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Lehrer werden

Wissen, wo es lang geht

Lehrer müssen Autoritäten sein – nicht autoritär

Peter Maier

Wer in den Lehrberuf startet, ist meist noch jung – darf sich aber nicht mit den Schülern verbrüdern oder ihr Kumpel sein wollen. Nur ausgestattet mit einer gesunden Autorität, können Lehrer ihren Auftrag erfüllen: Heranwachsenden Orientierung auf dem Weg ins Leben zu geben. Der Gymnasiallehrer und Mentor Peter Maier gibt Tipps und beleuchtet Hintergründe

Vor vielen Jahren nahm ich im Rahmen meiner Ausbildung in Themenzentrierter Interaktion (TZI) mit 30 anderen Lehrkräften an einem Persönlichkeits-Fortbildungskurs in der Lehrerakademie in Dillingen teil. Geleitet wurde der Kurs von einem Psychotherapeuten, der zugleich TZI-Lehrer war. Schon der Titel der Veranstaltung hatte für viele den Nerv ihres Lehrerberufes getroffen: „Autorität als Lehrer – Übel oder Notwendigkeit?“ Entsprechend der selbstaktivierenden TZI-Methode gab es dabei kaum Vorträge, wohl aber viele Übungen in Kleingruppen, deren Ergebnisse dann im Plenum vorgetragen wurden. Dies gab anschließend enormen weiteren Gesprächs- und Diskussionsbedarf.

So geriet der ganze Kurs immer tiefer in die Autoritätsproblematik, mit der es Lehrer beruflich notwendigerweise zu tun haben. Denn ihr „Klientel“ – oftmals Jugendliche in der Pubertät, in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und ihrem Reifungsprozess – sind ja gerade auf dem Weg, herkömmliche Autoritäten wie Eltern oder Lehrkräfte in Frage zu stellen, um sich selbst finden zu können. Uns Teilnehmern half es sehr, uns jener Lehrkräfte mit einer wirklichen Autorität zu erinnern, die wir in unserer eigenen Schulzeit gehabt hatten und uns bewusst zu machen, worin das Geheimnis ihrer „echten“ Autorität und Ausstrahlung bestand. Von dem Kurs nahm ich folgende Erkenntnisse mit:

  • Kuschelpädagogik ist besonders in Jungenklassen der falsche Ansatz, wenn klare Ansagen und harte Grenzziehungen erwartet werden. Die Schüler haben es verdient, dass diese Grenzen vom Lehrer auch gesetzt werden.
  • Es ist eine verständliche, oft aber eine falsche Haltung, sich als Lehrer von den Schülern auf der Nase herumtanzen zu lassen, nur um sich bei ihnen ja nicht unbeliebt zu machen. Genau das Gegenteil ist meist der Fall: Die Schüler verlieren den Respekt vor ihrem Lehrer.
  • Es sollte nicht das Ziel der Pädagogen sein, von den Schülern geliebt zu werden oder sich mit ihnen gar zu „verbrüdern“. Diese wollen in der Regel gar keinen Kumpel als Lehrer. Sie wollen ihn vielmehr respektieren können als ein erwachsenes Gegenüber, an dem sie sich orientieren und reiben können, der sie ernst nimmt, auch indem er Verstöße ahndet oder Konsequenzen zieht, wenn über die Stränge geschlagen worden ist.
  • Als Lehrer trage ich die Verantwortung für den Unterricht und für die mir anvertrauten Schüler. Darum ist es meine Pflicht, stets „Chef/in im Ring“ zu bleiben – in meiner inneren Autorität und auch wörtlich gesehen im Klassenzimmer.
  • Echte und verantwortliche Liebe des Lehrers zu seinen Schülern kann daher auch heißen, konsequent zu sein, klare Grenzen zu setzen und auf deren Einhaltung zu bestehen. Auch dies gehört meiner Ansicht nach zu einer wirklichen Pädagogik des Herzens.
  • Es ist gut, neben dem lehrerzentrierten Unterricht viele andere Unterrichtsmethoden zur Verfügung zu haben und zu beherrschen: Partnerarbeit, Gruppenarbeit, Projektarbeit usw. Dennoch darf ich als Lehrer auch bei diesen anderen Unterrichtsformen niemals die eigentliche Leitung aus der Hand geben.

