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Lehrer sein

Mathe gemeinsam flippen

Lehrkräfte von zwei Schulen erarbeiten ein gemeinsames Flipped-Classroom-Konzept

Sebastian Schmidt

Seit 2013 erstellt Sebastian Schmidt an der Inge Aicher Scholl Realschule nun schon Erklärvideos, setzt sie in seinem Unterricht nach dem Konzept des Flipped Classroom ein (vgl. auch www.flippedmathe.de) und gibt Fortbildungen zum Thema. Dort lernte er 2016 Ferdinand Stipberger von der Gregor-von-Scherr-Schule aus Neunburg vorm Wald kennen. Stipberger hatte mit GeoGebra und OneNote andere Zugänge, drehte aber auch immer wieder mit Erklärvideos seinen Unterricht um. Zwei Lehrkräfte für Mathematik, die beide Flipped Classroom ausgiebig für die eigene Unterrichtsgestaltung nutzen: Das schrie geradezu nach Zusammenarbeit – die im Folgenden geschildert werden soll

Mit dem neuen LehrplanPlus, der mit Beginn des Schuljahres 2017/18 in Bayern eingeführt werden sollte, wollten Schmidt und Stipberger auch das dazu passende Unterrichtsmaterial gemeinsam digital gestalten und dafür ein Projektteam aus Kollegen von ihren beiden Schulen – die immerhin rund 280 km voneinander entfernt liegen – zusammenstellen. Die Schulleiter, Stefan Vielweib (RS Neu-Ulm Pfuhl) und Diana Schmidberger (RS Neunburg vorm Wald), sagten dem Projektteam ihre volle Unterstützung zu, und schon vor Beginn des neuen Schuljahrs stand ein Team aus insgesamt sieben Fünftklasslehrkräften fest. Ziel dieses Teams war es, von den Beteiligten der beiden Schulen abwechselnd eine Unterrichtssequenz (d.h. ein Kapitel des neuen Lehrplans) für die digitale Lernplattform mebis erstellen zu lassen. Da noch nicht alle Kollegen der beiden Schulen dieses Konzept einsetzten, war es notwendig, ihnen durch gleiches Material einen roten Faden vorzugeben.

Zielsetzung des Projektteams

„Wir wollen Inhalte des Unterrichts so auf- und vorbereiten, wie es ein einzelner Lehrer alleine nicht schaffen könnte. Das bedeutet trotzdem immer noch einen deutlichen Mehraufwand beim ersten Mal“, sagt Eugen Staudinger von der Schule in Neunburg vorm Wald. „Ich glaube, dass ich mit dem Flipped-Classroom-Konzept in den letzten Jahren meinen Unterricht weiterentwickeln konnte. Aber ist er auch auf andere Lehrkräfte übertragbar? Übersehe ich durch eine Engführung meines Konzepts vielleicht Ideen, welche den Unterricht noch weiter bereichern könnten?“, so Sebastian Schmidt. Durch verschieden aufbereitete Unterrichtssequenzen wollten wir vor allem vonei-

nander lernen, miteinander ins Gespräch kommen und so Unterricht weiterentwickeln. „In der Diskussion werden die unterschiedlichen didaktischen Konzepte, Vorzüge und Erfahrungen der beteiligten Kollegen explizit, was eine enorme Bereicherung für die eigene Unterrichtsreflexion und -entwicklung darstellt,” berichtet Christian Czaputa. […] Gleichzeitig fordert der kompetenz-orientierte Lehrplan, dass Schülerinnen und Schüler verstärkt selbstständig gewisse Themen erarbeiten bzw. durch schülerzentrierte Methoden und kompetenzorientierte Aufgaben ihr Fachwissen erwerben. Wir wollten uns durch einen effizienteren Unterricht Zeit schaffen, um den neuen Lehrplan sinnvoll umsetzen zu können und nebenbei eben diese Methodenkompetenz der Lernenden zu steigern. Und außerdem sollten die Inhalte für die Schülerinnen und Schüler natürlich digital dargestellt werden: „In der heutigen Zeit wird es immer wichtiger, dass wir den Schülerinnen und Schülern einen verantwortungsbewussten Umgang mit digitalen Medien beibringen. Deshalb wollen wir das Smartphone im Unterricht nicht verbieten, sondern es sinnvoll einsetzen“, so Michael Zimmerer aus Neunburg vorm Wald. Wie aber wollen wir ihnen Digitale Bildung näherbringen, wenn wir selbst höchstens Unterrichtsinhalte digitalisieren können? Schülerinnen und Schüler sollten unter den Bedingungen der Digitalisierung lernen, wie man kommuniziert, auch wenn man nicht im selben Raum sitzt. Sie sollten begreifen, dass es immer wichtiger wird, auch digital zusammen zu arbeiten und dabei ihrer Kreativität möglichst freien Lauf zu lassen, zu unterscheiden, was richtig oder falsch ist und sich somit kritisch mit Meinungen anderer auseinanderzusetzen. […] Dazu mussten wir uns aber erst einmal selbst in die Rolle der Lerner versetzen und versuchen, daraus unsere Erkenntnisse für guten Unterricht und Digitales Lernen zu gewinnen.

