bildung+ Startseite Mediadaten Impressum Links Newsletter

Journal der Leipziger Buchmesse Referendare reisen Lernen science bildungSPEZIAL medien

Lehrer sein

Kein Fremdwort mehr

Lehrerausbildung öffnet sich digitalen Medien

Anika Wacker

Immer mehr Lehramtsanwärter loten im Studium die Möglichkeiten digitaler Medien für den Unterricht aus. In der Praxis jedoch hängt deren Einsatz noch zu stark von der einzelnen Lehrkraft selbst ab

Der tägliche Umgang mit digitalen Medien prägt nicht nur die Freizeit von Heranwachsenden. Das durch Videospiele verbreitete System kontinuierlicher Rückmeldungen habe sich längst auf die Art zu Lernen übertragen, beobachtet Prof. Dr. Klaus Hurrelmann. Der Bildungsforscher beurteilt das als ideale Bedingung für individuell geförderte Lernprozesse

Ein zügiges und regelmäßiges Feedback können Lehrer in einer typischen Klassenraumsituation mit 25 Schülern gar nicht leisten“, erklärt Hurrelmann. Im didaktisch gesteuerten Einsatz digitaler Medien im Unterricht sieht er ein großes Potenzial. Doch bevor eine individuelle Förderung und damit ein schnelles, leistungsbezogenes Feedback in die Klassenräume Einzug halten können, muss die Grundlage geschaffen werden. An den meisten deutschen Schulen fehlen jedoch bisher sowohl die technischen als auch die fachlichen Voraussetzungen, um digitale Medien im Unterricht einzusetzen. Das zeigt eine 2016 vorgestellte Umfrage zur Lehrerperspektive zum digitalen Lernen, die der Verband Bildung und Erziehung (VBE), der IT-Branchenverband Bitkom und die Messe Learntec in Auftrag gegeben haben. Zwar würde jeder zweite Lehrer gerne öfter digitale Medien im Unterricht einsetzen, das scheitert jedoch am häufigsten (43 Prozent) an der fehlenden Ausstattung mit Endgeräten.

Umfrageergebnisse der Telekom-Stiftung zeigen zudem, dass es vielen Schulen auch am kabellosen Internetzugang mangelt. Bei der Studie „Schule digital – Der Länderindikator 2016“ gab lediglich gut ein Drittel der befragten Lehrkräfte an, dass W-LAN in ihren Klassenräumen verfügbar sei. Im Vergleich zu 2015 existierten sogar drei Prozent weniger Hotspots. Doch die Studie zeigt auch erfreuliche Entwicklungen. Die Relevanz der Medienbildung in der Lehrerausbildung scheint in den vergangenen Jahren zugenommen zu haben. Positive Signale zur Selbsteinschätzung im Umgang mit digitalen Medien kommen vor allem von den Jüngeren: Lehrkräfte, die 39 Jahre und jünger sind, gaben im Vergleich zu älteren Lehrkräften häufiger an, dass ihre universitäre Lehrerausbildung (31 Prozent) und ihr Referendariat (45 Prozent) sie zu einer Auseinandersetzung mit den Auswirkungen digitaler Medien auf Lehrmethoden bewogen habe.

Signale aus der Politik

Fest steht: Wer als Lehrer Medienkompetenz vermitteln will, muss selbst über sie verfügen. Das hat auch die Kultusministerkonferenz (KMK) erkannt und das Thema „Bildung in der digitalen Welt“ zu einem ihrer Schwerpunkte 2016 gemacht. Die im Dezember 2016 vorgestellte Strategie soll nicht nur Handlungsfelder definieren, sondern auch Ziele für alle Bildungsbereiche sowie konkrete Verfahrensvorschläge. Neben der Weiterentwicklung von Bildungsplänen und Curricula, geht es darin um die technische Ausstattung der Bildungseinrichtungen und das Angebot von Aus- und Weiterbildungen für Erziehende und Lehrende. Die Kultusministerin Baden-Württembergs, Dr. Susanne Eisenmann, betont die Wichtigkeit digitalen Lernens: „Es ist unbedingt erforderlich, dass wir uns auch in der KMK über die wichtigsten Handlungsfelder verständigen. Vor allem auf die pädagogischen Konzepte kommt es an. Denn der Einsatz digitaler Medien im Unterricht ist kein Selbstzweck. Der pädagogische Mehrwert muss im Vordergrund stehen, also die Frage, wie digitale Medien den Lernprozess der Schülerinnen und Schüler fördern können.“

Investitionen vom Staat

Wer hat die Erklärungs- und Deutungshoheit – die Schule oder die Suchmaschinen? Weil digitale Helfer und Netzwerke so schnell konsumierbar sind, erwächst aus ihnen eine echte Konkurrenz zur klassischen Lehre