Schüler brauchen Klarheit und Orientierung

Zu einer menschlichen und lebendigen Pädagogik gehört es, als Lehrer klar und konsequent zu sein, selbst wenn die Schüler dies vordergründig als garstig und abweisend empfinden sollten. Es ist wohl die pädagogische Kunst schlechthin, als Lehrer einen klaren Weg zu finden zwischen echter Autorität (Ausstrahlung) und autoritärem Gehabe. Schüler besitzen dafür empfindliche Sensoren und können durchaus unterscheiden, ob diese Ausstrahlung des Lehrers überzeugend oder nur vorgespielt ist.

Sie wünschen sich zu Recht einen Lehrer mit echter Autorität, der sie beachtet, liebt, ernst nimmt, fördert, unterstützt und den sie gleichzeitig respektieren können. Auch sollte er neben fachlichem Wissen echte Empathiefähgigkeit besitzen. Gleichzeitig erwarten gerade Jungen, dass ein Lehrer sich durchsetzen und überzeugend Grenzen setzen kann, falls diese von der Klasse oder von einzelnen Schülern in Frage gestellt werden. Indem Heranwachsende die Autorität des Lehrers testen, loten sie zugleich aus, wie weit sie selbst gehen können. Dies gehört zur Pubertät im Allgemeinen und zum „Spiel“ des Unterrichts zwischen Schülern und Lehrern im Besonderen.

Ein Lehrer muss Grenzen setzen können

Die Grundlage für einen guten (Fach-)Unterricht ist eine geklärte Beziehung zwischen den einzelnen Schülern, der ganzen Klasse und dem Lehrer. Beide Ziele des Bildungskanons – die Wissensvermittlung und die gleichzeitige Begleitung der Schüler bei ihrer Persönlichkeitsentwicklung – können nur erreicht werden, wenn der Grundsatz „Erziehung durch Beziehung“ konkret Wirklichkeit wird. An dem Lehrer liegt es, dass sich innerhalb der Schulstrukturen ein pädagogischer Raum öffnet, in dem Fachunterricht stattfinden, die einzelnen Schüler individuell gefördert und ein möglichst gutes Arbeitsklima herrschen kann.

Eine Grundvoraussetzung dafür ist jedoch, dass der Pädagoge selbst im Tiefsten seiner Persönlichkeit erwachsen geworden ist. Nur dann kann er die „Königsaufgabe“ erfüllen, die mit seinem Beruf verbunden ist: seinen Schülern Orientierung zu geben, ihnen ein Vorbild bei ihrer eigenen Persönlichkeitsentfaltung zu sein und sie dabei kompetent zu begleiten. Zu dieser Rolle gehört auch die Fähigkeit, einzelnen Schülern oder ganzen Klassen klare Grenzen setzen zu können.

Manche Schüler schreien förmlich danach, durch den Lehrer solche Grenzen zu erleben, weil sie sie zu Hause vermissen – sei es, weil ihre Eltern überfordert oder selbst noch nicht ganz erwachsen sind; weil ihre Eltern aus falsch verstandener Liebe zuviele Zugeständnisse machen oder sie es schlicht versäumt haben, ihnen respektvolles Verhalten anzuerziehen.

Das Erwachsenwerden erfordert Begleitung und Orientierung

Warum aber ist die Klarheit und eine echte Autorität des Lehrers so wichtig, gerade für Schüler in der Pubertät? Während diese mit Einsetzen des Pubertäts-Prozesses aufgrund ihrer biologischen Reifung ganz von selbst vom Kind zum Jugendlichen werden, gelingt der nächste Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen in der Regel nicht so leicht. Hierbei braucht es erfahrene Mentoren. Wir Lehrer sind eigentlich solche dafür prädestinierten Mentoren. Aber dazu müssen wir uns darüber bewusst sein, wenn wir die uns anvertrauten Schüler bei ihrem Reifungs- und Übergangsprozess des Erwachsenwerdens adäquat begleiten wollen.

Peter Maier
Gymnasiallehrer für Physik und Religion

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