bildung+ Startseite Mediadaten Impressum Links Newsletter

Journal der Leipziger Buchmesse Referendare reisen Lernen science bildungSPEZIAL medien

Städtereisen

Unbekannte Schöne

Europas Kulturhauptstädte 2015: das belgische Mons und das tschechische Pilsen

mho

Abb. oben: Pittoresker Rahmen für die Kultur: Die Altstadt mit Belfried im belgischen Mons

Dieses Jahr ist es für uns Deutsche besonders einfach, die Kulturhauptstädte Europas zu besuchen – sie liegen direkt nebenan in Belgien und Tschechien. Auf unseren Rundgängen zeigen wir Ihnen, was Mons und Pilsen zu bieten haben.

Seit 1985 gibt es das Kulturhauptstadt-Label der UNESCO. Die ersten Metropolen, die es trugen – Athen, Amsterdam, Florenz oder Paris – konnten noch mit ihrem Bestand vorhandener Attrak­tionen locken. Die Regionalkapitalen, die spätestens seit 2010 den Zuschlag erhielten – etwa Maribor 2012 oder Umea 2014 –, mussten sich schon einiges einfallen lassen, um als Kulturhauptstädte ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Dieses Jahr stehen das belgische Mons und das tschechische Pilsen vor dieser Herausforderung.

Mons im Zwiespalt von Anspruch und Wirklichkeit

Das Kulturhauptstadt-Jahr begann für Mons alles andere als rosig: Ende Dezember war im Zentrum eine riesige Freiluft-Installation des belgischen Künstlers Arne Quinze zusammengekracht – zum Glück ohne jemanden zu verletzen. Die Ermittler des Vorfalls schlossen einen Sabotage-Akt nicht aus, denn das Kunstwerk sei bei vielen Bürgern unbeliebt gewesen, wie Lokalmedien berichteten. Dass der Titel „Kulturhauptstadt“ nicht nur Segen bringt, war in der Vergangenheit immer wieder zu beobachten. In Marseille etwa, wo ärmere Bürger aus pompös umgebauten Stadtvierteln in die Randbezirke abgedrängt wurden. Auch in Mons sorgt der PR-gepushte Zirkus für Skepsis. Bei Francois Duesberg zum Beispiel, Gründer und Namensgeber seines privaten – und sehr sehenswerten – Museums in der Altstadt, das Gebrauchs- und Luxusgüter der Jahre von 1775 bis 1825 zeigt. Duesberg hält die Kultur-Aktivitäten für „Cyber-Firlefanz“ und hat schon damit gedroht, seine Sammlung nach Russland zu verkaufen.

Aufhalten konnten er und andere Kritiker das Treiben aber nicht: Seit Januar dreht sich das Kultur-Karussell mit mehr als 300 Veranstaltungen, die in Mons und mehreren Partnerstädten Belgiens stattfinden. Mit dem Label Kulturhauptstadt hofft der Intendant des Kulturhauptstadtprogramms, Yves Vasseur, die Region von ihrem Image der postindustriellen Stadt zu befreien. Ein paar neue Arbeitsplätze immerhin hat der Kulturhauptstadt-Status schon beschert – positiver Nebeneffekt für die Stadt, in der die Arbeitslosenquote bei rund 20 Prozent liegt.

Wallonisch bunt

Benannt nach der Klostergründerin Waltrude: die Stifts­kirche Sainte-Waudru in Mons

Sehenswert ist Mons allemal. Die im 7. Jahrhundert aus einem Kloster entstandene Tuchmacherstadt im südbelgischen Kohlerevier Hennegau bietet jede Menge pittoresker Perspektiven. Dass Mons übersetzt „Berge“ bedeutet, lässt sich angesichts des stetigen Auf und Ab ihrer gewundenen Gassen gut nachvollziehen. Die Enge legt nah, das Auto in einem der etwas ungastlich wirkenden Außenbezirke der 91000 Einwohner zählenden Stadt stehen zu lassen und sie zu Fuß zu erwandern.