Mit der Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft „Digitalpakt#D“ will auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Digitalisierung in der Bildung vorantreiben: Für die kommenden fünf Jahre hat Bildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka den knapp 40.000 Schulen in Deutschland fünf Milliarden Euro für Breitbandanbindung, W-LAN und Geräte in Aussicht gestellt. Im Gegenzug sollen die Länder für entsprechende pädagogische Konzepte sowie Bildungsangebote für Lehrkräfte sorgen. „Es ist ein wichtiges politisches Signal, das mit Geld unterlegt ist“, sagt Hurrelmann über die Initiative des BMBF. „Ich finde es aber im Moment absolut nicht in Ordnung, dass es bei einer solchen technischen Revolution, die das Lernen maßgeblich verändert hat, nur in der Verantwortung der einzelnen Lehrkräfte liegt, ob sie sich mit dem Thema befassen oder nicht.“ Hurrelmann fordert verpflichtende Fortbildungen für alle Lehrkräfte, die schul- und jahrgangsspezifisch ausgelegt sein sollen. „Wenn die Schulen bei dem technischen Fortschritt nicht mitkommen, verlieren sie an Autorität bei den Kindern, die schnell bemerken, wenn zum Beispiel veraltetes Wissen in den Schulbüchern steht oder sie den Lehrern technisch überlegen sind.“

Verantwortung: Kompetenzen vermitteln

Klar ist: Das Wissen um den technischen Umgang mit digitalen Medien ist eine Sache, Medienkompetenz eine andere. Bei der Vermittlung des kompetenten Umgangs sind nach wie vor neben der Schule auch die Eltern gefragt. „Schule und Eltern können sich nicht den Schwarzen Peter zuschieben und vorgeben, die andere Seite müsste diese Kompetenzen vermitteln“, warnt der Schweizer Lehrer und Publizist Philippe Wampfler. „Der Einsatz digitaler Medien ist nicht mehr oder weniger wichtig: Er ist zwingend. Wer Menschen zu Fachleuten ausbilden will, muss ihnen auch Hilfestellungen bei diesen Methoden anbieten können“, sagt der Pädagoge. Auch Klaus Hurrelmann betont die Verantwortung, die bei den Eltern liegt und warnt vor absoluter Abschottung oder gar Verboten. Es sei wichtig, dass Eltern ihre Kinder aktiv trainieren, mit den vielen verschiedenen Impulsen durch digitale Medien umzugehen. „Das Elternhaus muss aber auch selektieren und darf nicht alles auf das Kind ungefiltert einprasseln lassen. Solche Eltern stärken ihr Kind mehr, als jene, die wahllos alles zulassen oder im anderen Extremfall versuchen, digitale Medien vom Kind abzuschirmen.“

Konkurrenz durch YouTube und Google

Wampfler geht sogar noch weiter und sieht in der Suchmaschine Google oder dem Videoportal YouTube Konkurrenz für den Schulunterricht: Jugendliche würden sich eher Erklärvideos anschauen, wenn sie etwas nicht verstehen und sich nicht in erster Linie an der Schule orientieren. „Auf diese Konkurrenzsituation muss die Schule ­reagieren und sich auf ihre Stärken besinnen: Die liegen nicht primär in der Wissensvermittlung, sondern in der Pflege sozialer Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden, denn das kann Google nicht anbieten.“

Vorreiterschulen

Ein im Lehrplan fest verankerter und flächendeckender Einsatz digitaler Medien im Unterricht ist derzeit noch Zukunftsmusik. Doch einzelne Vorreiterschulen könnten mit ihren Erfahrungswerten bei der didaktischen Implementierung sicherlich helfen. Diese Hoffnung teilt auch Klaus Hurrelmann: „Solche Schulen sollten zu Multiplikatoren werden, die viel stärker von ihren Erfahrungen berichten und mit anderen Schulen im Austausch stehen sollten, sodass Schritt für Schritt aus den Erfahrungen Kompetenzfelder für Schüler und Lehrkräfte entwickelt werden können.“

Praktische Tipps und Infos zur Begleitung des Medienkonsums von Kindern finden Eltern und Erziehende auf der Plattform „SCHAU HIN!“. Der Elternratgeber ist eine Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, der Sender ARD und ZDF sowie der Programmzeitschrift TV Spielfilm.

Anika Wacker

Lehrer sein

Kleine Gruppen müssen her!

Inklusion und individuelle Förderung sind längst keine pädagogischen Utopien mehr, sondern konkrete Handlungsaufträge – nicht nur f … mehr

Lehrer sein

Arbeiten im schulischen Beziehungsgeflecht

Es macht einen Unterschied, ob man an einer Grundschule im ländlichen Raum mit 15 oder an einem städtischen Berufsschulzentrum mit … mehr

Lehrer sein

Reflektieren, priorisieren, bilanzieren

Auch wenn Lehrkräfte ihre Berufszufriedenheit in vielen Studien insgesamt als hoch angeben, bleibt die hohe Belastung ein Dauerthem … mehr

Lehrer sein

Der Terror rückt näher

„Das Thema Terrorismus drängt sich in das Leben der Schüler“, sagt Theveßen im Interview. Darum sollte es bereits zum Studium gehör … mehr