrichten gebraucht werden, für Installation und Pflege dieser Technik investiert werden, sollten die Verantwortlichen in Kommunen und Ländern über die Effektivität einheitlicher IT-Konzepte nachdenken. Ein Besuch bei funktionierenden Projekten wie in Offenbach oder Lüdenscheid könnte dazu hilfreiche Impulse liefern.

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