Um Fotogenes vor das Objektiv zu bekommen, muss man erst das Großbaustellen-Flair zwischen neuem Bahnhof (der erst 2018 fertiggestellt werden soll) und Schnellstraße hinter sich lassen, um zum Beispiel die Rue de la Houssière hinaufzuschlendern. Hier wechseln sich die Baustile verschiedener Epochen ab: die Gotik der beeindruckenden Stiftskirche Sainte-Waudru mit ihren 29 Kapellen, der Barock des nicht minder imposanten Stadtturms Belfried und die industriell geprägte Architektur von Schlachthäusern, Kasematten, „Wassermaschinen“ und anderer Bauten aus dem 19. Jahrhundert. Die Fassaden der Wohnhäuser wirken typisch belgisch: gestrichen in kräftigen Farben, mit bewusst unterschiedlichen Fenstergrößen und Etagenhöhen. Für leidenschaftliche Entdecker von verborgenen Schönheiten und Skurrilitäten ist Mons ein Paradies: Ein verstohlener Blick in Hinterhöfe und enge Passagen lässt viele Überraschungen erhaschen: liebevoll gestaltete Gärtchen, jähe Weggabelungen, mysteriöse Durchgänge, extravagante Privatwohnungen und manch anderes Bonbon.

Ein Projekt des Kulturhauptstadt-Programms greift dieses Flair spielerisch auf: Im Rahmen von „Mons Street Review“ – online zu sehen unter www.street- review.eu – wurden im Zentrum rund 10 Straßen-Kilometer abfotografiert und angereichert mit verkleideten Stadtbewohnern und fremdartigen Installationen.

Ausstellungs-Highlights

Töchter und Söhne der Stadt aus vierzehn Jahrhunderten stellt in den ehemaligen Schlachthäusern – seit 2006 ein Zentrum für Gegenwartskunst – die Schau „Mons Superstar!“ vor. Ein durchaus selbstironischer Titel, denn die meisten „Superstars“ sind allenfalls in der Region bekannt. Immerhin zwei Söhne der Stadt haben es zu gewissem Ruhm gebracht: der Architekt und Bildhauer Jacques Du Brœucq und der „Musiker-Fürst“ Orlando die Lasso. Beiden Renaissance-Künstlern ist im Oktober 2015 je eine Festwoche gewidmet.

Auch zu zwei illustren Künstlern, die allerdings nicht aus dem Schoß der Stadt stammen, pflegt Mons eine enge Beziehung, zu sehen im städtischen Kunstmuseum Beaux-Arts Mons (BAM): zum französischen Dichter Paul Verlaine und zu keinem Geringeren als dem Niederländer Vincent van Gogh. Beide hielten sich in den 1870er-Jahren hier auf. Verlain saß wegen eines Pistolen-Attentats auf Arthur Rimbaud im Stadtgefängnis; van Gogh schwenkte während seines Aufenthalts von 1878 bis 1880 im nahen Bergbaurevier Borinage endgültig auf das Künsterdasein um.

Das BAM zeigt Verlains schönste Kerker-Verse sowie – natürlich – eine umfangreiche Van-Gogh-Schau mit dem Titel „Van Gogh im Borinage – Ein Künstler wird geboren“. Sie gilt als das Highlight im Ausstellungsreigen. In den ersten Sälen sind frühe Kopien (namentlich nach Millet) und Alltagsbilder zu sehen, die u. a. Kohlebergwerke, Minenarbeiter und Lastpferde zeigen.

Die Van-Gogh-Schau ist eine von 20 großen Ausstellungen, für die einige Museen zum Teil sogar neu errichtet wurden. Allein fünf sollen Anfang April eingeweiht werden. Eines davon ist in der früheren Kapelle des Ursulinenklosters untergebracht: die Artothèque, eine Art Schaulager, das die städtischen Sammlungen konserviert, nur einige Stücke ausstellt und den Großteil auf Bildschirmen abrufbar macht – ein Museum 2.0 sozusagen, das ganz dem Kulturhauptstadt-Thema „Technologie trifft Kultur“ folgt.

