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MINT-Bildung

Noch nicht an einem Strang

Nationaler MINT Gipfel 2017 ergab ein gespaltenes Bild von der MINT-Bildung in Deutschland

Mit fast 500 Gästen war der 5. Nationale MINT Gipfel im Juni 2017 so gut besucht wie nie zuvor. Ob bei der Präsentation von Praxisbeispielen, Keynotes und Fachvorträgen oder der Debatte mit Vertretern der Bundestagsparteien am politischen Nachmittag – stets wurden als zukünftige Herausforderungen zwei Themen besonders herausgestellt: Qualität und Umsetzung

Für den diesjährigen Nationalen MINT Gipfel hatte das Nationale MINT Forum einen authentischen Ort für MINT-Bildung ausgewählt: die Technische Universität in Berlin. Gekommen waren MINT-Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft, Lehrende, Studierende, Fachleute aus Bundes- und Landesministerien, Experten aus Verbänden und Stiftungen sowie Wirtschaftsunternehmen. „Dass wir in diesem Jahr einen Teilnahmerekord haben, zeigt, dass das Thema inzwischen in der Breite angekommen ist. Jetzt müssen wir für Nachhaltigkeit sorgen“, sagte Co-Sprecher Thomas Sattelberger bei der Begrüßung. Co-Sprecherin Nathalie von Siemens rief die Anwesenden ausdrücklich auf, eigene Erfahrungen einzubringen und kritische Fragen zu stellen.

National auf dem Weg, im internationalen Vergleich noch Nachholbedarf

Die Bundesministerin für Bildung und Forschung Johanna Wanka hatte für das Grußwort ihren Abteilungsleiter für strategische Grundsatzfragen, Matthias Graf von Kielmansegg, geschickt. Der stellte die drei Herausforderungen vor, die für sein Haus beim Thema MINT zurzeit im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen: Digitalisierung, Fachkräftenachwuchs, Durchlässigkeit des Bildungssystems. Dabei sei es von großer Bedeutung, dass Bund und Länder sowie alle anderen Akteure eng aufeinander abgestimmt arbeiten. Die Forderungen des Nationalen MINT Forums seien insofern zu begrüßen. Beim Thema Digitalisierung nannte Kielmansegg die aktuellen Gespräche zum DigitalPakt „erstaunlich kooperativ“, gleich welche politische Farben in den Ländern regieren, denn bei den Prinzipien sei man sich einig: Primat der Pädagogik, Adressierung aller Schularten, individuelle Umsetzung an Schulen je nach Ausgangslage, zusätzliche schul-, schulträger- und länderübergreifende Ansätze bei Fragen von Wartung, Sicherheit, Cloudlösungen, Verwaltung und Lehrerfortbildung, Verknüpfung der Lernorte Schule und Betrieb.

Bei allen Herausforderungen in Détails des DigitalPaktes – „es gibt keinen Weg zurück mehr“, sagte Kielmansegg auf dem MINT Gipfel. Beim Thema Fachkräfte nannte er als wichtigste Herausforderung, neben der überdurchschnittlich hohen Abbrecherquoten in MINT-Studiengängen (rund 30 %), die Gewinnung von Frauen. Hierfür gibt der Bund laut Kielmansegg in den nächsten Jahren eine halbe Milliarde Euro in kreative Konzepte der Lehrerausbildung sowie zur Stärkung der Berufsschullehrer.

Beim Thema Durchlässigkeit rief er die Hochschulen auf, sich noch stärker zu öffnen. Der Bund wolle dies womöglich durch finanzielle Anreize in den vorhandenen Pakten unterstützen. Kielmansegg dankte den vielen MINT-Akteuren für ihr Engagement und die „vielen Anregungen“ und versicherte, dass bei der Umsetzung „die Bundesregierung und das BMBF ein verlässlicher Partner sind“.

