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Lehrer sein

Magische Momente

Gute Lehre braucht Kopf, Hand – und Herz

Peter Maier

Manchmal kann man sie förmlich knistern hören, die freudige Spannung, wenn Schüler an ihren neu gewonnenen Erkenntnissen wachsen. Diese Momente machen den ganz besonderen Reiz des Lehrerberufs aus

Nicht alles im Lehrerberuf ist plan-, evaluier- und messbar. Und es sind gerade diese manchmal kaum zu erklärenden, emotional aufgeladenen „Sternstunden“ im Unterricht, die unseren Beruf so besonders machen. Um das ausschöpfen zu können, müssen Lehrer nicht nur Wissensvermittler, sondern auch Magier sein, sagt unser Autor Peter Maier

In den Medien wird regelmäßig eine bessere Lehrerausbildung an den Universitäten angemahnt. Doch wie soll diese aussehen? Was macht einen wirklich guten Lehrer* aus? Hier beginnt die Not, denn man kann zwar vielleicht noch die Vermittlung von Wissen einüben und irgendwie messen und beurteilen, sowie den Erfolg dieses Bemühens in Tests, Schulaufgaben und Prüfungen feststellen. Die Fähigkeit jedoch, „es“ mit Kindern und vor allem mit Jugendlichen in der Pubertät zu können, kann kaum mehr „gemacht“, antrainiert und gelehrt werden. Diese Fähigkeit entzieht sich jeder Operationalisierung. Wenn eine altersgerechte Kommunikation und eine stimmige Beziehungsebene zwischen Lehrer und Schülern aber fehlen, läuft gar nichts mehr. Hier geht es wohl auch um ein Stück „Magie des Lehrerberufes“, um den Lehrer als Magier also, ja um eine wirkliche Berufung zum Pädagogen.

Streit um die Lehrerausbildung

Doch schauen wir zunächst in den Bericht mit dem Titel „Mehr Klasse für die Klasse“, der Mitte Februar 2015 in der Süddeutschen Zeitung zu lesen war. 1 Darin wird informiert, dass der Bund eine halbe Milliarde Euro zusätzlich in die Ausbildung von Lehrern stecken will. Zu Recht wird in dem Bericht angemerkt: „Ein Wettkampf der Ideen beginnt.“ Denn schon wieder sind wir dann bei der Frage angelangt: Was ist ein guter Lehrer, der Klasse hat? Hier in Auszügen einige Gedanken aus diesem Bericht:

  • Um die Ausbildung der Lehrer ist es an vielen Universitäten nicht gut bestellt, sie wird oft irgendwie nebenbei erledigt.
  • Manche Hochschulen wollen Lehrer dafür sensibilisieren, dass die Schülerschaft vielfältiger wird – durch Kinder mit ausländischen Wurzeln oder mit Behinderung. Stichwort: Inklusion.
  • Zwei Umfragen von Stiftungen zeigen den Bedarf: Nur ein Drittel der Studenten hält den Praxisbezug für gut, die Hälfte der Befragten hadert mit ihrer Betreuung an der Uni. Und zwei Drittel der Junglehrer gaben zu, einen „Praxisschock“ erlitten zu haben.
  • Der ideale Lehrer muss ein leidenschaft-licher Pädagoge sein und ein Meister seines Fachs – so lässt sich die Forschung zusammenfassen, einige Studien betonen das Fachliche, andere das Menschliche. 2

In dem Artikel wird zudem darüber reflektiert, zukünftige Lehrer in „Castings“ auszuwählen, damit für den Lehrerberuf ungeeignete Kandidaten rechtzeitig die Rückmeldung bekommen können, dass sie womöglich den falschen Berufsweg eingeschlagen haben.