Äußerlich und innerlich modernisiert wurde auch das Mons Memorial Museum, das sich entwickelt hat von einem Schrein für Reliquien des Ersten Weltkriegs zu einem Ort der Reflexion über die Verwicklungen der Region in Konflikte seit dem Mittelalter. Als Unterkunft wird ihm die frühere «Machine-à-eau» von 1870 dienen, die zwei belgische Architekten umgebaut haben – wie zuvor im Stadtzentrum die in ein Theater verwandelte Reitschule und acht Kilometer südwestlich den zum Museum für Gegenwartskunst mutierten Zechen-Komplex Le Grand Hernu.

Dieser neoklassizistische Monumentalbau wurde von der Unesco auf ihre Welterbeliste gesetzt, wie auch der barocke, über der Stadt thronende Turm Belfried sowie die steinzeitlichen Feuerstein-Minen von Spiennes sechs Kilometer südöstlich des Zentrums. Diese beiden werden ebenfalls ein eigenes Museum erhalten, genau wie eine weitere, allerdings immaterielle Welterbe-Attraktion von Mons: die Ducasse (Kirmes), die am Dreifaltigkeits-Wochenende beginnt und bis zum nachfolgenden Sonntag dauert.

Zwischen Bier, Skoda und Kultur: Pilsen 2015

Historisches und Modernes vereint: Pilsen mit einem der größten Marktplätze Europas

Unter dem Motto „Open Up“ will Programmleiter Petr Forman, Sohn des Regisseurs Milos Forman, die Pilsener und ihre Besucher mit „leicht zugänglichen Angeboten auf hohem Niveau“ begeistern, mit einem Programm zwischen Attraktion und Kunst. Zirkus ohne Tusch und Tiere, ein Auftritt bunter Riesenfiguren der Compagnie Royal de Luxe aus Nantes, ein barocker Musiksommer in verfallenen Landkirchen und ein interaktives Riesenkarussell aus Paris, das auf dem Hauptplatz gastiert, werden die besonders farbenfrohen der zahlreichen Publikumsmagnete sein.

Bier – Star der Stadt

Früher war der westböhmische, rund eine Autostunde von Prag entfernte Ort eine graue Industriestadt – davon künden einige Bausünden aus der kommunistischen Ära. Heute besinnt sich Pilsen auf seine Tradition als Königsstadt (gegründet 1295 von Wenzel II.) und auf seine Modernität. Mit Handel und Industrie ist das rund 170.000 Einwohner zählende Pilsen reich geworden, mit Maschinenbau, Metallindustrie – und einer der größten Brauereien der Welt. Die Marke „Pilsener Urquell“ gehört zu den bekanntesten Bieren unseres Planeten – jährlich sprudeln mehr als vier Millionen Hektoliter in Flaschen und Fässer. Damit begann es 1842, als ein bayerischer Braumeister seine Handwerkskunst nach Böhmen brachte. Die Stadt lieferte den Namen für die untergärige Biersorte: Pilsener, kurz Pils.

Wegen des Bieres kommen immer noch die meisten Menschen nach Pilsen. Darum ist auch das Gelände der Urquell-Brauerei Schauplatz verschiedener Veranstaltungen – genauso wie der Zug, der München und Prag verbindet und dabei Halt in Regensburg und Pilsen macht. Er wird an den Wochenenden um ein Bühnen-Abteil aufgestockt. Darauf finden während des gesamten Kulturhauptstadtjahres Musik-Events statt, damit die Besucher einen Vorgeschmack auf die Events in der Kulturhauptstadt bekommen.

Wer sich schon zuhause auf Pilsen und seine Attraktionen einstimmen will, kann das per Smartphone tun: Mit der App „Versteckte Stadt“ präsentiert sich die Stadt ihren Besuchern über fiktive Berichte von (fiktiven) Einheimischen. Der Urquell-Erfinder ist dabei, ein früherer Arbeiter der Skoda-Werke, ein Künstler oder ein zwölfjähriges Mädchen.