Mädchen und junge Frauen zieht es nach wie vor fast gar nicht in technische Berufe. Abhilfe würden auch modernere, ansprechende Unterrichtskonzepte schaffen, hieß es beim Nationalen MINT Gipfel 2017

Wie Deutschland mit diesen Aktivitäten im internationalen Vergleich dasteht, zeigte der informative Vortrag von PISA-Forscher Prof. Andreas Schleicher, Direktor für Bildung bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). So liegt Deutschland insgesamt zwar seit der ersten PISA-Veröffentlichung über dem OECD-Durchschnitt, seit 2012 stagniert die Entwicklung oder geht sogar abwärts. Insgesamt sank seit 2006 in Deutschland die Begeisterung junger Leute für die MINT-Bildung. Gemessen an ihren Berufsplänen stehen die deutschen Jugendlichen sogar unter den Schlusslichtern: Nur rund 20 Prozent der Jugendlichen wollen in einen MINT-Beruf, halb so viel wie etwa Kinder in den USA. Das Interesse junger Männer an einer MINT-Ausbildung stagniert, junge Frauen erwägen ingenieurnahe Fächer nach wie vor so gut wie überhaupt nicht. Für die Bildung liegen laut Schleicher die Herausforderungen darin, die richtigen Unterrichtsmethoden anzuwenden, um das vielfältige Wissen zu bewältigen. Partizipatives Lernen, der Austausch und eigenständiges Denken spielten eine zentrale Rolle, um im globalen Kontext bestehen zu können. Auch hier stehe Deutschland zurzeit noch im untersten Viertel. Viele weitere Informationen, Fakten und Zahlen der jüngsten Studien befinden sich unter www.oecd.org.

MINT-Akteure brauchen Unterstützung

Die Gesprächsrunde mit fünf MINT-Botschaftern zeigte erneut, dass es in Deutschland viele Akteure und großes Engagement gibt. Doch so unterschiedlich die MINT-Initiativen auch sind, in einem waren sich alle einig. MINT-Botschafter Christoph Igel drückte es so aus: „Wir wissen sehr viel über die Vorteile der MINT-Bildung, wir haben hervorragende Ideen, aber in der Umsetzung kann es besser werden.“ Die Rückmeldungen der vielen MINT-Akteure im Publikum bestätigten diese Einschätzung. „Helft uns bei der Umsetzung“, hieß es dort, „das Vorzeigen guter Beispiele allein reicht nicht aus“. „In den Schulen fehlt uns Raum für Fortbildung und Umsetzung guter Ideen … Wir brauchen konkrete Mustercurricula, die nicht nur zeigen, was noch alles getan werden soll, sondern auch, was weggelassen werden kann … Wir brauchen eine auskömmliche Finanzierung und können uns nicht allein auf ehrenamtliche oder teilfinanzierte Arbeitskräfte stützen.“

Parteien begrüßen die sechs Kernforderungen des Nationalen MINT Forums

„Zeit für eine Allianz“: Nathalie von Siemens, Vorsitzende und Sprecherin des Vorstands der Siemens-Stiftung, fordert ein breiteres öffentliches Engagement für die MINT-Bildung

Die Rückmeldungen der Gipfelteilnehmer wurden in Gegenwart der bereits anwesenden bildungspolitischen Sprecher der vier im Bundestag vertretenen Parteien geäußert. Umso mehr wurde nun mit großer Spannung der politische Diskurs der vier auf dem Podium erwartet. Sybille Benning (CDU), Elfi Scho-Antwerpes (SPD), Dr. Rosemarie Hein (Die LINKE) und Özcan Mutlu (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) waren gebeten, die sechs Kernforderungen des Nationalen MINT Forums zu debattieren und sich kritischen Zwischenfragen ausgewählter MINT-Akteure zu stellen. Zum Einstieg präsentierte Nathalie von Siemens diese Forderungen in aller Kürze:

  1. konsequente Umsetzung des Digitalpakt#D,
  2. Qualitätssicherung über eine nationale MINT-Allianz,
  3. Spitzenförderung in Leistungszentren, -Schulen und -Initiativen,
  4. bessere Vernetzung der Akteure über bundesweite Servicestellen,
  5. bessere Verzahnung von beruflicher und akademischer Bildung, und schließlich
  6. Befähigung und Finanzierung der Hochschulen, um ihre Rolle als Innovationsmotor wahrzunehmen.