Organisation der Kooperation

Im Juli 2017 trafen wir uns zum ersten Mal online, um uns auszutauschen. Zur Vorbereitung hatten die Kollegen jeder Schule ihre Erwartungen zusammengetragen, um sie mit der jeweils anderen abzustimmen. Bei der Planung war man sich schnell einig: Vor der didaktischen Gestaltung des ersten Kapitels wollten sich die Kollegen aus Pfuhl treffen und die Aufbereitung der Materialien diskutieren und skizzieren. Eine Lehrkraft übernahm es dann, die Materialien zu gestalten und die Inhalte auf der Lernplattform mebis in einen Redaktionskurs hochzuladen, wo sie von den übrigen Lehrkräften des Teams eingesehen werden konnten (s. Abb. 1). Sobald sich alle Inhalte auf der Plattform befanden, trafen wir uns wieder online, und Pfuhl stellte seine Unterrichtsideen und digitalen Materialien Neunburg vorm Wald vor – ein Prozedere, das wir im weiteren Verlauf der Kooperation für die Gestaltung jedes Kapitels beibehielten: Didaktische Konzeption – Materialerstellung – Austausch. Parallel dazu erstellten wir eine WhatsApp-Gruppe, einen Dropbox-Ordner und ein OneNote-Notizbuch für weiteren Austausch.

Darüber hinaus machten wir uns aber auch Gedanken bezüglich der Einführung in dieses Unterrichtskonzept. Ferdinand Stipberger erstellte eine Präsentationsvorlage und einen Elternbrief, der dann an die jeweiligen Klassen weitergegeben wurde und der Informationen zu unserer schulübergreifenden Kooperation und zur Lernplattform mebis enthielt. Sebastian Schmidt erläuterte seine Arbeit und Erfahrungen und stellte dazu passende Inhalte auf der Lernplattform unter „Organisatorisches“ zur Verfügung. Alle erstellten Leistungsnachweise unter Berücksichtigung der Kompetenzorientierung sollten darin ebenso gesammelt werden.

Ablauf einer Unterrichtseinheit

Beim einheitlichen Material einigten wir uns auf folgende Inhalte: Zu Beginn eines jeden Themas sollte nach Möglichkeit immer eine Aufgabe/ein Impuls stehen. „Schülerinnen und Schüler sollten sich am besten immer selbst mit mathematischen Problemen auseinandersetzen und eigene Lösungsstrategien finden“, sagt Michael Zimmerer aus Neunburg. Damit solche Problemstellungen nicht durch die Antworten Einzelner im Unterricht frühzeitig in eine einheitliche Richtung gelenkt werden, sollten diese Aufgaben bereits zu Hause individuell gelöst bzw. vorbereitet werden. Dabei handelt es sich für die Fünftklässler meist um sehr einfache Aufgaben. Sebastian Schmidt wählte für die Impulse das Videoformat, Ferdinand Stipberger skizzierte die Aufgaben auf ein Arbeitsblatt und Nicole Nägele gestaltete mit h5p interaktive Videos: „Ich möchte nicht in einem YouTube-Video auftauchen, das war dann so der Mittelweg, der für mich in Frage kam.“ Nach dem Flipped-Classroom-Konzept erscheinen also die Schülerinnen und Schüler vorbereitet im Unterricht und stellen ihre Lösungsstrategien zu der Aufgabe vor. Ab diesem Zeitpunkt war es natürlich jeder Lehrkraft selbst überlassen, mit welcher Methode sie durch die Sammlung der Ergebnisse führt. Der Autor des Kapitels gab im Redaktionskurs aber Anregungen, wie man die Unterrichtsstunde gestalten könnte (Dauer, U-Gespräch, Sonstiges). Für die Unterrichtsstunde gab es dann einen Aufgabenpool, zusammengestellt aus unserem gemeinsamen Schulbuch und nach Schwierigkeitsgrad differenziert sowie die dazu passenden Lösungen. Je nach Aufgabenstellung, kamen hier die Smartphones der Lernenden zum Einsatz. Mit einem Hefteintrag (die Inhalte des Themas wurden zu Beginn bei der Sammlung der Lösungsideen gesichert – notfalls mit Lenkung durch den Lehrer) wurde das Thema bei der nachfolgenden Hausaufgabe abgeschlossen. Zum Abschluss jedes Themas fasste ein Video die Lerninhalte nochmals zusammen. Die Schüler erstellten darüber als Hausaufgabe einen sauberen Hefteintrag. Wir erreichten damit, dass nun auch die Schülerinnen und Schüler lernen konnten, die in der Unterrichtsstunde nicht oder nur teilweise anwesend waren. Ergänzend stellte Sebastian Schmidt auch ab und zu ein Kahoot-Quiz zur Verfügung, Ferdinand Stipberger ergänzte seinen Unterricht durch GeoGebra-Selbsttests oder eine LearningApp, Nicole Nägele verlinkte auch einmal zu Seiten von realmath.de. Zu diesem Standard-Material ergänzten aber Kollegen auch weitere digitale wie digitalisierte Inhalte. PDFs mit weiteren vertiefenden Aufgaben, Aufgabenblätter via bettermarks, ein padlet zur kollaborativen Zusammenarbeit, Lernzirkel für eine alternative Erarbeitungsphase, weitere Zugänge zusätzlich zu den im Material enthaltenen, … Schnell hatten wir gelernt, dass einheitliches Material nicht bedeutet, Unterricht zu vereinheitlichen, sondern vielmehr, dass jeder seinen individuellen Unterricht gestützt auf dieses Material aufbauen kann. Christian Czaputa: „Etwaige Sorgen, seinen Unterricht nicht mehr individuell und flexibel genug auf eine festgelegte Form abstimmen zu müssen, erwiesen sich als haltlos. Gerade die Vorbereitung einer kompletten Lernumgebung stellt eine Art Grundversorgung für die selbstständige Weiterarbeit der Schüler (auch für Vertretungsstunden) dar und schränkt die Möglichkeit zur individuellen Schwerpunktsetzung und Ausgestaltung des Unterrichts in keiner Weise ein.”

