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Das Rad nicht neu erfinden

Bildungsclouds: Lernmanagementsysteme können Lücken schließen

mho/itslearning

Topthema Digitalisierung: In keiner politischen Rede darf es fehlen – auch die Bildungsminister der Länder haben sich auf eine gemeinsame Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ geeinigt. Bildungsclouds spielen darin eine tragende Rolle, werden bisher aber vor allem debattiert statt umgesetzt. Digitalisierungswillige Schulen setzen daher vermehrt auf Lernmanagementsysteme (LMS) wie „itslearning“, die auf dem freien Markt erhältlich sind

Offenbar haben die Bildungsminister die Aufgabe unterschätzt, Bildungsclouds zu entwickeln, denn es zeigen sich Probleme bei der Umsetzung. Schulen oder Schulträger, die sich für einen unabhängigen Weg entschieden hatten, sind jetzt im Vorteil. Ihr wichtigstes Argument für Lernmanagementsysteme (LMS) wie „itslearning“ ist aber nicht allein die störungsfreie und umfassende Funktionalität, sondern vor allem die Berücksichtigung individueller pädagogischer Anforderungen.

Landesweite Bildungsplattformen, meist als Clouds geplant, werden in den verschiedenen Bundesländern ganz unterschiedlich gesehen. Manche Bundesländer wie Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern haben sich von Anfang an keine landesweite Lösung vorgenommen, sondern überlassen die Umsetzung der Digitalisierung bisher ihren Schulen.

Viele landesweite Bildungsclouds bislang gescheitert

Andere Bundesländer wollten eigene Entwicklungen als landesweite Lösungen anbieten, die allerdings vorrangig für die Verwaltung von Schule und Unterricht gedacht sind. Manche Länder stellten bislang auch nur Anwendungen allein für Lehrkräfte zur Verfügung. Die Bilanz dieser Länder ist frustrierend. Bereits im vergangenen Oktober musste Nordrhein-Westfalen feststellen, dass die landesweite Schulplattform Logineo gravierende Datenschutzmängel aufweist, und hat die schrittweise Einführung auf Herbst 2018 verschoben. In Hamburg wurde Eduport, eine Variante von Logineo, probeweise eingesetzt, allerdings nur für die Anwendung durch die Lehrkräfte. In Niedersachsen verläuft das Projekt einer landesweiten Bildungscloud nicht nur reduzierter als ursprünglich geplant, sondern auch mit verzögerter Umsetzung. In Baden-Württemberg schließlich erbrachte jetzt ein Gutachten, dass das bundesweit wohl ehrgeizigste und auch teuerste Projekt „ella“ gravierende technische Mängel aufweist und der Start bis auf Weiteres verschoben, wenn nicht gar das Ganze komplett neu aufgesetzt werden muss.

Vielversprechend: eingeführte LMS

Abgesehen davon, dass die Landesregierungen in Erklärungsnot geraten, sind all die Schulen, Schulträger und Lehrkräfte, die sich auf die landesweiten Lösungen eingestellt hatten, nachhaltig verunsichert. Anders diejenigen, die sich für ein eingeführtes LMS entschieden haben. Im Folgenden einige Beispiele aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen.

Oft hilft nur Eigeninitiative

Egal, ob zugekauftes LMS oder selbst entwickelte Bildungscloud: Um diese Instrumente zielführend nutzen zu können, sind regelmäßige Fortbildungen der Lehrkräfte zwingend notwendig

Kristine Hesse unterrichtet am städtischen Gymnasium in Witten-Herdecke Erdkunde, Informatik und Mathematik und kümmert sich seit 2016 gemeinsam mit einer Chemie- und Lateinlehrerin um die Themen der Digitalisierung. Sie sagt: „Wir sind froh, dass wir uns mit itslearning für eine eigene Lernplattform entschieden haben. Das war aber schon, bevor Logineo gestoppt wurde.“ Logineo wäre zwar viel kostengünstiger gewesen, aber das Leistungsspektrum hatte dem Kollegium nicht gereicht, „eine pädagogische Schiene, wie Kurse einrichten oder kollaborative Zusammenarbeit usw., fehlte vollkommen“, berichtet Hesse.

Die höheren Kosten für itslearning seien sicherlich ein Knackpunkt, gibt Hesse zu bedenken, „aber bei uns werden sie zum Teil vom Schulträger und zum Teil über die Medienbeiträge der Schüler und Schülerinnen getragen – das sparen wir bei Büchern, Kopien usw. wieder ein“.

An der niedersächsischen Integrierten Gesamtschule Lengede bei Braunschweig gilt das Primat der Eigenverantwortung. Zunächst wurde mit einem reinen Datenmanagementsystem auf der Basis des Lernmanagementsystems Fronter gestartet, nun wird schrittweise itslearning eingeführt, denn: „Leider können wir die Niedersächsische Bildungscloud noch immer nicht nutzen“, bedauert Braun, freut sich aber über die Implementierung von itslearning, ergänzt um das Kollaborationssystem Nextcloud. „Individuelle Lernpfade erstellen, eigenverantwortliches Lernen ermöglichen, Kompetenzorientierung, Geräteunabhängigkeit, Vernetzbarkeit mit anderen Systemen – all das passte in das Unterrichtskonzept der Schule. Letztlich ist ein Lernmanagementsystem ein zentrales Element für die Qualitätsentwicklung des Unterrichts“, ist Braun überzeugt.