Alle vier Politiker stimmten den Forderungen grundsätzlich zu, befanden sich aber bei der Frage der Umsetzung rasch im Wahlkampfmodus und blieben eher allgemein. So stritten sie beispielweise über die Notwendigkeit eines Kooperationsverbotes: Benning verwies auf die bestehenden Zuständigkeiten, Scho-Antwerpes forderte dagegen vehement die Aufkündigung, Hein verwies darauf, dass die Umsetzung mit und ohne Verbot längst möglich ist und Özcan Mutlu betonte, die Bündelung der Aktivitäten sei sinnvoller als 16 Einzellösungen. Deutlich wurden die unterschiedlichen Sichtweisen auch bei der Lehrerbildung: Während die Vertreterinnen von SPD und GRÜNEN Freiräume für die Fortbildung der Lehrkräfte über neue Stellen schaffen wollen, setzte die CDU-Abgeordnete auf Freiwilligkeit. Die Vertreterin der LINKE riet, Lehrer in Veränderungsvorhaben aktiv einzubinden und fächerübergreifend vorzugehen.

In seiner abschließenden Stellungnahme kommentierte Stefan Dorgerloh, ehemaliger Präsident der Kulturministerkonferenz, die bisherigen politischen Entwicklungen und Reibungspunkte und konnte auf ein tagesaktuelles Beispiel verweisen. Die Kultusministerkonferenz hatte am Tag des Gipfels die Ergebnisse der Bund-Länder-Arbeitsgruppe zum Eckpunktepapier DigitalPaktSchule beschlossen, die ursprünglich gemeinsame Pressekonferenz dazu fand aber ohne die Beteiligung des Bundes statt. Da die Finanzierung durch den Bund geschehe, bleibe das Papier zunächst eine Absichtserklärung, stellte Dorgerloh fest und betonte: „Wenn wir im September eine neue Regierung haben, muss im Koalitionsvertrag so konkret wie möglich festgehalten werden, wieviel Geld für was ausgegeben wird.“

„Zeit für eine Allianz“

In der abschließenden Keynote von Janina Kugel, Personalvorstand der Siemens AG, erfuhren die Zuhörer, was ein Technologiekonzern pro Jahr in Aus- und Weiterbildung investiert: jährlich mehr als eine halbe Milliarde Euro. Kugel betonte, dass neben den wichtigen digitalen Kenntnissen mehr denn je soziale Kompetenzen gefragt sind: „Wir lösen Faszination aus, wenn wir sagen, wie MINT die Welt zum Besseren verändert – und das schließt neben Mathe und Naturwissenschaften Empathie, Kreativität und komplexes Problemlösungsvermögen mit ein.“

„Auf keinem der bisherigen Gipfel haben wir so viel diskutiert und trotz der großen Anzahl an Teilnehmern so viel über die praktischen Herausforderungen auf den unterschiedlichen Bildungsebenen erfahren“, resümierte Nathalie von Siemens am Ende des Gipfels. Das habe gezeigt, „dass wir für die richtigen Inhalte streiten“. MINT-Bildung sei nicht allein eine ökonomische Notwendigkeit, sie habe auch eine starke soziale Komponente. „Wir haben die Erfahrung und das Wissen, und wenn der Standort Deutschland nicht den Anschluss verlieren will, ist es jetzt an der Zeit, in einer Allianz die Qualität der MINT-Bildung zu sichern.“

Weitere Informationen:

www.nationalesmintforum.de

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