Was davon bleibt …

Das ganze Schuljahr ist noch nicht fertig vorbereitet. Wir merken, dass es in den Ferien einfacher ist, ganze Kapitel am Stück vorzubereiten. Wir müssen immer weit im Voraus über kommende Kapitel nachdenken und sie den vielleicht weiter vorangeschrittenen Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung stellen. Es bleibt harte Arbeit, dies das ganze Schuljahr über durchzuziehen. Dann aber haben wir einen Kurs, den wir ohne weitere Schwierigkeiten an unsere Kollegen weitergeben können, die im nächsten Schuljahr auch eine 5. Klasse unterrichten. Und wir haben voneinander gelernt und können unsere Erkenntnisse dann auch in die 6. Klasse tragen und den Unterricht dort entsprechend anpassen. Bei unseren Fünftklässlern und deren Eltern kommt das Konzept super an: Ferdinand Stipberger: „[…] Die Eltern schätzen die ständige und schnelle Verfügbarkeit der Erklärvideos bzw. Zusammenfassungen sehr. Nicht alle sahen das Konzept mit der Nutzung des Smartphones im Unterricht von Anfang an positiv, hier war es wichtig, auf Elternabenden alle mit ins Boot zu holen.“ Bernd Bischoff: „Die Schüler arbeiten deutlich mehr an ihren Aufgaben und beschäftigen sich wesentlich länger mit den Inhalten, als das vorher der Fall gewesen wäre. Die Erfolge in den großen und kleinen Leistungsnachweisen bestätigen diese Vermutung. […]“ Nicole Nägele: „[…] Das war schon ein gutes Stück Arbeit, meine Schülerinnen und Schüler zur Selbstständigkeit zu ermutigen und anzuleiten. Davon motiviert, habe ich auch meine anderen Matheklassen auf dieses Konzept umgestellt; in den höheren Klassen funktioniert es noch einen Tick besser.“ Sebastian Schmidt: „Spannend war vor allem, dass ich nicht mehr mit meinem eigenen Material das Konzept des Flipped Classroom umsetzte. Da brauchte ich ein wenig Überwindung, aber dann war es Gold wert. Ich hatte bei meinen Unterrichtsvorbereitungen wieder mehr Power und Zeit für Änderungen in der Präsenz.” Eugen Staudinger: „Das vollständige Abgeben des Lernens in die Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler führt ja auch ein wenig zum Kontrollverlust. […] Daher plane ich auch lehrerzentrierte Phasen ein und mische den Flipped Classroom mit meinem traditionellen Unterrichtsstil.“ […]

Sebastian Schmidt (StR) (RS)
sebastianschmidt


Weitere Teilnehmer des Projekts:

Christian Czaputa RSK

Nicole Nägele StRin (RS)

Bernd Bischoff RSK

Ferdinand Stipberger StR (RS)

Michael Zimmerer StR (RS)

Eugen Staudinger StR (RS)


Website von Sebastian Schmidt:

www.flippedmathe.de

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