Braun und seinem Kollegium war wichtig, die Anforderungen von Anfang an klar zu definieren und vor allem Verwaltung und Pädagogik zusammen zu denken. „Die Entscheidung muss nach Qualität und nicht nach Kosten getroffen werden. Man muss auch nicht alles neu erfinden“, sagt Braun.

Natürlich waren die Kosten auch im Lengeder Schuletat nicht eingeplant. Nach Rücksprache mit allen Gremien waren sich aber ein gutes Jahr später alle einig, dass dies wie Kopiergeld oder Workbooks einzuordnen ist und entsprechend finanziert werden soll.

Fortbildungen unverzichtbar

„Ein LMS muss den Lehrkräften helfen und nicht die Arbeit erschweren“, betont Kristine Hesse. Dafür sei unabdingbar, regelmäßig Zeit für Fortbildungen zu gewähren, statt mit einer einmaligen Veranstaltung alles abdecken zu wollen. Fortbildungen können auch gegenseitig organisiert werden. „Natürlich kommen etliche Lehrkräfte aus der Kreidezeit, aber wenn sie erst einmal die Vorteile in der Anwendung sehen, machen alle mit“, ist Hesses Erfahrung. Braun betont die Notwendigkeit eines guten Konzeptes. Am Anfang müsse man die Anforderungen klar definieren und in der Praxis nur die Funktionen nutzen, die wirklich sinnvoll sind. „Die Digitalisierung wird den Unterricht in den kommenden zehn Jahren stark verändern. Wir werden die bisherigen analogen Lernmittel weiterhin benötigen, das LMS ist jedoch ein wichtiges ergänzendes Instrumentarium zur Realisierung guten Unterrichts“, ist Braun überzeugt.

Mit anderen Schulen vernetzen

Es gibt auch ganze Bundesländer, die sich gegen eine eigene Cloud-Lösung und für ein bereits eingeführtes LMS entschieden haben. Bremen zum Beispiel. Immer mehr Schulen dort nutzen ebenfalls itslearning, das nach einem ausführlichen Auswahlprozess als das optimale erschien. An-

dré Sonnenburg, stellvertretender Direktor der Oberschule Habenhausen, begleitet den Einführungsprozess an den Schulen des Stadtstaates. Erst durch die landesweite Nutzung entfalten sich nach seiner Erfahrung die Vorteile einer Plattform wie etwa „die schulübergreifende Vernetzung der Kollegen, das gemeinsame Planen von Unterricht und die Welt des Flipped Classrooms“. Auf der anderen Seite könnten die Schulen davon profitieren, ihr eigenes Konzept über die Plattform abzubilden. Aber der Weg ist lang, denn auch in Bremen gilt: Die Schulen und Lehrkräfte nutzen die Plattform sehr unterschiedlich. Wie intensiv das geschieht, hängt stark von der jeweiligen Schulleitung ab – und wie sie sich vom Landesinstitut und der Schulaufsicht unterstützen lässt. „Bei vielen Lehrkräften ist immer noch nicht in den Köpfen angekommen, was sie mit digitaler Bildung eigentlich erreichen wollen“, beobachtet Sonnenburg.

Mehr Vorteile als einzelschulische Lösungen

Der Leiter des Zentrums für Medien am Landesinstitut für Schule Bremen, Dr. Rainer Ballnus, beschreibt die Erfahrungen mit dem LMS in seinem Bundesland so: „Aus unserer Sicht hat eine Cloudlösung auf Landesebene für die Schulen signifikante Vorteile gegenüber einzelschulischen Lösungen. Vor allem können Inhalte so auch schulübergreifend ausgetauscht, gemeinsam erstellt und genutzt werden. Bei Lehrkräftefortbildungen können den Teilnehmern schon im Vorfeld Materialien zentral bereitgestellt werden und im Anschluss kann über die Plattform weiterhin auf Wunsch kollaborativ gearbeitet werden. Stichwort Qualifizierung: Hätten alle eine gemeinsamen Cloud, könnten das Land oder der Schulträger viel eher passgenaue Fortbildungen und Begleitungen für die Implementation und Nutzung der Plattform anbieten, als es bei Einzellösungen der Fall wäre.“

Zur Rolle der Lernplattform in der Ausbildung der Lehrkräfte sagt Ballnus: „In Bremen kann beispielsweise bereits in der Lehrkräfteausbildung jeder Lehramtsanwärter am ersten Tag über seinen Zugang automatisch auf die gemeinsame Lern- und Arbeitsumgebung zugreifen. Die erheblichen Vorteile zeigten sich auch in den vergangenen beiden Jahren, als mit den stark angestiegenen Zahlen an geflüchteten Menschen sehr schnell zahlreiche neue DaZ- und DaF-Kurse mit teilweise neuen Dozenten und Lehrkräften umzusetzen waren. Mit der gemeinsamen Plattformlösung konnten wir am Landesinstitut unmittelbar und zentral qualitativ gute Materialien mit den entsprechenden Zugängen bereitstellen.“

Bei all den guten Erfahrungen, die die LMS-Anwender aus den Schulen berichten, stellt sich eine simple Frage: Warum wollen Bundesländer unbedingt eigene Lernplattformen oder auch nur Arbeits- und Kommunikationsplattformen entwickeln? Es gibt doch offenbar Lösungen auf dem Markt, die seit Jahren in der Pädagogik gut funktionieren und die Digitalisierung unserer Schulen vorantreiben könnten.

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