Ins gleiche Horn bläst dann etwas später ein weiterer Artikel in der Süddeutschen Zeitung mit dem Titel „Wunderwesen gesucht. Autorität, Humor, Fachwissen – was macht einen guten Lehrer aus?“ 3 Wiederum geht es um die Qualitätsoffensive, die frischen Wind in die Lehrerausbildung bringen soll. Es werden erneut, wie schon im vorherigen Zeitungsartikel, die Fragen gestellt: „Wie genau werden Pädagogen besser ausgebildet? Und wie soll er denn überhaupt sein, der ideale Lehrer?“ 4

Auch in diesem Zeitungsartikel wird nicht ausgeführt, was denn einen „guten“ Lehrer konkret ausmachen könnte und welche Qualitäten er im einzelnen neben hohen wissenschaftlichen Kenntnissen in seinen gewählten Fächern haben soll. Wie sollen beim Lehrer das Fachliche und das Menschliche zugleich erfüllt werden können? Hier beginnt die Magie der Pädagogik, die man nicht mehr erklären, sondern höchstens noch an konkreten Unterrichtssituationen feststellen kann. Diese Magie ist aber neben der fachlichen Kompetenz unbedingt nötig, um auf Dauer Klassen begeistern und für den Unterricht gewinnen zu können.

Sternstunden der Pädagogik

Freut sich auch nach langen Berufsjahren noch immer über die „Sternstunden“: der Gymnasial­lehrer Peter Maier

Das Anliegen dieses Artikels ist es, genau diesen Aspekt des Lehrerberufes aufzuzeigen, der gar nicht mehr im Letzten rational erklärt oder eingefangen werden kann, der nicht mehr operationalisierbar ist und sich daher jeder Statistik entzieht. Vielleicht braucht es einen „alten Fuchs“ des Lehrerberufes, um dazu überhaupt etwas Sub-stanzielles und Konkretes sagen zu können. Ich möchte dies zumindest versuchen. Worin besteht nun diese Magie des Lehrers, ohne die ein guter Unterricht auf Dauer nicht auskommt? Worin kann das „Mysterium des Unterrichtens“ liegen? Wo also zeigt sich der „Archetyp“ des Magiers im Unterricht?

Im Folgenden möchte ich von einer Stunde aus meiner eigenen Unterrichtspraxis als Physik- und Religionslehrer erzählen, die mir persönlich im Nachhinein als „Sternstunde der Pädagogik“ erschienen ist. Mir ist bewusst, dass solch eine Unterrichtsstunde, wenn sie denn überhaupt entsteht, ein absolutes Geschenk für den Lehrer und für die Klasse ist und nur in den seltensten Fällen wiederholt werden kann. Man kann als Pädagoge höchstens den Rahmen dafür setzen und dann voll Dankbarkeit wahrnehmen, dass jetzt gerade während dieser Unterrichtsstunde etwas Besonderes, Magisches, ja Heiliges in den Köpfen und Herzen der Schüler geschieht und sich soeben etwas Zauberhaftes ereignet hat – eine Sternstunde eben. Womöglich geht einem dies selbst als Lehrer erst danach auf.

Aus der Unterrichtspraxis: Naturwissenchaft oder Religion – wer hat Recht?

Der erste Themenkreis im Gymnasial-Lehrplan für Katholische Religionslehre der 8. Klasse in Bayern lautet: „Gottes Schöpfung – Gabe und Aufgabe für den Menschen“. 5 Zunächst werden in den ersten Stunden einige Schöpfungsmythen und Kosmologien früherer Völker dargelegt und deren Auffassungen von Göttern, Welt und Kosmos erläutert – etwa die der Babylonier, der Azteken oder von Indianervölkern. Dem werden dann heutige wissenschaftliche Theorien der Astrophysik (Urknall, Galaxien, Schwarze Löcher) und der Evolutionstheorie etwa von Charles Darwin gegenübergestellt. Schließlich werden die beiden Schöpfungsberichte der Bibel, Buch Genesis Kapitel 1 bis 3, ausführlich behandelt und die darin enthaltene Position Gottes, sowie die Aufgaben des Menschen herausgearbeitet. In einer der letzten Stunden dieser Unterrichtsreihe bitte ich dann die Schüler regelmäßig, sich folgende drei Fragen zu notieren:

  • Welche Fragen hast du zur Entstehung und zur zukünftigen Entwicklung unseres Kosmos?
  • Welche Fragen hast du zu Gott und zum Menschen?
  • Wer hat recht – die Astrophysik und die Evolutionstheorie oder die biblischen Schöpfungsberichte?

