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Lehrer sein

Kleine Gruppen müssen her!

Im Interview: Udo Beckmann, VBE-Bundesvorsitzender, über die Rolle der Lehrkräfte bei Inklusion, Integration und Differenzierung

Johanna Böttges

Individuelle Förderung funktioniert nur in möglichst kleinen Lerngruppen. Doch im Zuge der Immigrationswelle schwand die Bereitschaft der Bildungspolitik, das flächendeckend durchzusetzen

Inklusion und individuelle Förderung sind längst keine pädagogischen Utopien mehr, sondern konkrete Handlungsaufträge – nicht nur für Pädagogen. Warum die Förderung jedes Einzelnen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, erklärt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE)

Herr Beckmann, der VBE fordert, dass Inklusion bzw. individuelle Förderung nicht nur an Schulen stattfindet, sondern von der gesamten Gesellschaft mitgetragen wird. Stehen die Deutschen hinter dem Projekt Inklusion?

Ich glaube, dass vielen Deutschen Inklusion nicht als gesamtgesellschaftlicher Auftrag bewusst ist. Viele glauben, dass das in erster Linie ein Thema für die Schulen ist. Es wird viel über schulische Inklusion diskutiert, aber weniger darüber, dass wir auch in vielen anderen Bereichen noch keine Barrierefreiheit haben – seien es der Zugang zu öffentlichen Einrichtungen oder Kleinigkeiten wie die Absenkung des Bürgersteigs. Auch dass wir Medien barrierefrei gestalten müssen und Sie zum Beispiel die Möglichkeit haben, sich eine Homepage vorlesen zu lassen. Viele Hindernisse sind noch lange nicht ausreichend im Blickfeld. Wenn das Bewusstsein in der Gesellschaft noch breiter wäre, wäre es vielleicht auch leichter, mehr Geld für die notwendigen Investitionen bereitzustellen.

Wie lässt sich verhindern, dass in der Debatte um Fördermittel unterschiedliche Zielgruppen in Konkurrenz zueinander geraten – zum Beispiel Schüler mit Lernschwäche versus Hochbegabte oder Geflüchtete versus Kinder ohne Migrationshintergrund?

Auch die Inklusion tritt in Deutschland auf der Stelle. Ohne die Unterstützung von Sonderpädagogen bleibt es schwierig, behinderte Kinder – blinde etwa – in heterogenen Lerngruppen individuell zu fördern

Individuelle Förderung besagt ja eigentlich, dass ich mich an den Talenten des Einzelnen orientieren muss. Das heißt, ich muss auf seine Stärken und Schwächen eingehen. Insofern ist es erst einmal gleichgültig, ob es sich um ein Kind mit Handicap, ein hochbegabtes Kind oder ein Kind aus einem anderen Kulturkreis handelt. Die Konkurrenz in Bezug auf die schulische Inklusion sehe ich eher dadurch gegeben, dass die Politik sich ganz schnell von den Versprechungen verabschiedet hat, die sie vor der großen Zuwanderungswelle gemacht hat, nämlich die Lerngruppen kleiner zu machen und mehr Ressourcen in den Bereich individuelle Förderung zu geben. Stattdessen sind an vielen Schulen die Klassen größer geworden, die Lerngruppen sind bis an den Rand gefüllt. Nun warten wir darauf, dass die Politik ihre Versprechungen auch einlöst. Die Schulen waren bereit, alles zu geben, um die Kinder, die zusätzlich zu uns gekommen sind, nach besten Möglichkeiten zu unterstützen und zu integrieren. Es darf kein Dauerzustand sein, dass wir bei diesen großen Lerngruppen verharren.

Wie gut sind Lehrkräfte an Regelschulen für den individuellen Unterricht gerüstet?

Was wir dringend brauchen, ist eine Fortbildungsoffensive durch die Landesregierungen, damit die Lehrerinnen und Lehrer an den Regelschulen dazu weiterqualifiziert werden, den ständig größer werdenden Herausforderungen in der Unterschiedlichkeit der Schüler gerecht zu werden. Dazu gehört nicht nur ein unterschiedliches Leistungsvermögen und Lerntempo, sondern auch ein unterschiedlicher kultureller Hintergrund. Bei den Flüchtlingen haben wir zum Beispiel eine riesige Bandbreite: von denen, die mehrsprachig zu uns kommen, bis zu denen, die noch nie eine Schule besucht haben, aber schon zehn Jahre oder älter sind. Dafür bedarf es zusätzlicher Qualifikationen und da reicht es natürlich nicht aus, wenn man den Lehrern sagt: „Nun bildet euch doch mal fort.“ Sondern man muss diese Fortbildungen zur Verfügung stellen und man hat sie dann als Teil des Dienstgeschäftes zu leisten.

Daneben ist es wichtig, dass der Regelschullehrer in den inklusiven Lerngruppen nicht allein ist, sondern Unterstützung durch einen Sonderpädagogen hat, aber auch durch Netzwerke mit anderen Professionen wie Sozialpädagogen, Schulpsychologen etc. Sonst ist es nicht zu stemmen.

Wie kann der digitale Wandel an Schulen individuelles Lernen fördern?

Ich sehe da einiges an Potenzial. Der VBE hat 2015 eine repräsentative Lehrerbefragung zur digitalen Bildung durchgeführt. Da ist deutlich herausgekommen, dass Lehrkräfte im Rahmen des digitalen Wandels große Chancen sehen, den Unterricht noch besser zu individualisieren. Wir sehen aber auf der anderen Seite das große Problem, dass die Ausstattung der Schulen mit Hardware, Software und Breitbandanschlüssen zurzeit nicht gegeben ist. Da ist man eher auf einem mittelalterlichen Stand. Vom Digitalpakt zwischen Bund und Ländern erwarte ich mir, dass es nicht bei leeren Versprechungen bleibt, sondern dass er auch umgesetzt wird: dass Bund und Länder gemeinsam eine große Initiative starten und die Länder gleichzeitig dafür sorgen, dass mit dem zur Verfügung gestellten Geld die Lehrer entsprechend fort- und weitergebildet werden. Und dass das ein wesentlicher Bestandteil in der ersten Phase der Lehrerausbildung wird.

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