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Schule unterwegs

Spurensuche in Berlin

Jüdisches Leben und Antisemitismus

Eva Walitzek

Weithin sichtbar – die Kuppel der Neuen Synagoge im Zentrum Berlins

Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße mit der goldenen Kuppel ist heute wieder ein Blickfang. Viele für Juden bedeutende Orte und Traditionen wurden dagegen zerstört und sind verschwunden. Die Geschichte der Juden in Berlin und in ganz Deutschland war bereits lange vor dem Holocaust durch Diskriminierung, Vertreibung und Pogrome geprägt. Eine Chronik des jüdischen Lebens und des Antisemitismus.

Die Spurensuche beginnt in einer der ältesten Straßen Berlins, der Jüdenstraße aus dem 13. Jahrhundert. Nur noch der Name und das Straßenschild erinnern an den Großen Jüdenhof, in dem im Mittel­alter und in der frühen Neuzeit alle Juden leben mussten. Auch das Haus in der Spandauer Straße, in dem Moses Mendelssohn lange wohnte, steht nicht mehr: Eine Stele an der Marienkirche erinnert an den Philosophen, der sich für die Rechte der jüdischen Bürger und für ihre umfassende Bildung einsetzte. Vor Diskriminierung schützte ihn das nicht: Friedrich der Große verhinderte seine Aufnahme in die Akademie der Wissenschaften. Aber Gotthold Ephraim Lessing setzte ihm in der Gestalt von Nathan dem Weisen ein literarisches Denkmal und plädierte in der berühmten Ringparabel für religiöse Toleranz und ein vorurteilsfreies Miteinander.

Vertreibung aus Berlin

Im krassen Gegensatz dazu standen die judenfeindlichen Schriften und Predigten Martin Luthers, die in Deutschland lange übersehen wurden. Vor der Marienkirche an der Karl-Liebknecht-Straße steht die Statue des Reformators. Auf dem Kirchplatz hat im Jahr 1510 der Berliner Hostienschänder­prozess stattgefunden.

Ein wegen Diebstahls einer vergoldeten Monstranz und zweier geweihter Hostien angeklagter Kesselschmied beschuldigte unter Folter Juden, ihn angestiftet zu haben. Mehr als 40 Juden wurden daraufhin hingerichtet; bei der anschließenden Judenverfolgung wurden alle Juden aus Berlin und Brandenburg vertrieben.

„Danach gab es 150 Jahre lang kein jüdisches Leben mehr in Berlin. Erst nach einem Dekret des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm im Jahr 1671 ließen sich wieder Juden in Berlin nieder“, sagt der Historiker Dr. Martin Jander, der bei seinen Führungen zu jüdischen Orten in Berlin die Stimmen der Vertriebenen und Ermordeten zumindest in der Erinnerung wieder lebendig werden lässt. „Ich möchte Anregungen bieten, sich mit der jüdischen Geschichte und mit dem Antisemitismus auseinanderzusetzen.“

Der 1880 eingeweihte Jüdische Friedhof in Berlin Weißensee blieb von Verwüstungen durch die Nazis weitgehend verschont. Während des Kriegs fanden einige untergetauchte Juden hier Unterschlupf

Ein Ort zum Erinnern und Innnehalten unter dem Stelenfeld – der Raum der Dimensionen

Der alte jüdische Friedhof in der großen Hamburger Straße war die Begräbnisstätte der damals noch neuen jüdischen Gemeinde. Zwischen 1672 und 1827 wurden hier Tausende Gemeindemitglieder beerdigt, unter anderem Moses Mendelssohn. An sein Grab erinnert nur eine Nachbildung seines Grabsteins. Denn der Friedhof und auch das in der Nähe gelegene jüdische Altenheim wurden 1943 von den Nationalsozialisten zerstört, die Gebeine der Toten ausgegraben, die Grabsteine zerschlagen. Das Altenheim hatte die Gestapo ab 1942 als Sammellager für die jüdischen Einwohner genutzt: Sie wurden von hier in die Konzentrationslager Auschwitz und Theresien­stadt deportiert.

Die Frauen von der Rosenstraße und andere stille Helden

Gegen die geplante Deportation ihrer Männer demonstrierten Ende Februar/Anfang März 1943 mehrere hundert Frauen zwei Wochen lang vor einem Haus der Jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße. Schließlich gab das Regime nach. Fast alle Verhafteten wurden freigelassen. Heute erinnert das Denkmal „Block der Frauen“ der Bildhauerin Ingeborg Hunzinger an den Aufstand der Frauen – und daran, dass Widerstand im NS-Staat möglich war und erfolgreich sein konnte.

