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Schule unterwegs

Berlin „erfahren“

Mischung aus Bewegung und Information kommt bei Jugendlichen gut an

Eva Walitzek

Rad fahren macht Spaß. Auf wenig befahrenen Nebenstraßen ist auch eine Radtour durch eine Millionenstadt nicht gefährlich

Eine Radtour? Ausgerechnet in Berlin? Die Vorstellung, mit einer Klasse auf zwei Rädern die Hauptstadt zu erkunden, treibt manchem Lehrer den Angstschweiß auf die Stirn. Schließlich gilt Berlin, anders als Münster oder Amsterdam, nicht als Fahrradstadt. Warum es sich dennoch lohnt, aufs Rad zu steigen und Berlin bei einer geführten Tour zu entdecken, zeigt dieser Beitrag.

Schon die Größe der Stadt spricht für eine Entdeckungstour auf zwei Rädern: Berlin ist mit knapp 892 Quadratkilometern die größte Stadt Deutschlands – und fast neunmal so groß wie Paris: Rund 45 Kilometer sind es von Ost nach West, 38 von Nord nach Süd. Anders als in manch anderer Stadt liegen die interessanten Orte in Berlin zu weit auseinander, um sie zu Fuß zu erkunden.

Mit dem Rad zum Berliner Dom

„Man bekommt ein ganz anderes Gefühl für die Stadt und ihre Dimensionen, wenn man mit dem Rad fährt. Und auf verkehrsarmen Nebenstraßen entdeckt man manche Besonderheit, die man bei der Stadtbesichtigung per Auto, Bus oder U-Bahn leicht übersieht“, meint Martin Wollenberg, Geschäftsführer von Berlin on Bike.

Safety first

Um die Sicherheit brauchen sich Lehrkräfte und Eltern nach Aussagen des Radexperten keine Sorgen zu machen. Denn die Stadt ist in puncto Fahrradfreundlichkeit besser als ihr Ruf. Sehr viele Berliner fahren täglich Rad; die Autofahrer haben sich an die Radfahrer gewöhnt und nehmen Rücksicht. Es gibt inzwischen rund 1.300 Kilometer Radwege – und bei geführten Touren kennen die Guides viele Schleichwege, auf denen man ohne großes Risiko radeln kann. In 16 Jahren habe es bei Zehntausenden Touren noch keine einzige Kollision mit einem Auto gegeben, berichtet Martin Wollenberg.

Sicherheit wird groß geschrieben: So sorgen die Veranstalter für verkehrssichere Fahrräder und – wenn die Eltern es wünschen oder die Schule es vorschreibt – für kostenlose Helme. Vor jeder Tour gibt es eine ausführliche Sicherheitseinweisung und die Guides achten konsequent darauf, dass die Schüler sich entsprechend verhalten.

Bei den Jugendlichen kommt die Mischung aus Rad fahren und Informationen gut an. Die Radtouren gehören zu den beliebtesten Programmpunkten bei Klassenfahrten, weiß Wollenberg. „Viele Lehrkräfte, die einmal eine Tour gebucht haben, tun es bei den nächsten Fahrten wieder.“

Radeln auf dem ehemaligen Todesstreifen

Die Touren für Klassen dauern in der Regel drei bis vier Stunden; etwa 12 bis 15 Kilo­meter legen die Gruppen in dieser Zeit zurück. Vor allem die Mauer-Tour steht bei Jugendlichen hoch im Kurs.

Etwa 160 Kilometer war die Mauer lang, die zwischen 1961 und 1989 die Stadt in West und Ost teilte und West-Berlin von der DDR abriegelte. Als Radweg dienen heute meist der alte Zollweg auf der Westseite der Mauer oder der sogenannte Kolonnenweg, den die DDR-Grenztruppen für ihre Kontroll­fahrten nutzten. Auf der Strecke informieren zahlreiche Stelen über die Teilung Deutschlands, den Bau und den Fall der Berliner Mauer und über Ereignisse, die sich an den einzelnen Orten zugetragen haben. Und sie erinnern an die Menschen, die bei Fluchtversuchen getötet wurden.