Musik von E bis U

Bier für die Welt: Die Pilsener-Urquell-Brauerei zieht jährlich zahlreiche Besucher an

Pilsens architektonische Wahrzeichen sind indes die Sankt-Bartholomäus-Kathedrale (Katedrála sv. Bartolomeˇje) mit den höchsten Kirchtürmen Tschechiens. Dass Pilsen als prächtige Königsstadt angelegt wurde, zeigt der weitläufige Marktplatz, einer der größten Europas. Die Große Synagoge (Velká synagoga) schließlich ließ die jüdische Gemeinde im Jahr 1893 errichten. Sie ist die drittgrößte weltweit und mittlerweile frisch renoviert. Hier wird es während des Kulturhauptstadt-Jahres einige hochkarätige Konzerte geben.

Überhaupt hat Musik – auch deren U-Abteilung – einen großen Anteil in Pilsens Kulturprogramm. Headliner bei der „Feier der Freiheit“ am 1. Mai werden die amerikanische Rock-Veteranen von Lynyrd Skynyrd („Sweet Home Alabama“) sein, beim im Juli stattfindenden Festival „Rock for the People Europe“ die Schwermetaller von Motörhead.

Walt Disney auf Tschechisch

Gleich zwei Ausstellungen widmen sich dem Werk des berühmten, vor 104 Jahren in Pilsen geborenen, Filmkünstlers Jirˇí Trnka. Er wird auch als tschechischer Walt Disney bezeichnet. „Jirˇí Trnkas Atelier“ im Marionetten-Museum an Pilsens Hauptplatz lockt die Besucher noch bis zum 10. Mai mit einem multimedialen Event, bei dem es zum Beispiel Theatermarionetten aus den 1920er und 1930er-Jahren zu sehen gibt, Gemälde, Grafiken und Plastiken, originale Filmpuppen, eine Sammlung von Illustrationen, Installationen, digitalisierte Filme und vieles mehr.

Eine andere Richtung schlägt die zweite Trnka-Ausstellung ein: „Trnkova Zahrada 2“ (Garten 2). Sie erweckt Trnkas Buch „Garten“ interaktiv zum Leben, das in Tschechien schon Generationen von Lesern bezaubert hat. Die Besucher werden selbst zu Helden des Buchs – zu einem kleinen Jungen, der in einen alten Zaubergarten stolpert, dort viele Abenteuer erlebt und Gefahren überwinden muss. Die Ausstellung ist vor allem für Kinder bestimmt, jedoch auch ihre Eltern werden sich nicht langweilen.

Ausstellungs-Highlights

Die Westböhmische und die Städtische Galerie zeigen Ausstellungen interna­tionaler und tschechischer Künstler. Besonderes Highlight: Zum ersten Mal ist eine Sammlung von Maori-Portraits des Pilsner Künstlers Gottfried Lindauer in Europa zu sehen. Lindauer war nach Neuseeland ausgewandert und hatte die Ureinwohner dort porträtiert. Darum kommen nicht nur die Gemälde nach Tschechien, sondern auch Maori-Schamanen.

Die Kulturjahr-Veranstalter wollen die Kunst nicht von der industriellen Geschichte der Stadt trennen – und so gibt es eine Reihe von Veranstaltungsorten, die in alten Hallen und Fabriken untergebracht sind. Neue Orte der Kultur sind jüngst auf dem Gelände der Skoda-Werke entstanden: das Wissenschafts-Museum „Techmania“ und ein Planetarium. Das „Depot“, die ehemalige Wagenhalle des städtischen Verkehrsbetriebs in der Cukrovarnická-Straße, beherbergt vier große Ausstellungen, einige Tanz-, Theater- und Zirkusvorstellungen sowie die Präsentation europäischer Kulturen im Rahmen der Festspiele „Departures“.

Der Bildhauer Čestmír Suška zeigt hier in der Ausstellung „reSTART“ Arbeiten der Künstlergruppe Tvrdohlaví („die Starrköpfigen“), die aus Metallschrott Statuen gestaltet hat. Sie dauert noch bis Ende des Jahres 2015.

Städtereisen

Mütterchen mit Krallen

Es ist schon manchmal ein Kreuz mit den Schülern. Da bekommen sie Gelegenheit, eine der schillerndsten Metropolen Europas kennenzu … mehr