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Wege zur Bildung freimachen

Mercator-Institut fordert gemeinsames Verfahren der Bundesländer‚ für den Zugang von Flüchtlingen zu Bildung und Schule

Im Jahr 2014 sind knapp 100.000 Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter neu nach Deutschland zugewandert. Die Zahl hat sich seit 2006 vervierfacht, dennoch lag der Anteil neu zugewanderter Kinder und Jugendlicher im Verhältnis zur Gesamtschülerschaft bei einem Prozent. Das sind die zentralen Ergebnisse einer Studie des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache und des Zentrums für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln

Die Studie gibt erstmals einen bundesweiten Überblick über die schulische Situa-

tion neu zugewanderter Kinder und Jugendlicher. Dabei bezieht sie nicht nur geflüchtete Kinder und Jugendliche ein, sondern alle Sechs- bis 18-Jährigen, die neu nach Deutschland zuwandern. Für die Studie haben die Autorinnen und Autoren Daten des Statistischen Bundesamtes, des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und kommunale Daten aus den letzten Jahren bis Ende 2014 ausgewertet.

„Die aktuellen Herausforderungen waren, wenn auch nicht in der Dimension der letzten drei Monate, vorhersehbar“, sagte Anfang Oktober Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache. „Die Frage, wie neu zugewanderte Kinder und Jugendliche im Bildungssystem aufgenommen werden können, ist jahrelang vernachlässigt worden. Jetzt fehlen die nötigen Informationen, Konzepte sind in Vergessenheit geraten. Mit den Berechnungen dieser Studie liegen erstmals fundierte Annäherungswerte vor. Sie zeigen: Die Zahl wächst mit großer Geschwindigkeit und gerade diese Schnelligkeit stellt die Schulen und Lehrkräfte vor große Herausforderungen“, so Becker-Mrotzek. Die Studie hat ergeben, dass in vielen Bundesländern nicht systematisch erhoben wird, wie viele neu zugewanderte Kinder und Jugendliche ohne Deutschkenntnisse tatsächlich an den Schulen sind. Ohne diese Planungsgrundlage ist es jedoch kaum möglich, den Bedarf an Lehrkräften und weiteren Ressourcen rechtzeitig einzuschätzen. „Die Bundesländer müssen sich auf ein gemeinsames Verfahren einigen“, ergänzte Becker-Mrotzek.

Heterogenes Bild

Insbesondere die weiterführenden Schulen stehen vor großen Herausforderungen: Laut der Studie sind mehr als zwei Drittel der neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen zwischen zehn und 18 Jahre alt, allein 14 Prozent gehören zur Altersgruppe der 18-Jährigen. Sie benötigen einen Schulplatz an einer weiterführenden Schule, insbesondere an berufsbildenden Schulen sind zusätzliche Kapazitäten erforderlich. Unterschiede zeigen sich auch hinsichtlich der regionalen Verteilung: Zwar lag der Anteil neu zugewanderter Schülerinnen und Schüler an der Gesamtschülerzahl im Bundesdurchschnitt 2014 bei 1,02 Prozent, er schwankt jedoch deutlich zwischen den Bundesländern und einzelnen Regionen: Brandenburg verzeichnete 2014 den niedrigsten Anteil mit 0,56 Prozent, der Stadtstaat Bremen den höchsten Wert mit 1,79 Prozent. Allein innerhalb der Kölner Stadtteile schwankt der Anteil zwischen 0,8 und 2,7 Prozent. Dazu kommt eine ungleiche Verteilung hinsichtlich der Schulformen: In Köln beispielsweise werden Vorbereitungsklassen häufiger an Haupt-, Real- und Gesamtschulen als an Gymnasien eingerichtet.

Uneins schon bei der Schulpflicht

Die Studie gibt auch einen Überblick über rechtliche Rahmenbedingungen, die Organisation des Unterrichts und Unterstützungsangebote für Lehrkräfte sowie Schulen. Dafür wurde eine Abfrage unter den Kultusministerien aller 16 Bundesländer realisiert und mit eigenen Recherchen ergänzt.

Großer Nachholbedarf besteht hinsichtlich der Schulpflicht: Nur in Berlin und im Saarland gilt die gesetzliche Schulpflicht für alle Kinder und Jugendlichen uneingeschränkt von Anfang an. In allen anderen Bundesländern gilt sie nicht automatisch für Kinder und Jugendliche ohne Aufenthaltsstatus oder vor Beginn des Asylverfahrens. „Das Verfahren kann derzeit mehrere Monate, teilweise länger als ein Jahr dauern. Auch wenn in diesem Zeitraum ein Recht auf Schulbesuch besteht, sind die Kinder und Jugendlichen häufig faktisch vom Schulbesuch ausgeschlossen“, kritisiert Mona Massumi, abgeordnete Lehrerin am Zentrum für LehrerInnenbildung und Mitautorin der Studie. Die Autorinnen und Autoren empfehlen, dass zwischen Ankunft und Schulbesuch nicht mehr als drei Monate liegen sollten. Für diesen Zeitraum sollten außerdem außerschulische Lernangebote geschaffen werden.

Konkurrenz der Modelle

Für die Unterrichtsorganisation gibt es in allen Bundesländern Regelungen, allerdings sind diese unterschiedlich verbindlich und konkret und geben den Schulen teilweise nur wenig Orientierung. Die Studie hat fünf Modelle identifiziert, nach denen neu zugewanderte Kinder und Jugendliche unterrichtet werden. Das Spektrum reicht von integrativem Unterricht in der normalen Klasse ab dem ersten Tag bis zur Einrichtung parallel geführter Klassen, in denen die Schülerinnen und Schüler zunächst Deutsch lernen und später sogar einen Schulabschluss erwerben können. Alle Modelle sind darauf angelegt, möglichst schnell den Übergang in eine Regelklasse bzw. Berufsausbildung zu ermöglichen. Die Stadtstaaten Berlin und Hamburg verfahren vergleichsweise einheitlich, in den meisten Bundesländern sind jedoch mehrere Modelle im Einsatz, abhängig von der Region, Schülerzahlen und der Schulform. Insgesamt werden parallel geführte Klassen häufiger an weiterführenden Schulen eingerichtet als an Grundschulen. „Zu der Frage, welches Modell am besten funktioniert, gibt es noch keine wissenschaftlich fundierte Antwort. Grundsätzlich können sowohl integrative Modelle als auch parallele Modelle sinnvoll sein. Das Modell muss zur Schule passen“, resümiert Dr. Nora von Dewitz, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Mercator-Institut und Mitautorin der Studie.

Die Studie zeigt, dass die Länder zunehmend Unterstützungs- und Fortbildungsangebote für Lehrkräfte und Schulen auf den Weg bringen, das Angebot ist jedoch häufig unübersichtlich. „Das Thema ist kein Projekt für eine Taskforce auf Zeit, sondern eine langfristige Aufgabe. Migrationsbewegungen, wie wir sie gerade erleben, sind ein wiederkehrendes Phänomen. Dieses Thema wird immer wieder und durchgängig eine Rolle spielen. Gerade deshalb sollten auch Mindeststandards für den Schulbesuch neu zugewanderter Kinder und Jugendlicher entwickelt werden. Die Themen Migration und Deutsch als Zweitsprache müssen noch breiter in der Lehramtsausbildung verankert werden“, fordert Becker-Mrotzek.

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