Auch der Besen- und Bürstenfabrikant Otto Weidt rettete Juden im Dritten Reich vor der Deportation. Er beschäftigte nicht nur blinde und gehörlose Juden in seiner Werkstatt, sondern versteckte von Deportation bedrohte Mitarbeiter. Weidt besorgte ihnen Essen und falsche Papiere und bestach, wenn nötig, auch die Gestapo. „Er fuhr sogar ins Konzentrationslager, um deportierte Mitarbeiter zurückzuholen“, erzählt Martin Jander. 2006 wurde aus der ehemaligen Werkstatt auf Ini­tiative einer Geretteten, Inge Deutschkron, ein Museum.

Nationalsozialistischer Holocaust

Das Holocaust-Mahnmal mit mehr als 2.700 unterschiedlich hohen Stelen

Direkt gegenüber am Hackeschen Markt liegt das Anne Frank Zentrum, in dem gelegentlich das originale Tagebuch Anne Franks als Leihgabe zu sehen ist. Schautafeln, Filme und Vorträge informieren über das Leben Annes und ihrer Familie im Versteck in der Prinsengracht in Amsterdam.

In Berlin hatten bis Anfang der 1930er-Jahre rund 160.000 Juden gelebt, nach dem Krieg waren es nur noch knapp 6.000. Etwa 55.000 jüdische Bürger Berlins wurden deportiert und ermordet. Andere, darunter Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler wie Lise Meitner, Albert Einstein, Otto Hahn, Nelly Sachs und Mascha Kaléko, gingen ins Exil. „Von ihnen kehrten nur wenige nach Berlin oder Deutschland zurück“, weiß Dr. Martin Jander.

Neubeginn nach dem Krieg

Vor allem Juden aus Osteuropa ließen sich nach dem Krieg in Westberlin nieder. Auch aus der DDR flohen zahlreiche Juden Anfang der 50er-Jahre in den Westen der Stadt, weil sie Verhaftungen fürchteten – darunter viele Vorstandsmitglieder der jüdischen Gemeinde. „Juden, die den Holocaust im Exil in westlichen Ländern überlebt hatten, wurden beschuldigt, amerikanische Spione zu sein“, erinnert Martin Jander an ein weithin vergessenes Detail aus der jüngeren Geschichte. Um der angeblichen „zionistischen Gefahr“ zu begegnen, wurden jüdische Angestellte in den Verwaltungen entlassen, kulturelle Veranstaltungen jüdischer Gemeinden wurden im Ostteil der Stadt verboten.

Neue Synagoge und Jüdisches Museum

Ausdrucksstark: der von Daniel Libeskind gestaltete Neubau des Jüdischen Museums

Die zwischen 1859 bis 1866 im maurischen Stil errichtete Neue Synagoge in der Oranienburgerstraße in Ostberlin hatte die Pogrom­nacht im November 1938 überstanden. Im Zweiten Weltkrieg zerstörten Bomben die einst größte und prächtigste Synagoge Deutschlands fast völlig. 1958 wurde dann noch der Hauptraum gesprengt.

Erst nach der Wiedervereinigung wurde die Synagoge wieder aufgebaut, allerdings kleiner als zuvor. Nur die Fassade und die goldene Kuppel wurden rekonstruiert; an den größten Teil der Synagoge erinnern lediglich in den Boden eingelassene Markierungen. Die im Juli 2018 nach der Restaurierung neu eröffnete Dauerausstellung „Tuet auf die Pforten“ zeigt, wie vielfältig jüdisches Leben in Berlin war.

Das Jüdische Museum stand einst neben der Neuen Synagoge. Es wurde im Januar 1933, kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozia­listen, eröffnet und während der November­pogrome am 10. November 1938 von der Gestapo geschlossen. Die damals geraubten Kunstwerke sind heute teilweise in Museen in Los Angeles und Jerusalem zu sehen.

Heute befindet sich das Jüdische Museum in der Lindenstraße in Kreuzberg. Es besteht aus dem barocken Kollegienhaus und einem nach Plänen des US-amerikanischen Architekten Daniel Libeskind errichteten Neubau – einem markanten Zick-Zack-Bau mit schiefen Wänden und unterirdischen Achsen. Das Museum ist das größte jüdische Museum in Europa und gibt einen Überblick über 1700 Jahre jüdische Geschichte in Deutschland.

Schulklassen können an speziellen Führungen und Workshops teilnehmen; Lehrkräfte finden auf der Website zahlreiche Materialien für den Unterricht und die Vorbereitung des Museumsbesuchs.

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