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Lehrer sein

Der Terror rückt näher

Lehrer müssen sich auf neuen Diskussions- und Handlungsbedarf einstellen, meint ZDF-Terrorismusexperte Elmar Theveßen

Interview: Johanna Böttges

Terrorismus und religiöser Fanatismus sind längt keine Phänomene in fernen Ländern mehr, sondern in der Lebenswelt deutscher Schüler angekommen. Damit stellt sich den Schulen eine ganz neue Herausforderung – und auch für die politische Bildung

„Das Thema Terrorismus drängt sich in das Leben der Schüler“, sagt Theveßen im Interview. Darum sollte es bereits zum Studium gehören, die Kompetenz der Lehrer im Umgang mit dem Thema Terrorismus zu stärken – damit sie später ihre Schüler dafür adäquat sensiblisieren und zu einem kritisch-distanzierten Bewusstsein führen können

Herr Theveßen, gibt es auch an Schulen einen „Kampf der Kulturen“?

Zumindest treibt er die Schüler um. Sie wollen darüber reden. Sie haben Fragen oder auch heftige Kritik, weil sie miterleben, was in der Welt los ist. Angesichts der Terroranschläge in Deutschland, drängt sich das Thema Terrorismus in das Leben der Schüler, wenn auch vielleicht nicht in dem Ausmaß wie in Brüssel und Paris. Mein persönlicher Eindruck ist, dass an manchen Schulen offen darüber diskutiert wird, und das ist gut. Wenn sich beispielsweise jemand, der aus einer Krisenregion kommt, empört und nicht verstehen kann, wieso der Westen nichts unternimmt, hat ein anderer ohne Migrationshintergrund andere Vorstellungen und Vorurteile gegenüber den ankommenden Flüchtlingen. Man muss dieser Diskussion Raum geben. Das braucht aber Betreuung durch den Lehrer.

Wie können Lehrkräfte das Thema Terrorismus im Unterricht angehen?

Lehrer haben da natürlich eine ganz wichtige und entscheidende Rolle. Konflikte tauchen eben in der Klasse auf, wenn Fragen gestellt werden oder Kritik geäußert wird. Lehrer wären in der Lage, ein Forum zu schaffen, in dem man offen, ohne Tabus Dinge miteinander diskutieren kann, ohne von vornherein für eine starke Meinung abgestraft zu werden. Dafür müssen Lehrer aber vorbereitet sein und sich mit dem Thema auskennen. In Deutschland ist das Thema Terrorismus in den meisten Bundesländern leider nicht Bestandteil des Curriculums, was im Umkehrschluss heißt, dass Lehrer auf Eigeninitiative hin arbeiten müssen. In der Regel finden sie keine Unterrichtsmaterialien. Das muss sich meiner Meinung nach ändern.

Wie können Lehrkräfte das Thema trotzdem vorbereiten?

Elmar Theveßen ist stellvertretender Chefredakteur und Leiter der ZDF-Hauptredaktion „Aktuelles“. Im September 2016 ist sein aktuelles Buch „Terror in Deutschland: Die tödliche Strategie der Islamisten“ erschienen

Der Lehrer kann vorher recherchieren und sich mit Einzelbiographien beschäftigen. Warum wird ein junger Mensch zum Terrorist? Das kann man anhand von Einzelbeispielen sehr genau nachlesen. Allerdings ist es mühevoll, die entsprechenden Zeitungsartikel und anderen Veröffentlichungen zu finden. In Rheinland-Pfalz versuchen wir über einen Uni-Professor, Materialien und Unterrichtsreihen zu dem Thema durch Studierende vorbereiten zu lassen. Die Konzeptionierung ist 2016 erfolgt. 2017 sollen die Unterrichtsmaterialien zur Verfügung gestellt werden, möglicherweise per Download. Aber auch die Medien haben einiges zu bieten. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben eine Reihe von Dokumentationen zu dem Thema – also mehr als die tagesaktuelle Berichterstattung, die man sich sinnvollerweise auch mal angucken kann, weil sie Emotionen entzündet: zum Beispiel mit schrecklichen Bilder aus Aleppo oder von Terroranschlägen mitten in Europa. Aber die Zusammenhänge werden in Dokumentationen oder Büchern dargestellt und das muss ein Lehrer aufbereiten. Leider sind wir mittlerweile in einem Universum unterwegs, wo es schwer fällt, in all dem Lärm die richtigen Medien herauszusuchen. Das geht jedem so. Auch uns Journalisten, wenn wir mit den sozialen Medien zu tun haben, in denen zu jedem beliebigen Ereignis wilde Gerüchte die Runde machen. Und zwar in so großer Zahl, dass man Schwierigkeiten hat, die Fakten herauszufiltern. Insofern ist es sinnvoll, sich damit zu beschäftigen, wie man zwischen Fake-News und dem, was verlässlich ist, unterscheiden kann.

Wie wichtig ist das Schulfach „Politische Bildung“?

Ich glaube, politische Bildung ist extrem wichtig, weil wir die Tendenz in der Welt haben, Dinge zunehmend fragmentiert anzuschauen. Das heißt, man sieht etwas und wertet es gleich. Ich will mal ein Beispiel nennen: Wenn man sieht, dass Syrien einerseits von russischen Streitkräften und ihren Verbündeten und andererseits von den US-Streitkräften und ihren Verbündeten bombardiert wird, kann man zu dem Schluss kommen, dass sie das Problem erschaffen. Sie sind also Schuld, dass die Flüchtlinge hierher kommen und sollen sich bitteschön auch darum kümmern. Das ist aber ein Kurzschluss. Er verkennt, dass auch wir Europäer massiv dazu beigetragen haben, dass dieses Land 2011 in einem Bürgerkrieg explodiert ist. Die politischen Zusammenhänge sind komplexer als einen Tagesereignisse glauben lassen. Und das kann man nur in Form von politischer Bildung, auch im Unterricht, aufarbeiten, indem man sich die Zeit nimmt, diese Zusammenhänge aufzuspüren und miteinander zu diskutieren.

Kann Schule präventiv eingreifen, bevor sich Schüler radikalisieren?

Absolut, und zwar durch eine offene Diskussionskultur: einerseits im Unterricht, aber möglicherweise auch mit Workshops, Diskussionsrunden oder Vorträgen. Ich glaube, da kann man eine Menge machen. Das kann man nur empfehlen, weil das Unterdrücken strittiger Themen Dampf erzeugt, der irgendwo aus dem Kessel heraus muss. Das kann bei Einzelnen dazu führen, dass sie sich radikalisieren.

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