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Lehrer werden

Mit Augenmaß und Empathie

Jeder Lehrer braucht ein gesundes Berufsethos

Johannes Baumann

Im Berufsleben von Lehrern gibt es Wohlklang, aber auch Dissonanzen – immerhin haben wir es mit häufig irrational agierenden Heranwachsenden zu tun. Mit einer guten Portion Berufsethos können Sie die schwierigen Momente meistern

Schlechte Voraussetzungen, eine gute Lehrkraft zu sein, hat man, wenn berufsethische Grundeinstellungen nicht ausreichend ausgeprägt, zu wenig habitualisiert sind. Johannes Baumann nennt in seinem Buch „Lehrer sein!“ einige minimale Standards, die gewährleistet sein sollten – hier ein Auszug daraus

Die berufliche Leidenschaft sollte der Förderung der Lernenden gelten. Das sollten sowohl (und zuallererst) die Schülerinnen und Schüler als auch die Eltern und die Kolleginnen und Kollegen spüren. Natürlich hat man im Lehrerberuf vielfältige eigene Interessen (möglichst gute Arbeitsbedingungen, guter Stundenplan etc.), die Leidenschaft für die Lernenden sollte aber erkennbar an erster Stelle stehen. Und Förderung der Schülerinnen und Schüler ist ganzheitlich zu verstehen. Die fachliche Förderung ist ein wichtiger, aber bei weitem nicht der einzige Aspekt. Ermöglichung von Reife, Wachsen am Widerstand, Lernen von Verantwortung, selbstständig werden und die Einübung von demokratischen Grundregeln sind allesamt wichtige weitere Aspekte einer ganzheitlichen, den Schülerinnen und Schülern als Menschen verpflichteten, Förderung.

Herausforderung Adoleszenz

Es ist ein Privileg, junge Menschen in ihrer Entwicklungsphase vom Kind zum Erwachsenen begleiten zu dürfen. Das stellt allerdings höchste Ansprüche an die Lehrkräfte. Schülerinnen und Schüler als Heranwachsende – zumal in der kritischen Phase der Pubertät, in der sich das Wertesystem erst nachhaltig konstituiert – müssen sich in vielfältiger Weise ausprobieren. Aus Erwachsenensicht oder von einem rationalen Standpunkt aus betrachtet, hat man es dabei häufig mit Irrationalitäten, Provokationen, Nachlässigkeiten und widerständigem Verhalten zu tun, das die Lehrkräfte als Vertreter der Institution Schule trifft (es trifft auch die Eltern als Vertreter der gesellschaftlichen Institution Familie). Oben wurde schon gesagt, dass man derlei als Lehrkraft nicht persönlich nehmen sollte. Es nützt auch nichts und dient niemandem, über den Verfall der Sitten und Werte zu klagen. Man hat es in aller Regel auch nicht mit dem radikal Bösen zu tun (auch wenn man, wenn die Beziehungsebene vergiftet ist, als Beteiligter gern zu solchen Interpretationen neigt). Diese wissende Grundeinstellung bzw. Sichtweise hilft, Problemlagen und Konflikte zu entmoralisieren – was keinesfalls bedeutet, alles zu akzeptieren oder geschehen zu lassen, im Gegenteil!

Würde in der Schule

In der Schule herrscht zwischen Lehrkräften und der Schülerschaft ein Machtgefälle, das auf Lehrerseite durch zahlreiche Rechte (Weisungsbefugnis) und Sanktionsmöglichkeiten (Erzwingung der Schulpflicht, Verhängung von Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen, Notengebung etc.) konstituiert wird. Dennoch und umso mehr gilt es, stets einen würdevollen Umgang mit den Schülerinnen und Schülern zu pflegen und deren Würde gerade auch in angespannten Situationen zu wahren. Die Schwelle, als Lehrkraft unwürdig zu (re-)agieren, ist in der Schule niedrig, und manchmal wird ihre subtile Überschreitung kaum wahrgenommen. Leistungsrückstände, Verweigerung, Provokationen, Kränkungen (ob persönlich gemeint oder nicht), Stresssituationen, Ermüdung im Beruf, sich häufende Enttäuschungserfahrungen bauen Hemmungen ab, ironisch, verletzend, zweideutig oder gar zynisch und damit häufig entwürdigend zu reagieren. Dabei kommt es eigentlich darauf an, Schülerinnen und Schüler in vorbildlicher Weise das Verhalten vorzuleben, von dem man sich wünschen würde, dass es eine Gesellschaft in allen ihren Teilen und in der Zukunft prägt.

Mangelnde Fortbildungsbereitschaft

Man hat als Lehrkraft nie ausgelernt, man ist – trotz primärer Ausbildung an der Hochschule/Universität und sekundärer Lehrerbildung im Seminar – nie fertig. Wie in vielen anderen Berufen auch, hat Erfolg in hohem Maße mit lebenslangem Lernen zu tun. Dabei geht es nicht nur um die fachliche (was ist der neueste Forschungsstand in meinem Fach?) und fachdidaktische Aktualität. Auch politisch, soziologisch und hinsichtlich der philosophischen Implikationen der eigenen Fächer sollte man auf dem Stand der Dinge sein. Lehrkräfte sind auch Berater in mancherlei Belangen und Entwicklungsbegleiter, auch für Eltern sind sie wichtige Gesprächspartner. Gleichzeitig sind sie Akteure der Schulentwicklung (also innerhalb eines komplexen Systems tätig). Die umfangreichen inhaltlichen und methodischen Kompetenzen für all diese Herausforderungen des Berufs muss man sich zu großen Teilen selbst erarbeiten. Der Besuch von Fortbildungen und die Bereitschaft, sich durch Gespräche und Lektüren unablässig weiterzubilden, sind Grundbedingungen für erfolgreiche Lehrkräfte.

Überforderung und Überlastung

Auch Überforderung („Ich bin der Aufgabe, den Anforderungen des Lehrerberufs nicht gewachsen“) oder Überlastung („Die Zahl der Anforderungen ist zu viel, die Zeit reicht hinten und vorne nicht“) hindern daran, auf die Dauer eine gute Lehrkraft zu sein. In beiden Fällen sind gründlich die Ursachen zu analysieren. Wodurch kommt die Überforderung zustande? Entsteht die Überforderung im Kerngeschäft (Unterricht)? Handelt es sich um eine objektive Überforderung oder das Erlebnis, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden? Wird man von außen (von Eltern, Kollegen, Schulleitung) mit überzogenen Erwartungen konfrontiert? Gibt es Disziplinprobleme, die unlösbar erscheinen? Gibt es belastende Konflikte? Welche Maßnahmen (Gespräche, Aufgabenumverteilung, Qualifikation) sind denkbar? Ähnliches gilt im Fall der Überlastung: Ist sie akut, periodisch oder chronisch? Wodurch kommt sie zustande (durch den Lehrauftrag, durch übertragene Zusatzaufgaben, durch eigenes Engagement, durch problematische Ereignisse im privaten Bereich)?

Gelingt es nicht, die Ursachen von Überforderung oder Überlastung zu identifizieren und Wege der Abhilfe zu finden, droht ein Verlust von Motivation und Arbeitskraft. Schnell bleibt man unter seinen Möglichkeiten und ist nicht die gute Lehrkraft, die man eigentlich sein könnte und sicher auch einmal sein wollte. […]

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