Am ehemaligen Todesstreifen gibt es viel zu sehen: die Grenzübergänge Heinrich-Heine-­Straße und Friedrichstraße/Checkpoint Charlie mit dem Mauermuseum beispielsweise, die East Side Gallery, die längste Open-Air-Galerie der Welt, den Mauerpark, die Bornholmer Straße, wo 1989 die Mauer fiel, und die Gedenkstätte Bernauer Straße mit dem einzigen Abschnitt der Mauer, an dem die gesamte Struktur der Grenze aus Vorderland­mauer, Kolonnenweg, Zäunen und Hinterland­mauer noch erhalten ist.

Jugendliche finden oft den Abschnitt an der Bernauer Straße besonders interessant. Dort lässt sich gut erleben, dass beste Freunde, Nachbarn, Geliebte, die nur auf der anderen Straßenseite lebten, plötzlich unerreichbar waren.

Zeitzeugen erzählen

Es geschah im November von Kani Alavi – eines von gut hundert Bildern der East Side Gallery, die im Frühjahr 1990 auf der Ostseite der Mauer entstanden

Checkpoint Charlie – einst einer der bekanntesten Grenzübergänge

Die Mauer-Touren werden oft von Zeitzeugen geleitet, die die Mauerzeiten und den Mauerfall selbst erlebt haben. Sie sprechen bei den Stopps über Dinge, die Jugendliche interessieren, zum Beispiel über die unterschiedlichen Lebensverhältnisse von jungen Leuten in Ost und West.

Wie viele ihrer Altersgenossen fühlten sich Peter Fechter und sein Freund Helmut Kulbeik in der DDR eingeengt. Am 17. August 1962 versuchten sie, in der Zimmerstraße nahe dem Grenzübergang Checkpoint Charlie über die Mauer aus dem Ostteil der Stadt in den Westen zu fliehen. Helmut Kulbeik gelang die Flucht, Peter Fechter wurde angeschossen und verblutete im Todesstreifen, weil ihm niemand half. Er war erst 18 Jahre alt.

Peter Barsch, der heute als Radguide auf der Mauer-Tour von seinen Erfahrungen erzählt, hatte mehr Glück: Er landete nach einem gescheiterten Fluchtversuch „nur“ für 23 Monate im Jugendgefängnis. Trotzdem gab er nicht auf: Beim dritten Versuch gelang es ihm, mit einer Freundin die Grenzanlagen zu unterschwimmen. „Die Jugendlichen sind meist beeindruckt, wenn sie diese Geschichte hören“, weiß Martin Wollenberg.

Street Art und andere Highlights

Weiße Kreuze zum Gedenken an die Mauertoten

Neben der Mauer-Tour bieten die Veranstalter noch zahlreiche andere Touren an, zum Beispiel eine Fahrt durch Berlins historische Mitte, die zu Sehenswürdigkeiten wie Reichstag, Brandenburger Tor, Gendarmenmarkt, Museumsinsel, Berliner Dom, Prenzlauer Berg und Schlossplatz führt. Dabei lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch die Geschichte(n) dahinter, Wohnorte von Prominenten, berühmte Straßen wie Unter den Linden, aber auch manche nicht so bekannte Ecken kennen.

Bei Klassen sehr beliebt ist auch die Street-Art-Tour. Sie führt zu Open-Air-Kunstwerken, die aus dem Straßenbild von Berlin nicht wegzudenken sind: zu illegal gesprayten Graffitis, aber auch zu bezahlten Auftragswerken, bemalten Hausfassaden sowie Urban-­Farming-Projekten. Die Tour kann auch mit einem Workshop kombiniert werden, bei dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verschiedene Graffiti-Techniken erlernen.

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