In der darauffolgenden Stunde lasse ich alle Schüler einzeln zu Wort kommen und sammle ihre Antworten und ihre neu aufgebrochenden Fragen, die sie zu Hause notiert haben. Danach versuche ich, darauf einzugehen. Fragen zur Religion, sowie Sinn- und Existenzfragen beantworte ich als Religionslehrer. Bei Fragen bezüglich der Weltentstehung und der heutigen Astrophysik verweise ich die Jugendlichen auf ihren Physiklehrer, der ich aber in Personalunion selbst wieder bin. Wichtig ist jedoch, dass ich immer ganz ehrlich bin und auch zugeben kann, wenn ich einmal keine Antwort auf eine Frage weiß.

Viele dieser Schülerfragen berühren das Wesen unseres heutigen, naturwissenschaftlich geprägten Menschseins: Fragen nach dem Urknall, nach der Existenz einer universalen Intelligenz, nach Gott, nach der Ausdehnung, Ausbreitung und Zukunft unseres Kosmos, nach der Evolution, aber auch Sinn- und Existenzfragen des Menschen überhaupt.

Sicht- und spürbarer Reifeprozess

Lehrer sind auch „nur“ Menschen und können nicht alles wissen. Wichtig ist dann, dass sie authentisch bleiben und ihren Schülern nichts vorgaukeln

In vielen 8. Klassen geht es an dieser Stelle richtig zur Sache. Denn die Schüler haben Fragen über Fragen und ich kann förmlich beobachten, wie die Köpfe der Schüler zu „rauchen“ beginnen, bisherige (Kinder-)Vorstellungen zerbrechen und einstürzen und – wie fast bei jeder Frage, die in der Klasse gestellt und dann beantwortet wird – sich das Bewusstsein der Schüler ausbeult, dreht, wandelt, neu bildet oder sich ein Stück erweitert. Als Lehrer kann man „sehen“, dass bei vielen Schülern anhand dieser Themen und Fragen ein großes Stück Reife und Persönlichkeitsbildung, wichtige Schritte in der Ausformung des eigenen Weltbildes sowie eine geistig-seelische Weiterentwicklung geschehen.

Nicht in jeder, aber in vielen 8. Klassen waren diese Stunden der Unterrichtsreihe zur „Schöpfung“ eine Nahtstelle im ganzen Schuljahr im Allgemeinen und die sich anschließende Fragestunde zugleich eine „Sternstunde der Pädagogik“ im Besonderen, die mich als Lehrer jedes Mal sehr ergriffen und erfüllt hat. Denn die Jugendlichen holen gerade in solchen Stunden geistig nach, was körperlich mit dem Eintritt in die Pubertät bereits längst begonnen hat: Sie verlassen die Kindheit und gehen zunehmend in ihr eigenes Leben. Es handelt sich in diesen Stunden also letztlich um einen initiatorischen Prozess, der mittelfristig und schrittweise zum Erwachsenwerden führt.

Fazit

Ich glaube, dass sich in jedem Fach und bei jedem Lehrer solche Sternstunden der Pädagogik gelegentlich ereignen können, die den Unterricht würzen, die Schülerherzen höher schlagen lassen und den Schulalltag bereichern können. Ich möchte allen Kollegen Mut machen, offen für solche magischen Stunden zu sein, die mit großer Wahrscheinlichkeit Lehrern wie Schülern dauerhaft in Erinnerung bleiben. Ein guter Unterricht kommt nicht ohne diese Art von Magie aus und ein guter Lehrer sollte diese Magie ermöglichen, zulassen und entstehen lassen …

Peter Maier
Gymnasiallehrer,
Jugend-Initiations-Mentor und Autor

Weitere Informationen

www.initiation-erwachsenwerden.de

Anmerkungen

1) Vgl. SZ Nr. 41 vom 19.2.2015, S. 5

2) Ebd., in Auszügen

3) SZ Nr. 163 vom 18./19.7.2015, S. 7

4) Ebd.

5) Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus (Hrsg.) 2009: Lehrplan für das Gymnasium in Bayern, Katholische Religionslehre, Jahrgangsstufe 8, Themenkreis K 8.1

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