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Fuß in der Tür

Dürfen Autobauer den Schulen bei der Digitalisierung helfen?

Nach dem Willen von Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sollen Autokonzerne künftig Lehrer ausbilden, um die Digitalisierung der Schulen schneller durchzusetzen. Das „Bündnis für humane Bildung“ und das anthroposophische Netzwerk „Eliant“ kritisieren dieses Vorhaben – aber messen dabei durchaus mit zweierlei Maß

Bildung muss frei von Konzern-Interessen bleiben. Sicherlich alle Pädagogen gehen mit dieser Kernforderung des Bündnisses für humane Bildung d‘accord. „Bildung ist in der Demokratie vor allem eine staatliche Aufgabe, weil Schule dem Allgemeinwohl zu dienen hat“, sagt Prof. Ralf Lankau vom Bündnis. Schüler sollten sich zu kritischen Bürgern entwickeln, ohne einseitige Einflussnahme durch Industrie-Verbände. Unter dem Deckmantel „Digitale Bildung“ werde der Lobbydruck immer stärker. „Bei solchen Vorstößen geht es doch vor allem darum, Bildungsinhalte zu privatisieren und möglichst hohe Renditen abzuschöpfen“, so Dr. Michaela Glöckler, Kinderärztin und Präsidentin von Eliant.

Diese Kritik entzündete sich an einer Äußerung von Kretschmann gegenüber der „Stuttgarter Zeitung“ (24.07.2018): „Wir brauchen doch eine digitale Pädagogik und nicht nur Tablets. Darum bin ich froh, dass die Autofirmen uns dabei jetzt unterstützen und ein Bündnis für die digitale Bildung entwickeln, bei dem pädagogisches Personal direkt bei den Unternehmen geschult wird.“

„So bereitet der Ministerpräsident die Übernahme des Bildungssystems durch die Privatwirtschaft vor“, kritisiert Professor Lankau. Die Wirtschaft dürfe auf keinen Fall, „Lehrer ‚direkt bei den Unternehmen‘ ausbilden, weil so ein Einfallstor für Lobbyarbeit entsteht“, ergänzt Dr. Glöckler.

Diese Ideen stünden für einen Trend, der sich bereits in anderen Bundesländern beobachten lässt, so die Verbände: Digital-Technik werde ohne demokratische Legitimation in Schulen gedrückt, etwa in Mecklenburg-Vorpommern – ausgerechnet mit Spenden: Die „Calliope gGmbH“ verschenke den Mini-Computer „Calliope“ tausendfach an Schulen, wobei sie bewusst demokratische Prozesse unterlaufe und mit Hardware harte Fakten schaffe. Hinter dem gemeinnützigen Unternehmen stehen IT-Riesen wie Google, Microsoft oder SAP, wie die Autoren Gerald Lembke und Ingo Leipner im Buch „Die Lüge der digitalen Bildung“ (2018, 3. Aufl.) kritisieren.

„Auf diese Weise mogeln sich die Spender am Landtag vorbei und lancieren Unterrichtsinhalte, die der Lehrplan bisher nicht kennt“, sagt Lankau dazu. „Das ist Lobbyarbeit durch die Hintertür, was auch bei Kretschmanns Plänen in Baden-Württemberg zu befürchten ist.“ Bildung muss aber eine öffentliche Aufgabe bleiben: „Sie ist einzubetten in demokratische Prozesse“, fordert Dr. Glöckler, „damit junge Menschen nicht nur in der Filterblase der IT-Industrie groß werden.“

So weit, so gut, so wichtig. Aber frei von Lobbyarbeit sind auch Waldorfschulen nicht – schließlich ist man gut vernetzt mit GLS-Bank, Weleda und anderen Unternehmen anthroposophischer Ausrichtung, und sicher nicht aus reiner Gutmenschelei. Ist das nun „guter“ Lobbyismus, nur weil dessen Player keine Dreckschleudern produzieren? Etwas mehr Reflexion sollte schon sein, bevor man – im Glashaus sitzend – mit Steinen wirft.

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